Papst Leo XIV. ruft zur Bewahrung der Schöpfung auf
Papst Leo XIV. verbindet seine Botschaft zum Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung am 1. September 2026 mit einem der machtvollsten Friedensbilder der Heiligen Schrift: Die Völker werden ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Lanzen zu Winzermessern umschmieden. Was bisher dem Tod diente, soll künftig das Leben nähren. Was Menschen und Länder zerstörte, soll fruchtbar gemacht werden. Für uns Templer liegt darin eine Botschaft von besonderer Tiefe, denn sie zeigt, dass wahre Stärke nicht im Vermögen zur Zerstörung, sondern in der Fähigkeit zur Wandlung besteht.
Krieg gegen den Menschen und gegen die Schöpfung
Der Papst erinnert daran, dass Jesus Christus gekommen ist, damit die Menschen das Leben haben und es in Fülle besitzen. Dieses Leben ist ein Geschenk Gottes, das der Mensch nicht nur empfangen, sondern auch schützen soll. Die Bewahrung der Schöpfung ist deshalb keine nebensächliche Beschäftigung und kein Zugeständnis an eine politische Mode. Wer die Erde achtet, ehrt den Schöpfer; wer ihre Lebensgrundlagen mutwillig zerstört, verletzt eine ihm von Gott übertragene Verantwortung.
Besonders eindringlich verbindet Leo XIV. die Zerstörung der Umwelt mit dem Krieg. Ein bewaffneter Konflikt endet nicht an der Grenze des Schlachtfeldes. Er tötet Menschen, zerreißt Familien, vernichtet Häuser und zwingt Millionen zur Flucht. Gleichzeitig vergiftet er Böden und Gewässer, zerstört Wälder und landwirtschaftliche Flächen, verschwendet Rohstoffe und gefährdet die Versorgung mit Nahrung und sauberem Wasser.
Die Folgen bleiben häufig noch lange bestehen, nachdem die Waffen verstummt sind. Minen machen Felder unbrauchbar, zerstörte Industrieanlagen setzen Giftstoffe frei und zerbombte Infrastruktur verhindert eine sichere Wasser- und Energieversorgung. Umweltzerstörung verstärkt wiederum Armut und Ungleichheit. Wenn Wasser, fruchtbares Land oder Nahrung knapp werden, entstehen neue Spannungen, die weitere Konflikte begünstigen können. Papst Leo spricht daher von einem Teufelskreis zwischen Krieg und Umweltzerstörung.
Eine Rakete vernichtet nicht nur das Ziel, auf das sie abgefeuert wird. Bereits ihre Herstellung verschlingt Energie, Rohstoffe, menschliche Arbeit und gewaltige Geldsummen. Alles, was in Waffen investiert wird, fehlt an anderer Stelle: bei der Bekämpfung des Hungers, beim Schutz der Natur, bei der medizinischen Versorgung und beim Aufbau gerechter Lebensverhältnisse. Schwerter zu Pflugscharen umzuschmieden bedeutet daher auch, menschliche Fähigkeiten und wirtschaftliche Mittel aus dem Dienst des Todes in den Dienst des Lebens zurückzuführen.
Die Zerstörung beginnt im menschlichen Herzen
Die Botschaft des Papstes bleibt nicht bei politischen Forderungen stehen. Leo XIV. sucht die tieferen Ursachen der Krise im Inneren des Menschen. Gewalt, Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung entstehen nicht ausschließlich aus fehlerhaften Gesetzen oder mangelhaften wirtschaftlichen Strukturen. Hinter diesen Strukturen stehen menschliche Entscheidungen, ungeordnete Begierden und ein Wille, der Macht, Besitz und kurzfristigen Nutzen über das Gemeinwohl stellt.
Der Mensch möchte immer mehr besitzen, immer schneller wachsen und die Natur immer vollständiger beherrschen. Er betrachtet sich nicht länger als Teil der Schöpfung, sondern als ihren uneingeschränkten Eigentümer. Dabei verliert er jedes Gefühl für Maß und Grenze. Die Erde erscheint ihm nur noch als Lager von Rohstoffen, Tiere werden zu Produkten und andere Menschen zu Werkzeugen seiner Interessen.
Papst Benedikt XVI. brachte diesen Zusammenhang in ein eindringliches Bild: Die äußeren Wüsten wachsen, weil die inneren Wüsten so groß geworden sind. Eine verwüstete Landschaft kann der sichtbare Ausdruck eines innerlich verwüsteten Menschenbildes sein. Wo Dankbarkeit, Ehrfurcht und Selbstbegrenzung verschwinden, wird Ausbeutung zur Normalität.
Für einen Templer ist diese Erkenntnis nicht neu. Jeder äußere Kampf besitzt auch eine innere Entsprechung. Bevor der Mensch Frieden schaffen kann, muss er die Unordnung in seinem eigenen Herzen erkennen. Bevor er Gerechtigkeit fordert, muss er prüfen, wo er selbst ungerecht handelt. Bevor er die Gier anderer verurteilt, muss er fragen, ob er sein eigenes Begehren beherrschen kann.
Die ökologische Krise ist auch eine geistliche Krise
Der Ökumenische Patriarch Bartholomaios I. bezeichnet die gegenwärtige ökologische Krise ebenfalls als eine Krise der menschlichen Freiheit, Religion, Philosophie, Moral und Kultur. Er fordert eine „kopernikanische Wende“ in unserem Verständnis von Fortschritt und in unserem Verhältnis zur Natur. Die Menschheit müsse sich von der Vorstellung verabschieden, Fortschritt bestehe ausschließlich aus Wachstum, Konsum und technischer Beherrschung.
Seit Jahrzehnten gehört Bartholomaios zu den eindringlichsten christlichen Mahnern für die Bewahrung der Schöpfung. In seiner Botschaft zum Beginn des orthodoxen Kirchenjahres am 1. September 2026 ruft er Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirchen, Religionsgemeinschaften und Bildungseinrichtungen zu gemeinsamer Verantwortung auf. Als tragendes Prinzip nennt er die Solidarität, aus der gemeinsame Verantwortung, Dialog und ehrliche Gegenseitigkeit erwachsen sollen.
Papst Leo und Patriarch Bartholomaios sprechen aus unterschiedlichen kirchlichen Traditionen, doch ihre Botschaften treffen sich in einem entscheidenden Punkt: Die ökologische Krise kann nicht allein durch technische Erfindungen und neue Vorschriften überwunden werden. Technik kann helfen, Energie sparsamer zu verwenden, Wasser zu reinigen und zerstörte Lebensräume wiederherzustellen. Gesetze können Grenzen setzen und schädliches Verhalten einschränken. Doch wenn der Mensch innerlich derselbe bleibt, wird er auch neue technische Möglichkeiten wieder zur Vermehrung seiner Macht und seines Besitzes missbrauchen.
Die eigentliche Krise besteht darin, dass der Mensch seine Stellung in der Schöpfungsordnung verkennt. Er ist nach dem Bild Gottes geschaffen und besitzt deshalb eine besondere Würde. Diese Würde gibt ihm jedoch nicht das Recht zur schrankenlosen Herrschaft. Sie überträgt ihm die Pflicht, als verantwortlicher Hüter zu handeln. Der Mensch ist nicht Gott. Er hat die Erde nicht erschaffen und kann ihre grundlegenden Lebensbedingungen nicht beliebig ersetzen.
Was ökologische Umkehr bedeutet
Der Begriff der ökologischen Umkehr darf nicht auf Mülltrennung oder sparsamen Energieverbrauch verkürzt werden. Solche Handlungen sind sinnvoll, doch die von Papst Leo geforderte Umkehr reicht tiefer. Sie betrifft das Verhältnis des Menschen zu Gott, zu seinen Mitmenschen, zu sich selbst und zur gesamten geschaffenen Welt.
Umkehr beginnt mit der Erkenntnis, dass nicht alles, was technisch möglich und wirtschaftlich gewinnbringend ist, deshalb auch moralisch erlaubt sein muss. Sie verlangt die Wiederentdeckung des Maßes. Nicht jeder Wunsch muss erfüllt, nicht jede Ressource ausgebeutet und nicht jeder Lebensbereich wirtschaftlichem Nutzen untergeordnet werden.
Eine christliche Schöpfungsethik darf den Menschen dabei nicht zum Feind der Natur erklären. Der Mensch gehört zur Schöpfung und besitzt innerhalb ihrer eine besondere Verantwortung. Der Schutz der Natur darf deshalb auch nicht gegen den Schutz des menschlichen Lebens ausgespielt werden. Die Würde des ungeborenen Kindes, des Kranken, des alten Menschen, des Armen und des Flüchtlings gehört ebenso zur Bewahrung der Schöpfung wie der Schutz von Wäldern, Tieren, Böden und Gewässern.
Der Papst spricht von mehreren „Ökosystemen“, die uns anvertraut sind: dem Ökosystem der Natur, dem Ökosystem der menschlichen Beziehungen und demjenigen des menschlichen Herzens. Diese Bereiche sind miteinander verbunden. Eine Gesellschaft, die den Schwachen als Belastung betrachtet, wird auf Dauer auch die Natur nur nach ihrem Nutzen beurteilen. Wer hingegen im Menschen ein Geschöpf Gottes erkennt, wird leichter lernen, auch die übrige Schöpfung als Geschenk und nicht nur als Ware anzusehen.
Schwerter zu Pflugscharen – ein Auftrag an jeden Einzelnen
Die prophetische Verheißung aus dem Buch Jesaja richtet sich nicht nur an Regierungen und Völker. Jeder Mensch trägt innere Schwerter in sich: verletzende Worte, verhärtete Urteile, Neid, Geltungsdrang, Zorn und den Wunsch, über andere zu herrschen. Auch diese Waffen müssen umgeschmiedet werden.
Aus einem verletzenden Wort kann ein versöhnendes Gespräch werden. Aus Gleichgültigkeit kann Fürsorge entstehen. Besitz kann geteilt, Wissen weitergegeben und Macht zum Schutz der Schwachen eingesetzt werden. Darin beginnt jene Wandlung, die Papst Leo als Voraussetzung eines dauerhaften Friedens beschreibt.
Friede ist mehr als die Abwesenheit von Krieg. Ein erzwungenes Schweigen ist noch kein Friede. Auch eine Gesellschaft, in der Menschen hungern, ausgebeutet oder ihrer Würde beraubt werden, befindet sich nicht wirklich im Frieden. Der Friede Christi gründet auf Wahrheit, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Versöhnung. Ohne diese Grundlagen bleibt jede politische Vereinbarung zerbrechlich.
Ein Templer weiß, dass das Schwert ein zweifaches Sinnbild ist. Es kann verletzen und töten, aber es steht auch für die geistige Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht. Das Schwert, das zu einer Pflugschar wird, verliert nicht seinen Ernst. Seine Kraft wird vielmehr verwandelt. Aus der Fähigkeit zur Zerstörung entsteht die Fähigkeit, den Boden zu öffnen, Saat aufzunehmen und Nahrung hervorzubringen.
Der Auftrag des heutigen Templers
Der historische Templer schützte Pilger und bewachte Wege. Der heutige Templer muss die Wege schützen, auf denen das Leben in die Zukunft gelangt. Dazu gehören die Bewahrung der Natur, die Verteidigung der Menschenwürde und der Einsatz für den Frieden. Dieser Auftrag beginnt nicht mit großen Erklärungen, sondern mit einer ehrlichen Prüfung der eigenen Lebensführung.
Gehen wir sorgsam mit Lebensmitteln, Wasser und Energie um? Kaufen wir Dinge, die wir nicht benötigen, nur weil sie angeboten werden? Unterstützen wir mit unserem Verhalten Ausbeutung und Verschwendung? Sind wir bereit, Bequemlichkeit aufzugeben, wenn dadurch Menschen und Natur geschützt werden? Und tragen unsere Worte zum Frieden bei, oder vermehren sie Misstrauen, Verachtung und Spaltung?
Nicht jeder kann politische Entscheidungen treffen oder internationale Konflikte beenden. Jeder kann jedoch innerhalb seines Lebensbereiches Verantwortung übernehmen. Ein Templer kann bewusster konsumieren, Dinge länger verwenden, Verschwendung vermeiden, Menschen in Not unterstützen und im eigenen Umfeld für einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur eintreten. Vor allem kann er sich weigern, Hass und Feindbilder weiterzugeben.
Dabei darf Schöpfungsverantwortung nicht zu einer neuen Form moralischer Überheblichkeit werden. Niemand lebt vollkommen widerspruchsfrei. Wer andere wegen jeder Autofahrt, Flugreise oder Kaufentscheidung verurteilt, schafft keine Umkehr, sondern neue Spaltung. Der christliche Weg verbindet Klarheit mit Barmherzigkeit. Er fordert Veränderung, ohne die Würde des Irrenden zu verletzen.
Von der Spaltung zur Gemeinschaft
Der Weltgebetstag für die Bewahrung der Schöpfung besitzt auch eine wichtige ökumenische Bedeutung. Der damalige Ökumenische Patriarch Dimitrios I. lud bereits 1989 zum Gebet für die Umwelt ein. Später wurde der 1. September in weiten Teilen der christlichen Welt übernommen. Seit 2015 begeht ihn auch die katholische Kirche offiziell. Die Zeit vom 1. September bis zum 4. Oktober, dem Gedenktag des heiligen Franz von Assisi, wird heute von vielen Kirchen als Schöpfungszeit verstanden.
Gerade in einer Epoche kirchlicher Trennung erinnert uns die bedrohte Schöpfung an eine gemeinsame Verantwortung. Katholische, orthodoxe und evangelische Christen leben auf derselben Erde, trinken dasselbe Wasser und bekennen gemeinsam Gott als Schöpfer. Wo Christen miteinander für das Leben eintreten, kann aus einem gemeinsamen Gebet ein Schritt zur sichtbaren Einheit werden.
Papst Leo XIV. beschreibt den Weg mit drei eindringlichen Bildern: von der Wüste zum Garten, von der Spaltung zur Gemeinschaft und von der Gewalt zum Frieden. Dieser Weg beginnt im menschlichen Herzen, aber er darf dort nicht enden. Eine wirkliche Bekehrung muss in unseren Beziehungen, Entscheidungen und Lebensgewohnheiten sichtbar werden.
Die Erde ist uns anvertraut
Die Schöpfung gehört nicht uns. Sie wurde uns für eine begrenzte Zeit anvertraut. Wir haben sie von früheren Generationen empfangen und tragen Verantwortung dafür, in welchem Zustand wir sie unseren Kindern und Enkeln übergeben. Wer nur für den gegenwärtigen Vorteil lebt, verweigert sich dieser Verantwortung.
Als Templer erkennen wir in der Bewahrung der Schöpfung keinen Gegensatz zu unserem geistlichen Auftrag. Sie ist ein Teil dieses Auftrags. Die Erde ist der Ort, an dem der Mensch Gott sucht, seinem Nächsten begegnet und seine Berufung erfüllt. Wer diesen Ort zerstört, gefährdet das Leben und missachtet die Gabe des Schöpfers.
Möge Gott uns deshalb die Kraft schenken, unsere inneren und äußeren Schwerter umzuschmieden. Möge aus Gier Genügsamkeit, aus Feindschaft Versöhnung und aus Gleichgültigkeit Verantwortung werden. Mögen die Mittel, die heute der Zerstörung dienen, eines Tages den Hungernden Nahrung, den Vertriebenen Heimat und der verwundeten Erde Heilung bringen.
Die Schöpfung braucht nicht nur neue Programme, sondern erneuerte Menschen. Der Friede beginnt im Herzen, nimmt in unseren täglichen Handlungen Gestalt an und breitet sich von dort in Familie, Gemeinschaft und Gesellschaft aus. Erst wenn der Mensch wieder lernt, sich als Geschöpf und Hüter zu verstehen, kann die Wüste erneut zum Garten werden.
