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Ein Templer blickt nach Texas

Wenn Geschichte zur Waffe wird

In Texas ist ein Streit entbrannt, der auf den ersten Blick wie eine Auseinandersetzung um Schulbücher und Lehrpläne erscheint. Tatsächlich geht es jedoch um eine sehr viel größere Frage: Wer bestimmt, welche Geschichte eine kommende Generation kennenlernt? Und was geschieht, wenn aus der Auswahl geschichtlicher Tatsachen allmählich eine gewünschte politische, religiöse oder nationale Erzählung entsteht? Eine fünfzehnjährige muslimische Schülerin, Habiiba Quresh, trat vor das texanische Bildungsministerium und erklärte, sie wolle ihre Religion nicht mitten im Geschichtsunterricht verteidigen müssen, nur weil ein Gremium eine bestimmte Formulierung in den Lehrplan geschrieben habe. Damit stellte sie eine Frage, die weit über Texas hinausreicht: Lehren wir Geschichte, damit junge Menschen denken lernen, oder lehren wir sie, damit sie eine bestimmte Sichtweise übernehmen? Für einen Templer kann die Antwort nur lauten: Geschichte muss der Wahrheit dienen, auch dann, wenn diese Wahrheit unbequem ist.

Der neue texanische Lehrplan enthält durchaus Inhalte, gegen deren Behandlung grundsätzlich nichts einzuwenden ist. Schüler sollen sich mit biblischen Texten beschäftigen und erfahren, welchen Einfluss christliche Klostergemeinschaften, Missionare, Krankenhäuser und Waisenhäuser auf die Gesellschaft hatten. Auch William Wilberforces christlich begründeter Kampf gegen den Sklavenhandel und biblische Bilder in Martin Luther Kings berühmter Rede sollen behandelt werden. Das ist an sich nicht problematisch. Das Christentum hat die westliche Zivilisation tief geprägt, und wer europäische und amerikanische Geschichte verstehen möchte, kann die Bibel, das Christentum und die Kirchen nicht einfach aus dieser Geschichte entfernen. Auch wir Templer könnten unsere eigene Vergangenheit nicht verstehen, ohne das mittelalterliche Christentum zu kennen. Der historische Templerorden war eine christliche Gemeinschaft. Seine Mitglieder legten Gelübde ab, lebten nach einer Ordensregel und verstanden Gebet, Gottesdienst und religiöse Pflichten als wesentliche Bestandteile ihres Lebens. Die Beschäftigung mit Religion im Geschichtsunterricht ist daher weder verdächtig noch rückständig. Eine Grenze wird jedoch überschritten, wenn die positiven Seiten der einen Religion hervorgehoben werden, während eine andere Religion fast ausschließlich durch Krieg, Sklaverei, Terrorismus oder Unterdrückung dargestellt wird.

Die texanischen Vorgaben verlangen unter anderem eine Beschäftigung mit Mohammeds Feldzügen, Sklaverei, Gefangenschaft, Dschihad und den Anschlägen vom 11. September. Gleichzeitig wurden Unterrichtseinheiten über die Leistungen muslimischer Gelehrter in Mathematik und Astronomie gestrichen. Historische Konflikte dürfen selbstverständlich nicht verschwiegen werden, denn auch das wäre Geschichtsfälschung. Die frühe islamische Expansion gehört zur Geschichte, ebenso Kriege, Sklaverei und die militärischen Auseinandersetzungen zwischen christlichen und muslimischen Mächten. Aber wenn wir Geschichte erzählen, müssen wir denselben Maßstab für alle anwenden. Ein Templer sollte dies besonders gut verstehen. Was würde geschehen, wenn man das Christentum ausschließlich durch Kreuzzüge, Inquisition, Religionskriege und Hexenverfolgungen erklären würde? Das Bild wäre nicht vollständig falsch, aber es wäre vollkommen unvollständig. Es würde Klöster, Universitäten, Krankenpflege, Armenfürsorge, Philosophie, Architektur, Musik und Literatur ebenso verschweigen wie Millionen Menschen, deren Glaube keinerlei Gewalt hervorbrachte. Dasselbe gilt für den Islam. Wer muslimische Geschichte ausschließlich als Geschichte militärischer Expansion beschreibt, vermittelt kein vollständiges Bild einer Zivilisation, die über Jahrhunderte bedeutende Beiträge zu Mathematik, Medizin, Philosophie, Astronomie, Architektur und Wissenschaft hervorgebracht hat. Wahrheit entsteht eben nicht nur dadurch, dass einzelne Aussagen korrekt sind. Auch durch Weglassen kann ein falsches Gesamtbild entstehen.

Gerade wir Templer wissen aus der eigenen Vergangenheit, wie gefährlich es ist, wenn Geschichte nach politischen Bedürfnissen geformt wird. Nach der Verhaftung der Tempelritter im Jahr 1307 wurden gegen den Orden schwerste Vorwürfe erhoben. Häresie, Gotteslästerung, unsittliche Rituale und andere Vergehen wurden ihm zur Last gelegt. Einige Aussagen entstanden unter Folter, andere wurden widerrufen, und politische, wirtschaftliche sowie kirchliche Interessen überschnitten sich. Bis heute beschäftigen sich Historiker mit der Frage, was tatsächlich geschah. Gerade deshalb sollten Templer besonders sensibel gegenüber jeder Form historischer Vereinfachung sein. Wir wissen, was geschehen kann, wenn aus einer Institution, einer Religion oder einer Menschengruppe eine einzige Erzählung gemacht wird. Zuerst wird vereinfacht, dann kategorisiert, schließlich entsteht ein festes Bild von „den anderen“, und irgendwann wird aus diesem Bild ein Urteil.

Besonders deutlich wird das an der Sprache. Innerhalb des texanischen Bildungsgremiums entstand Streit über das Wort „brutal“. Mohammeds Feldzüge sollten ausdrücklich so bezeichnet werden. Ein Mitglied wollte diesen Begriff beibehalten, während ein anderes darauf hinwies, dass ein solches wertendes Adjektiv bei anderen Kriegen in den Richtlinien nicht verwendet werde. Auch der Begriff „Haremsklavinnen“ wurde von einer Fachberaterin als historisch problematisch kritisiert, weil damit ein Begriff aus einem wesentlich späteren osmanischen Zusammenhang auf das Arabien des 7. Jahrhunderts übertragen werde. Natürlich können Feldzüge brutal sein. Kriege sind fast immer brutal. Aber warum wird dieses Wort bei einem Krieg ausdrücklich hinzugefügt und bei einem anderen nicht? Genau dort beginnt die Aufgabe des Historikers und ebenso die Pflicht des Templers, aufmerksam zu werden. Wörter schaffen Bilder, Bilder formen Vorstellungen, Vorstellungen prägen Urteile, und Urteile bestimmen schließlich unser Verhalten gegenüber anderen Menschen.

Für uns ist diese Frage von besonderer Bedeutung, weil der Name der Tempelritter untrennbar mit den Kreuzzügen verbunden ist. Es wäre sehr leicht, daraus eine primitive Erzählung zu machen, in der auf der einen Seite die Christen und auf der anderen die Muslime stehen, hier die Guten und dort die Feinde. Doch die tatsächliche mittelalterliche Geschichte war erheblich komplizierter. Es gab Kriege und Massaker, religiösen Fanatismus, aber ebenso Verträge, Verhandlungen, Handelsbeziehungen, Waffenruhen und persönliche Kontakte über religiöse Grenzen hinweg. Christliche Herrscher kämpften gegen andere Christen, muslimische Herrscher gegen andere Muslime, und manchmal schlossen christliche und muslimische Herrscher sogar Bündnisse miteinander. Die Wirklichkeit verweigert sich häufig unseren einfachen Kategorien. Der moderne Templer darf deshalb keine alten Feindbilder wiederbeleben. Unser Auftrag besteht nicht darin, die Kreuzzüge des Mittelalters im 21. Jahrhundert fortzusetzen. Unser Schwert ist heute das Wort und der Intellekt, und gerade deshalb müssen wir besonders verantwortungsvoll mit beiden umgehen.

Auch christliche Geschichte muss vollständig erzählt werden. Wer den christlichen Einfluss auf Amerika beschreibt, sollte seine großen Leistungen darstellen, aber ebenso seine Widersprüche. Christen kämpften gegen die Sklaverei, während andere Christen sie verteidigten. Christen errichteten Krankenhäuser und Schulen, und Christen beteiligten sich zugleich an politischen Systemen, die anderen Menschen Rechte verweigerten. Geschichte wird nicht schwächer, wenn wir diese Widersprüche zeigen. Sie wird glaubwürdiger. Dasselbe gilt für unseren Orden. Wer über die Tempelritter schreibt, sollte weder aus ihnen Heilige ohne Fehler noch finstere Verschwörer machen. Sie waren Menschen ihrer Zeit, mit Mut und Glauben, mit großen Leistungen, aber ebenso eingebunden in die Vorstellungen, politischen Konflikte und Härten des Mittelalters. Ein ernsthafter Templer braucht keine Legende, um stolz auf seine Tradition zu sein. Die Wahrheit genügt.

Besonders deutlich wird die Schwierigkeit historischer Erinnerung am Jahr 1948. Der texanische Lehrplan verlangt, die Gründung des Staates Israel im angestammten Land des jüdischen Volkes zu behandeln und auf Präsident Harry Trumans Anerkennung hinzuweisen. Die palästinensische Perspektive wird in dieser Vorgabe hingegen nicht erwähnt. Auch hier sollte ein Templer lernen, zwei historische Erfahrungen gleichzeitig wahrzunehmen. Für viele Juden bedeutete die Gründung Israels nach Jahrhunderten der Verfolgung und insbesondere nach der Shoah Schutz, Selbstbestimmung und eine Heimstätte. Für viele Palästinenser ist dasselbe Jahr mit Flucht, Vertreibung und dem Verlust ihrer Heimat verbunden. Das eine Gedächtnis löscht das andere nicht aus. Gerade darin liegt eine der schwierigsten Übungen wahrer Geschichtsschreibung: Zwei Menschen können dasselbe Ereignis erleben und vollkommen unterschiedliche Erinnerungen daran tragen. Wer Frieden ermöglichen möchte, muss wenigstens bereit sein, beide Erinnerungen zu hören.

Besonders nachdenklich macht die Vorstellung eines muslimischen Jugendlichen, der im Klassenzimmer plötzlich das Gefühl erhält, seine Religion gegenüber seinen Mitschülern verteidigen zu müssen. Der Bericht nennt einen jungen Mann, der schilderte, mit Bemerkungen über Bomben und Terrorismus konfrontiert worden zu sein, obwohl er zehn Jahre nach den Anschlägen vom 11. September geboren wurde. Hier endet die abstrakte Diskussion über Lehrpläne. Hier begegnen wir einem Menschen. Und an diesem Punkt muss der Ritter fragen, was unsere Worte bewirken. Ein Templer verteidigt den Menschen, der ungerecht angegriffen wird. Dabei darf seine Religion keine Rolle spielen. Der Schutz des Schwächeren war einmal eine der großen Vorstellungen des Rittertums. Heute trägt der Schwächere vielleicht keinen Pilgerstab mehr. Vielleicht sitzt er mit fünfzehn Jahren in einer Schulklasse und muss erklären, warum er kein Terrorist ist. Auch dort beginnt ritterliche Verantwortung.

Eine baptistische Pastorin brachte bei den Protesten gegen die neuen Standards einen bemerkenswerten Gedanken zum Ausdruck: Wenn eine Religion bevorzugt werde, könne letztlich niemand sicher sein. Dieser Gedanke entspricht einem Grundsatz, den auch ein moderner Templer verteidigen sollte. Religionsfreiheit bedeutet nicht nur Freiheit für die eigene Religion. Sie bedeutet Freiheit für den Christen, den Juden, den Muslim, den Buddhisten, für Angehörige kleiner Religionsgemeinschaften und auch für den Menschen, der keiner Religion angehört. Erst wenn wir bereit sind, dem anderen dieselbe Freiheit zuzugestehen, die wir für uns selbst beanspruchen, zeigt sich, ob wir den Begriff wirklich verstanden haben.

Warum sind Schulbücher überhaupt so umkämpft? Weil Kinder aus ihnen nicht nur Jahreszahlen lernen. Sie lernen, wer als Held gilt, wer als Opfer gilt, wer zur eigenen Gemeinschaft gehört und wer als Fremder erscheint. Der texanische Streit macht deutlich, dass Entscheidungen weniger Personen langfristig beeinflussen können, welche Geschichten Millionen junger Menschen zuerst kennenlernen. Was zunächst nur ein Lehrplan ist, kann später zur selbstverständlichen Vorstellung einer Generation von ihrer Vergangenheit werden. Darin liegt große Macht. Deshalb muss Bildung immer auch die Fähigkeit vermitteln, Fragen zu stellen: Woher wissen wir das? Welche Quelle benutzen wir? Welche Perspektive fehlt? Wer erzählt diese Geschichte? Und welches Interesse könnte hinter dieser Darstellung stehen? Das sind im Grunde ausgesprochen templerische Fragen, denn Erkenntnis beginnt dort, wo wir nicht einfach alles glauben, was uns vorgelegt wird.

Wir leben in einer Zeit, in der fast jede Seite ihre eigene Geschichte erzählt. Politische Parteien tun es, Staaten tun es, Religionen tun es, Medien tun es, und auch Orden können dieser Versuchung erliegen. Man wählt jene Tatsachen aus, die zum eigenen Selbstbild passen, und schweigt über den Rest. Aber Wahrheit ist kein Buffet, bei dem wir nur nehmen dürfen, was uns schmeckt. Für einen Templer muss gelten: Wir verschweigen christliche Verfehlungen nicht, weil wir Christen sind. Wir verschweigen islamische Verfehlungen nicht aus falsch verstandener Toleranz. Wir verschweigen jüdisches Leiden nicht und ebenso wenig palästinensisches Leiden. Wir verherrlichen keine Kreuzzüge, leugnen aber auch nicht die historischen Bedingungen, unter denen sie entstanden. Wir prüfen, unterscheiden und suchen Quellen. Und wenn wir etwas nicht wissen, besitzen wir die Größe zu sagen, dass wir es nicht wissen. Auch das ist Ritterlichkeit.

Der mittelalterliche Ritter trug ein Schwert. Der moderne Templer trägt Verantwortung für seine Gedanken und seine Worte. Unsere Schlachten werden heute nicht auf mittelalterlichen Feldern geschlagen, sondern häufig im menschlichen Geist, zwischen Vorurteil und Erkenntnis, zwischen Propaganda und Wahrheit, zwischen Hass und Verständnis, zwischen bequemer Gewissheit und ehrlicher Suche. Das bedeutet keineswegs, dass ein Templer keine Überzeugungen besitzen soll. Im Gegenteil. Ein Ritter ohne Überzeugung besitzt keinen inneren Halt. Aber eine starke Überzeugung braucht keine verfälschte Geschichte. Wahrheit muss keinen Gegner verleumden, und Glaube braucht keine Lüge zu seinem Schutz.

Vielleicht ist dies die wichtigste Lehre aus dem texanischen Streit. Geschichtsunterricht sollte jungen Menschen nicht sagen, welche Religion sie bewundern und welche sie fürchten sollen. Er sollte ihnen zeigen, was Menschen getan haben, das Gute und das Böse, das Große und das Beschämende, und ihnen dann helfen, selbst zu denken. Ein junger Christ sollte die Geschichte des Islams kennenlernen können, ohne seinen Glauben zu verlieren. Ein junger Muslim sollte die Bedeutung des Christentums für die westliche Welt kennenlernen können, ohne sich angegriffen zu fühlen. Ein jüdischer Schüler sollte die jahrtausendealte Verbindung seines Volkes zum Land Israel kennenlernen, und ein palästinensischer Schüler sollte erfahren dürfen, warum seine Familie dasselbe Jahr 1948 möglicherweise vollkommen anders erinnert. Das ist keine Schwäche. Das ist Bildung.

Unsere eigene Geschichte sollte uns bescheiden gemacht haben. Über Jahrhunderte wurden die Tempelritter verherrlicht, verleumdet, romantisiert und für die unterschiedlichsten Ideologien vereinnahmt. Gerade deshalb sollten wir heute zu denjenigen gehören, die nicht nach der angenehmen Geschichte verlangen, nicht nach jener Geschichte, die unsere Vorurteile bestätigt, und auch nicht nach einer Erzählung, die uns automatisch zu den Guten macht. Wir sollten die ganze Geschichte verlangen, auch dort, wo sie unbequem wird. Denn ein Ritter, der nur jene Wahrheit hören möchte, die ihm gefällt, sucht nicht Wahrheit, sondern Bestätigung. Der Weg des Templers aber ist ein Weg der Erkenntnis, und Erkenntnis verlangt Mut, manchmal sogar mehr Mut als manches Schwert.

Non nobis, Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam. Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib die Ehre. Wenn wir diesen alten Satz ernst nehmen, dürfen auch wir unsere eigene Ehre niemals über die Wahrheit stellen.

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