Wenn Einheit durch Gehorsam ersetzt wird
Gedanken eines Templers zu den Bischofsweihen der Piusbruderschaft
„Prüft aber alles und das Gute behaltet.“ (1. Thessalonicher 5,21)
In Ecône in der Schweiz wurden vier neue Bischöfe der Priesterbruderschaft St. Pius X. geweiht – ohne Zustimmung des Papstes und trotz eines letzten eindringlichen Appells von Papst Leo XIV., diesen Schritt nicht zu gehen. Für den Vatikan ist dies ein schismatischer Akt, für die Piusbrüder hingegen eine notwendige Maßnahme zum Erhalt ihrer Gemeinschaft.
Als Templer betrachten wir solche Ereignisse mit einer gewissen Distanz. Nicht, weil sie uns gleichgültig wären, sondern weil sie ein Problem sichtbar machen, das die Christenheit seit fast zweitausend Jahren begleitet: Wer besitzt eigentlich die höchste geistliche Autorität?
Die Kirche kennt seit Jahrhunderten Spaltungen
Die Geschichte des Christentums ist voller Trennungen. Bereits in den ersten Jahrhunderten entstanden unterschiedliche Lehrmeinungen. Im Jahr 1054 kam es zum großen Schisma zwischen Ost- und Westkirche. Im 16. Jahrhundert folgte die Reformation. Immer wieder standen sich Menschen gegenüber, die beide überzeugt waren, im Namen Christi zu handeln.
Auch die Piusbruderschaft sieht sich selbst nicht als Gegner Christi. Sie versteht sich vielmehr als Bewahrerin der katholischen Tradition vor den Veränderungen des Zweiten Vatikanischen Konzils.
Der Vatikan dagegen sieht in der Weihe von Bischöfen ohne päpstliches Mandat einen Angriff auf die kirchliche Ordnung.
Hat Jesus einen Papst eingesetzt?
Hier beginnt aus Sicht eines Templers die eigentliche Frage.
Jesus von Nazareth gründete eine Gemeinschaft von Jüngern. Er predigte Liebe, Wahrheit, Barmherzigkeit und Gottes Reich. Nirgendwo finden wir jedoch eine detaillierte Kirchenverfassung mit einem weltweiten Verwaltungsapparat, Kardinälen, Dikasterien oder kirchenrechtlichen Strafbestimmungen.
Die katholische Kirche leitet den Primat des Papstes aus den Worten Jesu an Petrus ab:
„Du bist Petrus, und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen.“
Andere Christen verstehen diese Stelle anders. Sie sehen den „Felsen“ nicht in einer erblichen oder institutionellen Papstgewalt, sondern im Glaubensbekenntnis des Petrus.
Diese unterschiedliche Auslegung begleitet das Christentum bis heute.
Kann eine Exkommunikation Gottes Urteil ersetzen?
Der Vatikan erklärt, dass eine unerlaubte Bischofsweihe automatisch zur Exkommunikation führt.
Doch stellt sich eine tiefere Frage:
Kann eine kirchenrechtliche Entscheidung darüber bestimmen, wie Gott einen Menschen beurteilt?
Aus templerischer Sicht lautet die Antwort: Nein.
Eine Exkommunikation kann einen Menschen aus einer bestimmten kirchlichen Gemeinschaft ausschließen. Sie kann ihm Ämter und Sakramente verwehren. Sie kann jedoch niemals Gottes Gnade begrenzen.
Kein Mensch besitzt die Vollmacht, endgültig über das Heil einer anderen Seele zu entscheiden.
Die Gefahr jeder Institution
Ob Rom oder Ecône – jede religiöse Gemeinschaft steht vor derselben Versuchung:
Sie kann beginnen, ihre eigene Organisation wichtiger zu nehmen als die Botschaft Christi.
Dann entstehen Machtkämpfe, Rechtsstreitigkeiten und gegenseitige Verurteilungen.
Der eigentliche Auftrag Jesu gerät leicht in den Hintergrund:
- Gott lieben.
- Den Nächsten lieben.
- Die Wahrheit suchen.
- Dem Schwachen helfen.
- Dem Gewissen folgen.
Tradition oder Erneuerung?
Die Piusbruderschaft wirft der heutigen katholischen Kirche vor, die Tradition verlassen zu haben.
Die katholische Kirche wirft der Piusbruderschaft Ungehorsam und Spaltung vor.
Vielleicht tragen beide Seiten einen Teil der Wahrheit in sich.
Tradition ist wertvoll, wenn sie den Glauben bewahrt.
Erneuerung ist notwendig, wenn sie Menschen näher zu Gott führt.
Beides darf jedoch niemals Selbstzweck werden.
Was können wir daraus lernen?
Als Templer gehören wir keiner der beiden Parteien an.
Unsere Loyalität gilt nicht einer kirchlichen Machtstruktur, sondern Christus selbst.
Wir glauben, dass jede religiöse Autorität ihre Legitimation immer wieder neu daran messen muss,
- ob sie dem Evangelium dient,
- ob sie Menschen näher zu Gott führt,
- ob sie Liebe statt Angst fördert,
- und ob sie bereit bleibt, sich selbst kritisch zu hinterfragen.
Denn auch eine jahrtausendealte Institution kann irren.
Und ebenso kann eine kleine Gemeinschaft irren.
Schlussgedanken
Die Ereignisse von Ecône zeigen einmal mehr, wie schwierig es ist, Einheit und Wahrheit miteinander zu verbinden.
Vielleicht beginnt wahre Einheit nicht mit vollständiger Übereinstimmung in allen Lehrfragen, sondern mit Demut.
Nicht jeder, der anders glaubt, ist deshalb ein Feind.
Nicht jede Tradition ist unantastbar.
Nicht jede Reform ist ein Verrat.
Ein Templer erinnert sich deshalb an die Worte Christi:
„Daran werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid: wenn ihr einander liebt.“ (Johannes 13,35)
Nicht an der Zahl der Bischöfe.
Nicht an päpstlichen Dekreten.
Nicht an Exkommunikationen.
Sondern an der Liebe, der Wahrheit und dem aufrichtigen Bemühen, Gottes Willen zu suchen.
