Gedenkworte des Marschalls des Alten Souveränen Templerorden zum 27. Januar
Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus
Brüder und Schwestern im Geiste,
verehrte Damen und Herren,
der 27. Januar mahnt die Welt. Er mahnt nicht mit Lärm, sondern mit einer Stille, die schwer auf dem Herzen liegt. Es ist der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus – ein Tag, an dem die Menschheit nicht nur erinnern darf, sondern erinnern muss. Denn wer vergisst, liefert die Würde des Menschen ein zweites Mal den Abgründen aus.
Auch in unserem Orden ist dieser Tag kein bloßes Datum im Kalender. Er ist ein Ruf. Ein Gebot der Wahrheit. Und ein Gebet.
Heute gedenkt unser Hochedler Grossmeister nicht nur in allgemeiner Trauer – sondern in persönlicher. In einer Erinnerung, die zugleich Familiengeschichte, Zeitzeugnis und geistlicher Auftrag ist.
Er erinnert sich an seine Großmutter. Eine Frau, die – wie so viele – nicht wegen einer Tat, nicht wegen Schuld, nicht wegen Gewalt auf den Weg ins Unheil geschickt wurde, sondern weil ein menschenverachtendes Regime entschieden hatte, dass manche Menschen weniger wert seien als andere.
Sie war bereits auf dem Weg in das Konzentrationslager.
Und doch geschah – mitten in dieser dunklen Maschinerie – etwas, das wir heute beim Namen nennen müssen: Mut. Opferbereitschaft. Nächstenliebe. Und auch: kluge List, geboren aus Not.
Denn seine Mutter – die Schwiegertochter der Bedrohten – stellte sich der Gefahr entgegen. In St. Pölten, im Sammellager, dort wo Hoffnung gewöhnlich erstickte und die Furcht regierte, tat sie etwas, das jeder Moralbegriff zunächst streng, aber jedes Herz zutiefst verständlich findet: Sie verwendete eine kleine Lüge.
Nicht, um sich zu bereichern. Nicht, um zu schaden. Sondern um zu retten.
Sie erklärte, man brauche die Schwiegermutter zur Betreuung eines Kleinkindes – unserem heutigen Grossmeister.
Eine einfache Behauptung – und doch eine Handlung, an der ein ganzes Leben hing. Sie sprach diese Worte, wissend, dass sie selbst dafür hätte bezahlen können: mit Freiheit, mit Leib, vielleicht mit dem Leben.
So wurde die Großmutter zurückgeholt. Dem Tod entrissen. Den Transporten entzogen.
Doch die Heimkehr war keine Erlösung, sondern eine weitere Demütigung: In ihrer Wohnung wartete nicht Schutz, nicht Frieden – sondern der Raub durch Gendarmen. Vertreter einer Ordnung, die keinen Schutz mehr kannte, sondern nur noch Gehorsam gegenüber dem Unrecht. So wurde sie, die schon entrechtet war, auch noch bestohlen – bis in den letzten Rest dessen, was ihr geblieben war.
Diese Geschichte ist nicht nur die Geschichte einer Familie. Es ist eine Wahrheit über jene Zeit: dass das Böse nicht allein in den Lagern stand, sondern auch in Stuben, Amtsstuben, Uniformen, Blicken und Schweigen.
Doch am Rande dieser Erzählung steht ein weiterer Abgrund – und zugleich ein Spiegel für das menschliche Gewissen:
Einer der beiden Gendarmen trat später in einen christlichen Orden ein.
Was hat ihn dazu bewegt? Reue? Flucht? Sehnsucht nach Vergebung? Oder die Unfähigkeit, die eigenen Taten weiterhin zu ertragen? Wir wissen es nicht.
Wir wissen nur, dass er sich später selbst das Leben nahm.
Und hier, Brüder und Schwestern, hält die Welt für einen Moment den Atem an: Denn selbst der Täter – oder der Mitläufer – wird nicht frei von der Last dessen, was er getan oder zugelassen hat. Nicht jede Schuld wird vor irdischen Gerichten bezahlt, aber sie wird oft vor einem Gericht verhandelt, das unnachgiebiger ist als jedes Tribunal: dem eigenen Gewissen.
Das ist keine Entschuldigung. Keine Relativierung. Kein Vergessen.
Doch es ist eine Warnung: Wenn Menschen sich dem Unrecht dienstbar machen, zerstören sie nicht nur ihre Opfer – sie zerstören am Ende auch sich selbst.
Der Orden, dessen Marschall ich bin, spricht an diesem Tag nicht in politischer Pose, sondern in geistlicher Verantwortung.
Wir erinnern uns:
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an jene, die in Lagern starben,
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an jene, die gebrochen wurden,
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an jene, die ihre Namen verloren,
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an jene, die nie zurückkehrten,
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und an jene, die zurückkamen, aber nie wieder wirklich heimkehrten.
Und wir erinnern uns auch an jene wenigen, die retteten, obwohl es gefährlich war. An jene, die „Nein“ sagten, wo viele schwiegen. An jene, die sich nicht in Sicherheit logen, sondern die Wahrheit des Menschseins verteidigten.
So wie die Mutter unseres Hochedlen Grossmeisters.
Ihre „kleine Lüge“ war in Wahrheit ein Akt größter Wahrhaftigkeit: Denn Wahrheit ist nicht bloß das korrekte Wort – Wahrheit ist das, was das Leben schützt und die Würde bewahrt.
Mögen wir aus dieser Geschichte den Auftrag für unsere Zeit erkennen:
Wenn Entrechtung wieder salonfähig wird, müssen wir uns widersetzen.
Wenn Menschen wegen Herkunft, Religion oder Überzeugung entmenschlicht werden, müssen wir sprechen.
Wenn Hass marschiert, müssen wir standhalten.
Wenn Angst befiehlt zu schweigen, müssen wir mutig sein.
Denn das Gedenken ist nicht Vergangenheitspflege.
Gedenken ist Gegenwartsverantwortung.
Im Namen unseres Ordens beuge ich das Haupt vor den Opfern.
Und ich erhebe die Stimme, damit ihre Leiden nicht umsonst gewesen seien.
Möge Gott uns bewahren vor einem neuen Dunkel.
Möge er uns Kraft geben, das Licht zu tragen.
Und möge die Erinnerung uns lehren, Menschen zu bleiben.
Non nobis, Domine, non nobis – sed Nomini Tuo da gloriam.
Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre.
Amen.

