Franziskus und der „nie gekündigte Bund“
Vom Geheimnis der Erwählung zum universalen Heilsweg
Seit den Tagen des heiligen Paulus ringt die Christenheit mit einer schwierigen Frage: Gilt der Bund Gottes mit Israel weiterhin – oder ist er durch den Neuen Bund in Christus abgelöst? Paulus selbst bekennt im Römerbrief, dass dieses Geheimnis ihn schmerzt und zugleich in Staunen versetzt. „Die Gaben und die Berufung Gottes sind unwiderruflich“ (Röm 11,29), schreibt er – ein Wort, das durch die Jahrhunderte hindurch immer wieder neu bedacht wurde.
Der „nie gekündigte Bund“ – Johannes Paul II.
Im November 1980 sprach Johannes Paul II. in Mainz vor der jüdischen Gemeinde und prägte dabei die Formel, der Bund Gottes mit Israel sei „nie gekündigt“ worden. Es war eine Aussage von hohem Gewicht, geboren aus dem Geist des Dialogs nach den Schrecken der Schoah, getragen vom Wunsch, eine Brücke zwischen Juden und Christen zu schlagen.
Benedikt XVI. – Zustimmung und Differenzierung
Der frühere Papst Benedikt XVI. griff diese Aussage 2018 auf, bestätigte sie grundsätzlich, sah jedoch auch die Notwendigkeit einer theologischen Präzisierung.
Er betonte:
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In der Bibel gibt es nicht nur einen, sondern mehrere Bünde: mit Noah, mit Abraham, mit Israel am Sinai.
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Die Rede von einer „Kündigung“ gehöre nicht zur Sprache des Alten Testaments; Gott selbst bleibe in seiner Treue unverbrüchlich.
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Gleichwohl sei die Formel vom „nie gekündigten Bund“ eher ein pastoraler Brückensatz denn eine präzise theologische Definition.
Franziskus – drei Bünde, eine Berufung
Papst Franziskus nahm diese Gedanken nun auf und sprach ausdrücklich von drei Bünden Gottes:
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Der Bund mit Noah – eine Verbindung zwischen Menschheit und Schöpfung, Zeichen dafür, dass Gottes Treue das Ganze des Lebens umspannt.
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Der Bund mit Abraham – Grundlage der drei monotheistischen Religionen, Quelle des Glaubens, der Einheit und Fruchtbarkeit schenkt.
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Der Bund vom Sinai – Gabe des Gesetzes und Erwählung Israels als Werkzeug des Heils für alle Völker.
Diese Bünde tragen unterschiedliche Akzente, doch sie stehen nicht gegeneinander, sondern sind Glieder einer heilsgeschichtlichen Kette.
Erwählung ohne Ausschluss
Das zentrale Argument Franziskus lautet: Gott wählt nie jemanden aus, um andere auszuschließen. Erwählung ist nicht Privileg, sondern Dienst. Nicht Trennung, sondern Sendung.
Damit löst sich die Spannung: Der besondere Bund Israels bleibt bestehen – nicht gegen die Völker, sondern für die Völker. In Christus wird diese Sendung universell, ohne die Treue Gottes zu Israel zu leugnen.
Bedeutung für uns Templer
Für uns, die wir im Geiste der Templer stehen, ist diese Debatte mehr als ein theologisches Gedankenspiel. Sie erinnert uns daran:
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Treue Gottes ist unzerstörbar. Kein Verrat, kein Abfall, kein Kreuz kann den Bund Gottes zunichtemachen.
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Erwählung ist Verantwortung. Wer gerufen wird, ist berufen zu dienen.
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Universale Liebe schließt ein. Der Auftrag der Kirche ist nicht Herrschaft durch Ausschluss, sondern Dienst, der alle umfasst.
Fazit
Die Formel vom „nie gekündigten Bund“ mag theologischer Schärfung bedürfen – doch sie weist auf eine Wahrheit, die das Herz der Offenbarung ist: Gottes Treue bleibt.
Der Bund mit Israel lebt, und im Neuen Bund in Christus ist er nicht zerstört, sondern zur Vollendung geführt. Wer dies erkennt, sieht im Heilsplan Gottes kein Gegeneinander, sondern ein Miteinander, kein Ausschluss, sondern die große Einladung: Alle Völker sollen teilhaben am Licht des Herrn.
