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Islamunterricht als Schutz vor Radikalisierung

Bildung statt religiösem Vakuum

Der islamische Theologe Mouhanad Khorchide hat sich nachdrücklich für die Beibehaltung und den Ausbau des islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen ausgesprochen. Seine Warnung verdient Aufmerksamkeit: Wenn der Staat jungen Muslimen keinen verlässlichen Ort bietet, an dem sie sich mit ihrem Glauben auseinandersetzen können, verschwindet ihr religiöses Interesse deshalb nicht. Es verlagert sich lediglich dorthin, wo Antworten schnell, emotional und ohne erkennbare Verantwortung angeboten werden – zu Instagram, TikTok und anderen sozialen Netzwerken.

Gerade dort treten selbst ernannte Prediger und religiöse Influencer auf, die komplizierte Fragen mit einfachen Parolen beantworten. Sie erklären jungen Menschen, wer angeblich zu den Guten und wer zu den Feinden gehört. Sie verbinden religiöse Begriffe mit politischen Botschaften, erzeugen das Gefühl einer bedrohten Gemeinschaft und bieten den Jugendlichen eine scheinbar eindeutige Identität an. Der Algorithmus belohnt dabei nicht die besonnene Erklärung, sondern die Empörung, die Provokation und das Feindbild.

Khorchides Folgerung ist deshalb nachvollziehbar: Wer den islamischen Religionsunterricht abschafft, beseitigt nicht die religiösen Fragen muslimischer Jugendlicher. Er überlässt deren Beantwortung lediglich Kräften, die weder wissenschaftlich geprüft noch pädagogisch ausgebildet noch einer staatlichen Aufsicht unterstellt sind.

Warum Ethikunterricht allein nicht ausreicht

Ethikunterricht ist wichtig. Er vermittelt Grundkenntnisse über Moral, Verantwortung, Menschenwürde und gesellschaftliches Zusammenleben. Doch er kann einen bekenntnisorientierten Religionsunterricht nicht vollständig ersetzen. Ein muslimischer Jugendlicher, der wissen möchte, wie bestimmte Koranstellen auszulegen sind, welche Bedeutung religiöse Gebote heute besitzen oder wie sich sein Glaube mit Demokratie, Gleichberechtigung und persönlicher Freiheit vereinbaren lässt, braucht mehr als eine allgemeine Einführung in die Ethik.

Guter Religionsunterricht nimmt den Glauben ernst, ohne jede überlieferte Auslegung unkritisch zu übernehmen. Er ermöglicht es den Jugendlichen, Fragen zu stellen, Zweifel auszusprechen und verschiedene theologische Deutungen kennenzulernen. Gerade dadurch kann er verhindern, dass religiöse Texte aus ihrem historischen Zusammenhang gerissen und zur Rechtfertigung von Hass oder Gewalt missbraucht werden.

Der entscheidende Punkt lautet: Ein Jugendlicher muss lernen, zwischen Religion und Ideologie zu unterscheiden. Religion richtet den Menschen auf Gott, Verantwortung und Gewissen aus. Ideologie benutzt religiöse Begriffe, um Macht auszuüben, Feindbilder zu schaffen und Gefolgschaft zu erzwingen. Wer diesen Unterschied nicht kennt, kann leichter von radikalen Botschaften beeinflusst werden.

Daher ist Khorchides Aussage, islamischer Religionsunterricht könne eines der wirksamsten Mittel gegen Radikalisierung sein, grundsätzlich überzeugend. Allerdings muss man sorgfältig formulieren: Religionsunterricht bietet keinen vollkommenen Schutz und kann andere Präventionsmaßnahmen nicht ersetzen. Radikalisierung entsteht durch ein Zusammenspiel von Identitätskrisen, Ausgrenzungserfahrungen, familiären Problemen, politischen Konflikten, ideologischer Beeinflussung und persönlichen Kränkungen. Eine Untersuchung der Universität Münster zeigte ebenfalls, dass mangelnde Integration und empfundene Zurücksetzung Radikalisierungstendenzen begünstigen können.

Welcher Islam darf an Schulen gelehrt werden?

Die Forderung nach islamischem Religionsunterricht wirft eine entscheidende Frage auf: Wer bestimmt die Inhalte? Es genügt nicht, lediglich irgendeinen islamischen Unterricht anzubieten. Wird er von konservativen oder politisch beeinflussten Verbänden beherrscht, könnte er bestehende Abschottung sogar verstärken. Deshalb fordert Khorchide ein staatlich verantwortetes, wissenschaftlich fundiertes und plural verankertes Modell.

Der Staat darf keine Religion erfinden und keine Glaubenslehre vorschreiben. Er trägt jedoch die Verantwortung dafür, dass der Unterricht mit der freiheitlich-demokratischen Grundordnung vereinbar ist, von wissenschaftlich ausgebildeten Lehrkräften erteilt wird und keine verfassungsfeindlichen Auffassungen vermittelt. Artikel 7 des deutschen Grundgesetzes bestimmt, dass Religionsunterricht an öffentlichen Schulen ein ordentliches Lehrfach ist, das unbeschadet des staatlichen Aufsichtsrechts in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der jeweiligen Religionsgemeinschaft erteilt wird.

Damit entsteht ein Spannungsfeld: Der Unterricht muss bekenntnisorientiert sein, darf aber nicht zum Werkzeug ausländischer Regierungen, extremistischer Organisationen oder einzelner religiöser Verbände werden. Gerade deshalb braucht es klare und verbindliche Lehrpläne. Gleichberechtigung von Männern und Frauen, Religionsfreiheit, Antisemitismus, das Verhältnis von Religion und Staat, die Würde Andersgläubiger, der Umgang mit Abfall vom Glauben sowie die Gefahren digitaler Propaganda dürfen keine freiwilligen Randthemen sein.

Von besonderer Bedeutung ist die Ausbildung der Lehrkräfte. Wer islamische Religion unterrichtet, muss nicht nur den Koran, die Überlieferungen und die Geschichte des Islam kennen. Er muss auch gelernt haben, religiöse Texte historisch einzuordnen, unterschiedliche Rechtsschulen und Glaubensrichtungen darzustellen und schwierige Aussagen selbstkritisch zu behandeln. Ein Lehrer, der auf berechtigte Fragen nur mit Gehorsamsforderungen antwortet, fördert keine religiöse Mündigkeit.

Die Vielfalt muslimischen Lebens anerkennen

Die in Deutschland lebenden Muslime bilden keine einheitliche Gemeinschaft. Sie unterscheiden sich nach Herkunft, Sprache, Kultur, theologischer Richtung und persönlicher Religiosität. Neben Sunniten und Schiiten gibt es Aleviten, liberale Muslime, strenggläubige Familien, weitgehend säkular lebende Menschen und zahlreiche Jugendliche, die ihre religiöse Identität erst suchen.

Ein islamischer Religionsunterricht darf diese Vielfalt nicht hinter einer künstlichen Einheit verbergen. Wenn nur einige große Verbände darüber entscheiden, was als verbindlich islamisch gilt, werden viele Muslime nicht angemessen vertreten. Khorchide weist deshalb darauf hin, dass die muslimische Bevölkerung vielfach offener sei als manche an der Organisation des Religionsunterrichts beteiligten Verbände.

Das Ziel darf weder die Verdrängung des Islam aus der Öffentlichkeit noch seine unkritische Anerkennung sein. Benötigt wird ein Islamunterricht, der religiöse Bindung und verantwortliches Denken miteinander verbindet. Junge Muslime sollen ihren Glauben nicht verleugnen müssen, aber sie müssen lernen, dass keine religiöse Überzeugung über Menschenwürde, Gewissensfreiheit und geltendem Recht steht.

Was wir Templer daraus lernen können

Als christliche Templer stehen wir fest zu unserem Glauben. Gerade deshalb dürfen wir religiöse Bildung nicht geringschätzen – auch nicht die Bildung von Menschen, die einer anderen Religion angehören. Wer seinen eigenen Glauben ernst nimmt, weiß, dass religiöse Fragen nicht durch Schweigen verschwinden. Ein geistiges Vakuum bleibt niemals lange leer. Wenn verantwortungsvolle Lehrer es nicht füllen, treten selbst ernannte Verkünder an ihre Stelle.

Die Geschichte lehrt uns, dass Unwissenheit leicht zu Fanatismus führt. Menschen, die nur einzelne Sätze aus heiligen Schriften kennen, können einfacher verführt werden als jene, die Zusammenhänge verstehen, unterschiedliche Auslegungen prüfen und zwischen Glauben und politischer Instrumentalisierung unterscheiden können. Das gilt nicht nur für Muslime. Auch das Christentum wurde immer wieder missbraucht, wenn Menschen einzelne Bibelstellen aus ihrem Zusammenhang lösten und zur Rechtfertigung von Macht, Hass oder Gewalt verwendeten.

Ein Templer muss Wahrheit suchen und darf sich weder von Vorurteilen noch von naiver Gutgläubigkeit leiten lassen. Es wäre falsch zu behaupten, jeder islamische Religionsunterricht verhindere automatisch Radikalisierung. Ebenso falsch wäre jedoch die Annahme, man könne Radikalisierung bekämpfen, indem man religiöse Fragen aus der Schule verbannt. Ein schlecht kontrollierter Unterricht kann problematisch sein; ein guter, wissenschaftlich fundierter und verfassungstreuer Unterricht kann dagegen aufklären, unterscheiden helfen und extremistischen Deutungen widersprechen.

Christliche Bildung darf nicht vernachlässigt werden

Wer islamischen Religionsunterricht befürwortet, muss zugleich darauf achten, dass der christliche Religionsunterricht nicht weiter ausgehöhlt wird. Es wäre widersinnig, muslimischen Jugendlichen eine fundierte Kenntnis ihrer Religion zu ermöglichen, während christliche Kinder immer weniger über die Bibel, Jesus Christus, die Sakramente und die Geschichte des Christentums erfahren.

Eine freiheitliche Gesellschaft sollte nicht religiöse Unwissenheit fördern, sondern religiöse Mündigkeit. Dazu gehören ein guter katholischer und evangelischer Religionsunterricht ebenso wie ein verantworteter jüdischer, orthodoxer und islamischer Unterricht. Die Begegnung kann nur gelingen, wenn jeder zunächst weiß, wofür er selbst steht. Dialog ohne eigene Überzeugung wird zur Beliebigkeit; Überzeugung ohne Dialog kann in Abschottung münden.

Der christliche Schüler soll seinen Glauben kennen und bekennen können. Der muslimische Schüler soll seinen Glauben verstehen und kritisch prüfen lernen. Beide müssen erfahren, dass der andere kein Feind ist und dass friedliches Zusammenleben weder Gleichgültigkeit noch Selbstaufgabe verlangt.

Bildung ist geistige Schutzwehr

Der Gedanke des Schutzes gehört zum innersten Wesen des Templertums. Heute besteht dieser Schutz nicht im Führen des Schwertes, sondern im Einsatz für Wahrheit, Vernunft und verantwortete Bildung. Radikale Prediger gewinnen dort Einfluss, wo Jugendliche Orientierung suchen und nur einfache Feindbilder finden. Wer ihnen einen glaubwürdigen Ort für Fragen, Zweifel und religiöse Erkenntnis bietet, errichtet eine geistige Schutzwehr gegen Manipulation.

Ein guter islamischer Religionsunterricht ist deshalb kein Zugeständnis an den Extremismus, sondern kann ihm den geistigen Boden entziehen. Er verdient Unterstützung, wenn seine Lehrkräfte wissenschaftlich ausgebildet sind, die Lehrpläne klare Maßstäbe setzen, die Vielfalt muslimischen Lebens berücksichtigt wird und die unveräußerlichen Grundrechte außer Zweifel stehen.

Nicht weniger Religion, sondern mehr verantwortete religiöse Bildung ist notwendig. Nicht das Verdrängen des Glaubens schützt junge Menschen, sondern die Fähigkeit, Glauben von Fanatismus, Frömmigkeit von Ideologie und göttlichen Anspruch von menschlichem Machtstreben zu unterscheiden. Darin liegt eine Aufgabe, die Christen, Muslime, Schulen und Staat gemeinsam tragen.

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