Hatte Thilo Sarrazin vielleicht doch recht?
Eine templerische Betrachtung 15 Jahre später
Als Thilo Sarrazin im Jahr 2010 sein Buch „Deutschland schafft sich ab – Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“ veröffentlichte, ging ein Aufschrei durch die Bundesrepublik. Kaum ein Sachbuch der jüngeren deutschen Geschichte wurde ähnlich heftig diskutiert. Sarrazin beschäftigte sich darin mit dem demografischen Wandel, niedrigen Geburtenraten, Bildung, Sozialstaat und Zuwanderung, insbesondere aus muslimisch geprägten Ländern. Das Buch wurde millionenfach verkauft und zugleich scharf kritisiert. Fünfzehn Jahre später veröffentlichte Sarrazin 2025 eine erweiterte Bilanz seiner damaligen Thesen. Die Frage darf daher gestellt werden: Hat Sarrazin in manchen Punkten Entwicklungen erkannt, über die damals kaum jemand sprechen wollte?
Ein Templer sollte sich einer solchen Frage weder mit Empörung noch mit blindem Beifall nähern. Unsere Aufgabe ist nicht, einem politischen Lager zu folgen, sondern zu prüfen. Die alte Forderung lautet: Höre, prüfe, unterscheide und urteile erst dann. Dabei müssen wir allerdings schon bei den häufig verwendeten Zahlen vorsichtig sein.
Die Behauptung, das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gehe für 2025 von 6,6 bis 7 Millionen Muslimen in Deutschland aus, lässt sich in dieser Form gegenwärtig nicht mit einer neuen offiziellen BAMF-Hochrechnung belegen. Die weiterhin maßgebliche umfassende BAMF-Studie „Muslimisches Leben in Deutschland 2020“ schätzte auf Grundlage der Bevölkerungssituation 2019 zwischen 5,3 und 5,6 Millionen muslimische Religionsangehörige, entsprechend 6,4 bis 6,7 Prozent der Bevölkerung. Auch aktuelle kirchliche Statistiken greifen noch auf diese BAMF-Schätzung zurück. Es ist durchaus möglich, dass die Zahl aufgrund weiterer Zuwanderung inzwischen höher liegt; eine offizielle BAMF-Hochrechnung von 6,6 bis 7 Millionen für 2025 konnte ich jedoch nicht feststellen.
Ebenso muss man vorsichtig sein, wenn die Zahl aller Muslime mit der Zahl der regelmäßig Gottesdienst besuchenden Christen verglichen wird. Hier werden zwei völlig unterschiedliche Größen gegenübergestellt. Bei den Muslimen zählt man die Religionszugehörigkeit, bei den Christen dagegen nur praktizierende Christen, die tatsächlich regelmäßig einen Gottesdienst besuchen. Vergleichbar wäre entweder Muslim gegen Christ oder Moscheebesucher gegen Kirchenbesucher.
Ende 2025 gehörten allein rund 19,2 Millionen Menschen der katholischen Kirche und 17,4 Millionen der Evangelischen Kirche in Deutschland an. Hinzu kommen Orthodoxe, Freikirchen und weitere christliche Gemeinschaften. Damit gibt es in Deutschland weiterhin ein Vielfaches mehr Menschen mit christlicher als mit muslimischer Religionszugehörigkeit.
Interessanter wird der Vergleich bei der tatsächlichen Religionsausübung. Die katholische Kirche meldete für 2025 einen Gottesdienstbesuch von 6,8 Prozent ihrer Mitglieder, was rund 1,3 Millionen Menschen entspricht. Für die evangelische Kirche weist die jüngste vollständig verfügbare Statistik für einen durchschnittlichen Sonntag rund 459.000 Gottesdienstteilnehmer aus.
Bereits damit kommen die beiden großen Kirchen zusammen auf ungefähr 1,7 bis 1,8 Millionen sonntägliche Gottesdienstbesucher, weitere christliche Gemeinschaften noch nicht eingerechnet. Die Vorstellung, nur zwei oder drei Prozent der Deutschen praktizierten überhaupt noch christlichen Glauben, greift daher zu kurz, wenngleich der langfristige Rückgang des kirchlichen Lebens unbestreitbar ist.
Bemerkenswert ist allerdings ein anderer Befund. Nach der BAMF-Studie besuchen 23,6 Prozent der muslimischen Religionsangehörigen mindestens wöchentlich und weitere 14,6 Prozent monatlich eine religiöse Veranstaltung. Zudem bezeichneten sich 82 Prozent der befragten Muslime als stark oder eher gläubig. Hier zeigt sich tatsächlich eine Entwicklung, die gesellschaftlich wesentlich bedeutsamer sein könnte als die bloße Frage nach absoluten Bevölkerungszahlen: Der Islam ist innerhalb seiner Anhängerschaft im Durchschnitt religiös vitaler als das traditionelle Christentum innerhalb großer Teile der deutschen Mehrheitsgesellschaft.
Und genau hier beginnt aus meiner Sicht die Frage, die Sarrazins Buch auch fünfzehn Jahre später interessant macht. Vielleicht besteht das eigentliche Problem Deutschlands nicht darin, dass andere Menschen ihren Glauben ernst nehmen. Vielleicht besteht das Problem darin, dass Deutschland zunehmend aufgehört hat, seine eigene geistige, kulturelle und geschichtliche Identität ernst zu nehmen.
Als Templer würde ich niemals einem Muslim einen Vorwurf daraus machen, dass er seine Religion lebt, seine Kinder in seinem Glauben erzieht, seine religiösen Feiertage achtet oder seine Tradition bewahren möchte. Im Gegenteil: Ein Mensch, der an etwas glaubt und bereit ist, nach seinen Überzeugungen zu leben, ist mir grundsätzlich verständlicher als eine Gesellschaft, die jeden eigenen Wert relativiert und gleichzeitig erstaunt darüber ist, dass andere ihre Werte nicht ebenfalls aufgeben.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht: „Warum werden die Muslime mehr?“, sondern vielleicht viel stärker: „Warum haben so viele Europäer aufgehört, das weiterzugeben, was Europa über Jahrhunderte geprägt hat?“ Warum werden Kirchen geschlossen, während gleichzeitig Millionen Menschen an Weihnachten eine Kirche aufsuchen? Warum wissen viele Kinder kaum noch, was Pfingsten bedeutet, obwohl sie selbstverständlich die Pfingstferien kennen? Warum wird christliche Geschichte häufig nur noch unter dem Gesichtspunkt ihrer Fehler betrachtet, während ihr gewaltiger Beitrag zu Kunst, Bildung, Wissenschaft, Recht, Armenfürsorge und europäischer Kultur kaum noch vermittelt wird?
Deutschland ist nicht deshalb gefährdet, weil einige Millionen Muslime hier leben. Deutschland wäre gefährdet, wenn es nicht mehr wüsste, was Deutschland eigentlich erhalten möchte.
An diesem Punkt berührte Sarrazin tatsächlich ein reales Problem. Eine Gesellschaft kann Zuwanderung nur dann dauerhaft bewältigen, wenn sie selbst weiß, worin ihre nicht verhandelbaren Grundlagen bestehen. Wer seine eigenen Werte nicht definieren kann, kann von einem Neuankömmling schwer verlangen, diese Werte zu übernehmen. Integration bedeutet schließlich nicht nur, eine Wohnung zu besitzen, Steuern zu bezahlen oder Deutsch zu sprechen. Integration bedeutet auch, die Rechtsordnung, die Freiheit des Einzelnen, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Religionsfreiheit, Meinungsfreiheit und die demokratische Ordnung als verbindliche Grundlagen des gemeinsamen Lebens anzuerkennen.
Dabei darf wiederum nicht der Fehler gemacht werden, Millionen Muslime als geschlossenen Block zu betrachten. Die BAMF-Forschung weist ausdrücklich darauf hin, dass die muslimische Bevölkerung in Deutschland sehr vielfältig ist und dass der Erfolg oder Misserfolg der Integration oft stärker von Aufenthaltsdauer, Migrationsgrund und sozialer Lage abhängt als von der Religionszugehörigkeit selbst. Türkischstämmige Familien der dritten Generation, syrische Ärzte, bosnische Muslime, säkulare Iraner, strenggläubige Moscheebesucher und kaum religiöse Jugendliche können nicht sinnvoll unter einer einzigen politischen oder kulturellen Kategorie zusammengefasst werden.
Hier lag meines Erachtens auch eine Schwäche vieler Debatten um Sarrazin. Manche Kritiker taten so, als seien alle von ihm angesprochenen Probleme erfunden. Das war ebenso wenig überzeugend wie die gegenteilige Vorstellung, Zuwanderer aus muslimischen Staaten würden zwangsläufig eine Gefahr für Deutschland darstellen. Beides sind Vereinfachungen. Es gibt gelungene Integration ebenso wie gescheiterte Integration. Es gibt Menschen mit Migrationsgeschichte, die Deutschland als ihre Heimat betrachten und seine demokratische Ordnung verteidigen. Es gibt aber ebenso Parallelmilieus, Bildungsprobleme, religiösen Extremismus, Antisemitismus und patriarchale Strukturen, über die ein freiheitlicher Staat offen sprechen können muss.
Ein Templer sollte dabei einen wichtigen Unterschied machen: Wir beurteilen Menschen nach ihrem Handeln, nicht nach ihrer Abstammung. Niemand ist schuldig, weil seine Eltern aus Syrien, der Türkei oder Afghanistan stammen. Ebenso wenig besitzt jemand allein deshalb moralische Größe, weil seine Vorfahren seit Jahrhunderten Deutsche waren. Der Templergedanke kennt Verantwortung, Pflicht, Treue und Charakter. Diese Werte stehen jedem Menschen offen.
Doch zu dieser Haltung gehört auch der Mut, Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen. Toleranz bedeutet nicht Selbstaufgabe. Religionsfreiheit bedeutet nicht, jede religiös begründete Forderung akzeptieren zu müssen. Die Freiheit des Glaubens endet dort, wo die Freiheit anderer Menschen eingeschränkt wird. Wer in Deutschland lebt, darf Muslim, Christ, Jude, Buddhist, Atheist oder etwas anderes sein. Aber über allen religiösen Überzeugungen steht im staatlichen Zusammenleben das gemeinsame Recht.
Wenn man Sarrazin heute fragt, ob er „recht hatte“, müsste die Antwort deshalb differenziert lauten. Bei manchen Problemen hat er Fragen gestellt, deren Bedeutung heute schwerlich bestritten werden kann: demografischer Wandel, Integrationsfähigkeit, Bildung, soziale Abhängigkeit bestimmter Milieus und die Frage, wie viel Zuwanderung eine Gesellschaft dauerhaft integrieren kann. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede seiner damaligen Erklärungen, Verallgemeinerungen oder Prognosen richtig gewesen wäre. Besonders dort, wo Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder vermeintlich angeborener Eigenschaften pauschal bewertet werden, verlässt man den Boden einer verantwortungsvollen Betrachtung.
Vielleicht müssen wir deshalb die Ausgangsfrage anders stellen. Nicht: „Hatte Sarrazin recht?“, als müsse man einem Autor fünfzehn Jahre später entweder einen vollständigen Freispruch oder eine vollständige Verurteilung ausstellen. Sondern: „Welche Probleme, die er damals benannte, bestehen tatsächlich – und was haben wir daraus gelernt?“
Noch dringlicher wäre aus templerischer Sicht allerdings eine zweite Frage: Was geschieht mit dem Christentum Europas? Die eigentliche geschichtliche Veränderung könnte weniger der Aufstieg des Islam sein als der freiwillige Rückzug des Christentums aus dem öffentlichen und privaten Leben vieler Europäer. Eine Gemeinschaft, die ihre Gotteshäuser nicht mehr besucht, ihre Überlieferung nicht mehr kennt und ihren Kindern ihre geistigen Grundlagen nicht mehr vermittelt, kann diese Entwicklung nicht allein der Zuwanderung anlasten.
Der Templer des Mittelalters hätte wahrscheinlich nicht verstanden, dass Menschen ihre eigene Kultur freiwillig vergessen. Für ihn waren Glaube, Herkunft, Verpflichtung, Gemeinschaft und Erinnerung miteinander verbunden. Vieles an dieser mittelalterlichen Welt wollen und müssen wir heute nicht zurückhaben. Doch eines können wir daraus lernen: Eine Kultur lebt nur so lange, wie Menschen bereit sind, sie zu tragen.
Deutschland wird sich nicht dadurch „abschaffen“, dass Menschen anderer Herkunft hier leben. Ein Land schafft sich vielmehr dann selbst ab, wenn seine Bürger glauben, dass es nichts mehr gibt, was bewahrt, vermittelt oder an die nächste Generation weitergegeben werden sollte.
Deshalb sollte unsere Antwort als Templer weder Angst noch Feindseligkeit sein. Unsere Antwort muss Selbstbewusstsein sein. Wer seine eigene Tradition kennt, braucht die Tradition eines anderen nicht zu fürchten. Wer seinen Glauben ernst nimmt, muss den Glauben des Nachbarn nicht verspotten. Wer seine Werte kennt, kann gastfreundlich sein, ohne sich selbst aufzugeben. Und wer Integration verlangt, muss gleichzeitig bereit sein zu erklären, in was eigentlich integriert werden soll.
Vielleicht ist dies die wichtigste Lehre fünfzehn Jahre nach Sarrazins Buch: Nicht die Stärke des Glaubens anderer sollte uns zuerst beunruhigen, sondern die Schwäche unseres eigenen Bewusstseins.
Ein Templer würde deshalb nicht rufen: „Fürchtet den Islam.“ Er würde vielmehr sagen:
Erinnert euch daran, wer ihr selbst seid. Bewahrt, was bewahrenswert ist. Verteidigt Freiheit und Recht. Erwartet von jedem Menschen, der Teil unserer Gemeinschaft sein möchte, dieselbe Achtung vor diesen Grundlagen – und beurteilt ihn danach, wie er lebt und handelt, nicht danach, woher seine Vorfahren kamen.
Eine Gesellschaft kann tatsächlich in eine ernste Krise geraten, wenn sie ihre gemeinsamen Regeln, ihre kulturellen Grundlagen und die Bereitschaft verliert, Verantwortung füreinander zu übernehmen. Dabei geht es nicht darum, jede Veränderung als Niedergang zu betrachten, sondern darum, ob tragende Grundlagen verschwinden, ohne durch etwas Gleichwertiges ersetzt zu werden.
Für den Artikel würde ich es ungefähr so formulieren:
Eine Gesellschaft geht vielleicht nicht daran zugrunde, dass Menschen unterschiedlicher Herkunft in ihr leben. Sie kann jedoch daran zugrunde gehen, wenn sie nicht mehr bereit ist, ihre eigenen Grundlagen zu verteidigen. Wenn Gesetze zwar auf dem Papier bestehen, aber nicht mehr konsequent durchgesetzt werden; wenn christlich geprägte Werte wie Nächstenliebe, Wahrhaftigkeit, Verantwortung, Vergebung und Achtung vor der Würde des Menschen nur noch als historische Erinnerungen betrachtet werden; wenn Bräuche und Traditionen verschwinden, weil niemand sie mehr weitergibt; wenn Leistungsbereitschaft und Eigenverantwortung zunehmend an Bedeutung verlieren und wenn Rücksichtslosigkeit, Aggressivität und Verachtung gegenüber Mitmenschen als gewöhnlich hingenommen werden, dann verliert eine Gesellschaft tatsächlich etwas von ihrer inneren Substanz.
Gerade das Wort „christliche Werte“ würde ich dabei nicht nur religiös verstehen. Viele Grundlagen unserer europäischen Kultur sind über Jahrhunderte christlich geprägt worden: die besondere Würde jedes einzelnen Menschen, Fürsorge für Schwächere, Vergebung, Verantwortung des Stärkeren, Schutz des Lebens und die Vorstellung, dass Macht moralischen Grenzen unterliegt. Auch Menschen, die heute nicht mehr gläubig sind, leben vielfach innerhalb einer Ordnung, die von diesen Vorstellungen mitgeprägt wurde.
Dasselbe gilt für die Leistungsbereitschaft. Keine Gesellschaft kann dauerhaft bestehen, wenn immer weniger Menschen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, zu arbeiten, zu lernen, Unternehmen aufzubauen, Kinder zu erziehen, Steuern zu tragen oder sich ehrenamtlich für andere einzusetzen. Rechte und soziale Sicherheit benötigen immer Menschen, die bereit sind, die Voraussetzungen dafür zu schaffen.
Und auch anständiges Benehmen ist keineswegs nebensächlich. Höflichkeit, Respekt, Rücksichtnahme, Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft und Selbstbeherrschung sind das unsichtbare Schmiermittel einer funktionierenden Gesellschaft. Wenn Menschen einander nur noch als Gegner betrachten, wenn Beleidigung an die Stelle des Gesprächs tritt und Gewalt als legitime Form der Durchsetzung eigener Interessen erscheint, kann kein Gesetzbuch allein den gesellschaftlichen Zusammenhalt retten.
Aus templerischer Sicht würde ich deshalb den Schlusssatz des Artikels noch etwas verändern:
Eine Gesellschaft geht nicht allein daran zugrunde, dass sie sich verändert. Sie kann aber zugrunde gehen, wenn sie ihre Gesetze nicht mehr verteidigt, ihre Werte nicht mehr lebt, ihre Traditionen nicht mehr weitergibt, Leistung nicht mehr achtet und den Respekt im täglichen Zusammenleben verliert. Denn ein Staat kann Grenzen schützen und Gesetze erlassen – seine Seele aber kann nur von den Menschen bewahrt werden, die in ihm leben.
Das wäre meines Erachtens sogar die stärkere zentrale Aussage des ganzen Sarrazin-Artikels.

