Untersuchungsergebnisse aus den Vatikan-Papieren

Der Historiker David I. Kertzer veröffentlichte am Donnerstag in «The Atlantic» erste Resultate seiner Untersuchung der Papiere aus dem Zweiten Weltkrieg, die nach langem Verschluss in den Archiven des Vatikans im März freigegeben worden waren.

Seinem Bericht zufolge konnte er feststellen, dass die oberste katholische Instanz sowohl die Zusammenführung zweier jüdischer Waisen mit ihrer Familie verhindert wie auch Papst Pius XII. unter Druck gesetzt hatte, nicht gegen die Deportationen italienischer Juden durch die Nazis zu protestieren. Bei den Waisen hatte es sich um die Zwillinge Robert und Gérald Finaly gehandelt, welche in einem katholischen Kloster in Frankreich vor den Nazis versteckt gehalten und dort von Priestern getauft worden waren. Danach wurden sie nach Spanien geschmuggelt, wobei Angelo Dell’Acqua, damals Mitglied des vatikanischen Staatssekretariats und späterer Kardinal von Rom, eine wesentliche Rolle spielte. Dies alles geschah indessen, nachdem ein französisches Gericht bereits verfügt hatte, dass die beiden Jungen ihrer Tante übergeben werden müssten. Vollzogen wurde dies dann erst 1953, und die Zwillinge leben heute in Israel. Kertzers Nachforschungen haben ebenfalls ergeben, dass die seit langer Zeit bestehenden Anschuldigungen, Papst Pius XII. habe gegenüber dem Holocaust beide Augen verschlossen, der Grundlage nicht entbehren. In den Vatikan-Papieren fand er ein Memorandum, mit dem Pius geraten wurde, von einem formellen Protest gegen die Deportation nach Auschwitz von rund 1000 Juden, die in Rom lebten, abzusehen. Dell’Acqua empfahl dem Papst, mit dem deutschen Botschafter in Rom ein persönliches Gespräch zu führen und ihm dabei «zu empfehlen, dass die bereits schwierige Situation der Juden nicht noch weiter erschwert» würde. Doch solle er gegen die Deportationen nicht öffentlich protestieren. Dem kam Pius XII., wie seinem Schweigen zum Holocaust deutlich genug zu entnehmen ist, vollumfänglich nach. Umso bitterer mutet es an, dass konservative Katholiken seit einiger Zeit darauf drängen, ihn heiligzusprechen.

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