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Sie werden mich hängen!

Warum Putin den Krieg weiter eskalieren könnte

Wer seine Herrschaft auf Gewalt, Angst und unbedingter Gefolgschaft errichtet, kann am Ende selbst zum Gefangenen dieses Systems werden. Wladimir Putin weiß, dass ein autoritärer Herrscher Schwäche zeigen darf – aber nur einmal. Gerade deshalb könnte für ihn die Fortsetzung oder sogar Verschärfung des Krieges weniger gefährlich erscheinen als ein Frieden, den seine Umgebung als Niederlage auslegt.

Am 29. August 2026 sprach Wladimir Putin bei einer Begegnung mit Mitarbeitern und Studenten einer Moskauer Universität über Eisbären und Schwertwale. Orcas würden Eisbären jagen, behauptete er. Kinder müssten diese „Nahrungskette“ kennenlernen, damit sie verstünden, „in welcher Welt wir leben“ und weshalb Russland seine sogenannte militärische Spezialoperation durchführe. Die Aussage über die Eisbären ist biologisch zumindest nicht als gewöhnliches oder wissenschaftlich belegtes Jagdverhalten bekannt. Politisch aber ist sie aufschlussreich: Putin beschreibt die Welt als einen Ort, an dem der Stärkere den Schwächeren frisst und Sicherheit nur durch Macht, Gewalt und Abschreckung entsteht.

Dieses Bild ist nicht neu. Schon seit Jahren vergleicht Putin Russland mit einem Bären, der von seinen Gegnern eingekreist, angekettet und seiner Zähne beraubt werden solle. Politik erscheint darin nicht als Suche nach einem gerechten Ausgleich, sondern als Kampf ums Überleben. Staaten werden zu Raubtieren, Verträge zu vorübergehenden Zweckbündnissen und Menschen zu Material, das eingesetzt werden kann, solange es der Macht dient.

Der Krieg als Gefängnis des Herrschers

Putin begann den groß angelegten Angriff auf die Ukraine vermutlich in der Erwartung eines schnellen Erfolges. Die ukrainische Regierung sollte gestürzt, das Land politisch unterworfen und der Westen vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Stattdessen dauert der Krieg inzwischen seit Jahren. Hunderttausende Menschen wurden getötet oder schwer verwundet, Städte zerstört und Millionen aus ihrer Heimat vertrieben. Russland hat zwar ukrainisches Gebiet besetzt, aber den erhofften entscheidenden Sieg nicht erreicht.

Damit ist Putin in eine Lage geraten, die im Russischen als Tupik, als Sackgasse, bezeichnet wird. Ein Rückzug würde das Eingeständnis bedeuten, dass die ungeheuren Opfer keinen ausreichenden Gewinn gebracht haben. Die Fortsetzung des Krieges wiederum verschlingt Menschen, Geld, Material und politisches Vertrauen. Beide Wege sind gefährlich. Gerade in einer solchen Lage kann Eskalation für einen autoritären Herrscher verführerisch werden: Sie vertagt die Abrechnung und erlaubt ihm, jedes Scheitern mit der Behauptung zu erklären, Russland habe noch nicht entschlossen genug gekämpft.

Nach einem Bericht des britischen Economist, der sich auf kremlnahe und anonyme Quellen stützt, soll Putin gegenüber Vertrauten gesagt haben: „Sie werden mich hängen.“ Dieses Zitat ist nicht unabhängig überprüfbar und darf daher nicht als gesicherte Äußerung behandelt werden. Es bringt jedoch eine durchaus nachvollziehbare Angst auf den Punkt: Putin könnte glauben, dass ein Kriegsende ohne die vollständige Eroberung des Donbass seine Machtstellung und möglicherweise seine persönliche Sicherheit gefährden würde.

In einer rechtsstaatlichen Demokratie kann ein gescheiterter Regierungschef abgewählt werden, ein Buch schreiben und sich aus der Politik zurückziehen. In einem System persönlicher Herrschaft gelten andere Regeln. Wer Konkurrenten ausschaltet, Gegner einsperren lässt und Loyalität durch Vorteile und Angst erkauft, kann nicht sicher sein, dass ihm nach dem Verlust der Macht ein friedlicher Ruhestand gewährt wird. Je härter ein Herrscher mit seinen Gegnern verfährt, desto mehr muss er fürchten, eines Tages selbst nach denselben Regeln behandelt zu werden.

Die kriminelle Logik der Macht

Der Satz „Wer lebt wie ein Gangster, stirbt wie ein Gangster“ ist zugespitzt. Er beschreibt aber eine politische Ordnung, in der das Recht nicht über der Macht steht, sondern von der Macht benutzt wird. Putins System beruht auf einem Geflecht aus Sicherheitsdiensten, Militär, Wirtschaftseliten und regionalen Machthabern. Diese Gruppen verbindet nicht allein Überzeugung, sondern auch gegenseitige Abhängigkeit. Solange der Präsident Erfolg verspricht und ihre Stellung schützt, bleiben sie loyal. Wird er jedoch als Ursache einer Niederlage wahrgenommen, könnte diese Loyalität zerbrechen.

Deshalb muss Putin den Eindruck erwecken, dass er die Lage beherrscht. Verhandlungen dürfen aus seiner Sicht nicht wie ein Nachgeben erscheinen. Ein Waffenstillstand ohne sichtbaren Gewinn könnte innerhalb der russischen Elite gefährlicher sein als weitere hunderttausend Opfer. Nicht das Wohlergehen Russlands, sondern das Überleben des Regimes wird damit zum eigentlichen Maßstab der Politik.

Die Ermüdung in der russischen Bevölkerung ist inzwischen dennoch erkennbar. Nach veröffentlichten Ergebnissen des unabhängigen Lewada-Zentrums bezeichneten 57 Prozent der Befragten die politische Situation als angespannt, weitere 13 Prozent sogar als kritisch oder explosiv. Solche Befragungen sind in einem repressiven Staat vorsichtig zu beurteilen: Manche Menschen sagen aus Angst nicht offen, was sie denken. Gerade deshalb können selbst diese Werte auf eine erhebliche Unruhe hinweisen.

Ukrainische Drohnenangriffe auf Raffinerien, Lagerhäuser und logistische Einrichtungen tragen den Krieg zunehmend in das russische Hinterland. Internetsperren, steigende Kosten, Nachrichten über Gefallene und die Möglichkeit einer weiteren Mobilisierung zerstören die Vorstellung, der Krieg könne fern vom Alltag der Bevölkerung geführt werden. Zugleich sinkt besonders bei jüngeren Russen die ausschließliche Abhängigkeit von der staatlichen Fernsehpropaganda.

Eskalation als Flucht nach vorn

Am 25. August reiste CIA-Direktor John Ratcliffe überraschend nach Moskau. Der Besuch wurde durch amerikanische Medienberichte bekannt, sein genauer Zweck blieb jedoch zunächst unklar. Berichtet wurde sowohl über eine Warnung vor Angriffen gegen NATO-Staaten als auch über den Versuch, Putin zu neuen Verhandlungen zu bewegen. Weder die CIA noch der Kreml legten den vollständigen Inhalt der Gespräche offen.

Ein Kreml-Insider behauptet, Putin könnte diesen Besuch als Zeichen amerikanischer Schwäche ausgelegt haben. Auch das ist eine Deutung, keine gesicherte Tatsache. Sie wäre allerdings mit früheren Erfahrungen vereinbar: Im November 2021 reiste der damalige CIA-Direktor William Burns nach Moskau, um vor einem Einmarsch in die Ukraine zu warnen. Drei Monate später befahl Putin den Angriff.

Eine mögliche Eskalation müsste nicht sofort in einem offenen Angriff auf ein NATO-Mitglied bestehen. Wahrscheinlicher wäre zunächst eine Verstärkung der hybriden Kriegsführung: Cyberangriffe, Sabotageakte, Desinformation, Störungen der Verkehrs- und Energieinfrastruktur sowie Operationen gegen Unternehmen, die Rüstungsgüter für die Ukraine herstellen. Der Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle vom 4. August wird in Deutschland als mögliches hybrides Angriffsszenario untersucht. Eine abschließende öffentliche Zuschreibung an Russland stand zunächst noch aus; Bundeskanzler Friedrich Merz kündigte jedoch eine abgestimmte Reaktion mit europäischen und NATO-Partnern an.

Innerhalb der Ukraine könnte Russland seine Angriffe auf Energieanlagen, Heizwerke, Umspannstationen und andere lebenswichtige Einrichtungen ausweiten. Das Ziel wäre nicht allein militärischer Natur. Ein harter Winter soll die Bevölkerung zermürben, Fluchtbewegungen verstärken und Zweifel an der Fähigkeit des Staates wecken, seine Bürger zu schützen.

Auch eine erhebliche Verstärkung der russischen Truppen wird befürchtet. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj erklärte, Russland plane die Einziehung von rund 300.000 zusätzlichen Soldaten. Diese Angabe stammt von einer Kriegspartei und muss entsprechend eingeordnet werden. Westliche Stellen bestätigen jedoch, dass Russlands hohe Verluste den Personalbedarf erhöhen und die freiwillige Rekrutierung damit zunehmend überfordert ist. Reuters

Eine solche Mobilisierung würde erneut vor allem Männer aus ärmeren, abgelegenen Regionen treffen. Die Verantwortung könnte regionalen Behörden übertragen werden, damit sich die Wut nicht unmittelbar gegen den Kreml richtet. Für die Betroffenen ändert dies wenig: Sie würden in einen Abnutzungskrieg geschickt, in dem Menschenleben häufig nur noch als Zahlen in militärischen Berechnungen erscheinen.

Die Antwort eines Tempelritters

Ein Templer darf sich von der Sprache der Macht nicht täuschen lassen. Wahre Stärke zeigt sich nicht darin, wie viele Menschen ein Herrscher opfern kann, sondern darin, ob er Verantwortung übernimmt, Maß hält und das Leben schützt. Mut bedeutet nicht, einen aussichtslosen Krieg immer weiterzuführen. Manchmal besteht der größere Mut darin, Schuld einzugestehen, einen Irrweg zu verlassen und einen gerechten Frieden zu suchen.

Die mittelalterlichen Templer waren Krieger, doch ihr Schwert sollte einem höheren Gesetz unterstellt sein. Wo das Schwert nur noch der persönlichen Macht eines Herrschers dient, verliert es jede sittliche Rechtfertigung. Ein Krieg darf niemals geführt werden, damit ein einzelner Mann sein Gesicht, seinen Thron oder sein Leben rettet. Das Blut der Völker ist kein Schutzschild für Regierende.

Wir sollten Putin dennoch nicht als wahnsinnig abtun. Ein solcher Begriff wäre beruhigend, weil er das Geschehen unerklärlich erscheinen ließe. Wahrscheinlicher ist, dass er innerhalb der erbarmungslosen Logik seines eigenen Systems handelt. Seine Entscheidungen können in diesem System folgerichtig und zugleich für Millionen Menschen verheerend sein. Gerade darin liegt die Gefahr.

Wer die Welt ausschließlich als Nahrungskette versteht, sieht überall nur Jäger und Beute. Das Christentum setzt diesem Bild eine andere Ordnung entgegen. Der Mächtige soll nicht den Schwachen verschlingen, sondern ihn schützen. Der Herrscher soll nicht Menschen für sein eigenes Überleben opfern, sondern für das Leben und den Frieden seines Volkes Verantwortung tragen.

Putins größte Angst könnte tatsächlich nicht die NATO und nicht einmal eine militärische Niederlage sein. Vielleicht fürchtet er jenen Augenblick, in dem die Menschen in Russland erkennen, dass dieser Krieg nicht zu ihrer Rettung geführt wurde, sondern zur Rettung eines Systems, das von seiner Person abhängt. Deshalb könnte er versuchen, die Entscheidung durch immer neue Angriffe hinauszuschieben.

Doch Gewalt kann die Wahrheit nur verzögern, niemals endgültig besiegen. Kein Herrscher entkommt auf Dauer den Folgen seiner Taten. Ein gerechter Friede verlangt keine Erniedrigung Russlands, wohl aber das Ende des Angriffs, den Schutz der Ukraine und die Anerkennung, dass auch große Staaten nicht über dem Recht stehen. Das wäre keine Schwäche. Es wäre der erste Schritt zurück aus einer Welt der Raubtiere in eine Ordnung, in der Macht wieder dem Menschen dient.

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