✠ Blog des ALTEN SOUVERÄNEN TEMPLER ORDENS (ASTO) ✠

Die Vergänglichkeit des Menschen: Eine kostbare Wahrheit

Im biblischen Psalm 103 heißt es: „Wie Gras sind die Tage des Menschen, er blüht wie die Blume des Feldes. Fährt der Wind darüber, ist sie dahin; der Ort, wo sie stand, weiß nichts mehr von ihr.“ Diese Worte zeichnen ein Bild des Menschen als ein vergängliches Wesen. Flüchtig sind seine Lebenstage. Und gerade diese Sterblichkeit macht ihn zu einem unersetzbar kostbaren Wesen. Denn wir ringen um unser endliches Leben – auf der Suche nach Sinn und Erfüllung, nach Liebe und nach Wahrheit. Die Endlichkeit zwingt uns, Entscheidungen zu treffen, Prioritäten zu setzen und das Leben in seiner Begrenztheit zu würdigen.

Als ich zum ersten Mal die zarten Hände meines Sohnes berührt habe, dachte ich: „Sie werden einst die Hände sein, die ich zuletzt berühren werde.“ Diese Berührung trug die bittersüße Erkenntnis der Vergänglichkeit in sich. Vergänglichkeit tat weh, aber sie stiftete auch Hoffnung und Trost. Sie lehrte mich, den Moment zu schätzen und die Beziehungen zu den Menschen, die mir nahe stehen, zu pflegen.

Doch noch nie zuvor war der Mensch in seiner Menschlichkeit so fragwürdig geworden wie in der Gegenwart. Der Trans- und Posthumanismus propagieren den unsterblichen Menschen, der mit Hilfe der Künstlichen Intelligenz den biologischen Tod überwinden soll. Die Vergänglichkeit des Menschen erscheint in diesen Diskussionen oft als ein zu überwindendes Hindernis, das durch technologischen Fortschritt beseitigt werden soll.

Vergänglichkeit wirkt dabei wie eine Krankheit, eine Schwäche im System, die nicht sein muss, die nicht sein darf. Hier offenbart sich jedoch eine Vorstellung, die das Leben quantifiziert, zählbar und dehnbar macht, sodass die Sucht nach mehr und immer mehr keinen Sinn mehr für Begrenztheit zulässt. Die Demut, endlich zu sein, geerdet zu sein, will verabschiedet werden. Der vergängliche Mensch genügt nicht mehr.

Doch was geht wirklich verloren, wenn wir uns gänzlich entgrenzen? Was verlieren wir, wenn wir die menschliche Erfahrung der Vergänglichkeit aus unserem Dasein entfernen? Wir verlieren die Fähigkeit, die Kostbarkeit des Lebens zu schätzen, die uns zwingt, in jedem Augenblick bewusst zu leben und das Wesentliche zu erkennen. Wir verlieren die Tiefe unserer emotionalen und spirituellen Erfahrungen, die durch das Bewusstsein der Endlichkeit intensiviert werden.

Die Vergänglichkeit ist nicht nur eine Grenze, sondern auch eine Quelle der Weisheit und des Mitgefühls. Sie lehrt uns, Demut zu bewahren, dankbar für das Geschenk des Lebens zu sein und in Frieden mit unserer eigenen Sterblichkeit zu leben. Sie erinnert uns daran, dass es die Endlichkeit ist, die dem Leben seinen Wert und seine Bedeutung verleiht.

Wenn wir die Vergänglichkeit des Menschen überwinden wollen, riskieren wir, unsere Menschlichkeit zu verlieren. Was bleibt, wenn wir die Begrenztheit aufgeben, ist eine entmenschlichte Existenz, die den tiefen Sinn und die reiche Bedeutung des Lebens verfehlt. Was heißt es dann, ein Mensch zu sein? Es heißt, unsere Vergänglichkeit zu umarmen, unsere Schwächen und unsere Stärken anzuerkennen und in der kurzen Zeit, die uns gegeben ist, Sinn und Erfüllung zu finden.

Der Psalm 103 erinnert uns daran, dass unser Leben flüchtig ist wie das Gras, aber gerade darin liegt seine Schönheit und sein Wert. Lassen wir uns nicht von der Illusion der Unsterblichkeit verführen, sondern schätzen wir die kostbare Zeit, die wir haben, und leben wir in Dankbarkeit und Demut. Denn in der Akzeptanz unserer Vergänglichkeit liegt die wahre Stärke und Würde des Menschseins.

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