Wenn Menschen Häuser belagern
Gedanken eines Tempelritters zum Westjordanland
Es gibt Nachrichten, bei denen ein Tempelritter nicht zuerst fragen sollte, welcher Religion, welchem Volk oder welcher politischen Partei die Beteiligten angehören. Er sollte zunächst eine viel einfachere Frage stellen: Was geschieht hier mit Menschen? Die Berichte aus Qusra südlich von Nablus im Westjordanland gehören zu jenen Nachrichten, die uns gerade deshalb beschäftigen müssen. Israelische Siedler sollen dort palästinensische Familien in ihren Häusern bedrängt und zeitweise von grundlegender Versorgung abgeschnitten haben. Unter den betroffenen Häusern befindet sich nach den vorliegenden Berichten auch das eines amerikanischen Staatsbürgers. Der US-Botschafter in Israel, Mike Huckabee, fand dafür außergewöhnlich scharfe Worte und bezeichnete das Vorgehen als einen „schrecklichen Terrorakt“.
Für uns Templer ist dieses Thema besonders schwierig. Jerusalem, das Heilige Land, Judäa und Samaria sind für uns keine gewöhnlichen geografischen Bezeichnungen. Sie erinnern an Abraham, David, die Propheten, Christus, die Kreuzzüge und schließlich auch an unseren eigenen historischen Orden. Gerade deshalb sollten wir uns davor hüten, die Gegenwart durch die Brille mittelalterlicher Feindbilder zu betrachten. Ein heutiger Tempelritter hat nicht die Aufgabe, alte Kriege fortzuführen. Seine Aufgabe muss vielmehr darin bestehen, aus den Fehlern der Geschichte zu lernen.
Das Recht des Stärkeren ist kein ritterliches Recht
Nach den Berichten über Qusra sollen Siedler versucht haben, Bewohner einzuschüchtern und den Zugang zu Wasser, Lebensmitteln und Strom zu behindern. Gleichzeitig gingen israelische Armee und Polizei gegen zwei nicht genehmigte Außenposten in der Gegend vor und versuchten, weitere Siedler am Eindringen zu hindern. Gerade diese Einzelheiten sind wichtig, denn sie zeigen, warum wir nicht einfach von „den Israelis“ oder „den Palästinensern“ sprechen dürfen. Auf beiden Seiten gibt es Menschen, politische Gruppen und Sicherheitsorgane mit unterschiedlichen Interessen und unterschiedlichen Verhaltensweisen.
Wer einen anderen Menschen aufgrund seiner Volkszugehörigkeit für die Tat eines Dritten verantwortlich macht, verlässt den Boden der Gerechtigkeit. Das gilt gegenüber Juden ebenso wie gegenüber Palästinensern, Christen oder Muslimen. Kollektive Schuld ist kein ritterlicher Gedanke. Persönliche Verantwortung dagegen sehr wohl.
Wenn bewaffnete oder zahlenmäßig überlegene Gruppen eine Familie einschüchtern, ihr Haus umstellen oder ihr Wasser und Lebensmittel verwehren, kann ein Templer dies nicht deshalb gutheißen, weil ihm die politische Sache der Täter nähersteht. Ritterlichkeit beginnt gerade dort, wo wir auch das Unrecht derjenigen benennen, mit denen wir uns ansonsten verbunden fühlen.
Eine erschreckende Entwicklung
Besonders nachdenklich machen die genannten Zahlen. Nach Berichten internationaler Medien unter Berufung auf israelische Sicherheitsquellen soll es in den ersten sechs Monaten des Jahres 2026 rund 660 Fälle nationalistischer Gewalt durch israelische Siedler gegeben haben. Im entsprechenden Zeitraum des Vorjahres sollen es 405 gewesen sein. Wenn diese Zahlen zutreffen, sprechen wir nicht mehr nur über vereinzelte Auseinandersetzungen, sondern über eine Entwicklung, die ernst genommen werden muss.
Dabei darf ebenso wenig vergessen werden, dass Israel seit Jahrzehnten mit Terrorismus, Raketenangriffen und der Ermordung eigener Bürger konfrontiert ist. Die Massaker und Geiselnahmen des 7. Oktober 2023 haben sich tief in das israelische Bewusstsein eingebrannt. Kein gerechtes Urteil über die Lage im Heiligen Land darf diese Erfahrung ausblenden. Aber ebenso gilt: Das erlittene Unrecht gibt keinem Menschen das Recht, selbst Unrecht an Unbeteiligten zu begehen.
Genau an dieser Stelle entscheidet sich, ob Gerechtigkeit lediglich ein Wort oder tatsächlich ein Grundsatz ist.
Das Heilige Land gehört nicht dem Hass
Vielleicht liegt eine der größten Tragödien dieser Region darin, dass ausgerechnet jenes Land, das drei Weltreligionen heilig ist, seit Generationen von Gewalt geprägt wird. Juden sprechen vom Land ihrer Väter. Christen sehen dort die Heimat Jesu Christi. Muslime verehren Jerusalem als eine ihrer heiligen Städte. Drei Glaubenswelten schauen auf dasselbe Stück Erde – und dennoch gelingt es den Menschen kaum, darin gemeinsam zu leben.
Was aber macht ein Land tatsächlich heilig?
Sind es Grenzen? Besitzurkunden? Fahnen? Militärposten? Siedlungen?
Oder wird ein Land erst dadurch heilig, wie Menschen darin miteinander umgehen?
Christus sagte nicht: Selig sind diejenigen, die möglichst viel Land besitzen. Er sagte: „Selig sind, die Frieden stiften.“ Darin liegt eine Botschaft, die auch nach zweitausend Jahren nichts von ihrer Kraft verloren hat.
Der Tempelritter des 21. Jahrhunderts
Der mittelalterliche Tempelritter trug ein Schwert. Der geistige Tempelritter unserer Zeit muss lernen, ein anderes Schwert zu führen: das Schwert der Unterscheidung. Es trennt Wahrheit von Propaganda, Verantwortung von Kollektivschuld und Gerechtigkeit von Rache.
Wir dürfen deshalb nicht in die Falle geraten, jede Kritik an Handlungen israelischer Siedler als Feindschaft gegenüber Israel oder gar gegenüber Juden zu verstehen. Antisemitismus ist ein Übel und muss entschieden zurückgewiesen werden. Ebenso wenig darf die berechtigte Sorge um Israels Sicherheit dazu führen, dass das Leid palästinensischer Zivilisten bedeutungslos erscheint. Auch sie sind Menschen mit Familien, Häusern, Hoffnungen und Ängsten.
Ein Templer sollte deshalb weder „pro Israel“ noch „pro Palästina“ sein, wenn diese Begriffe bedeuten, das Unrecht der jeweils eigenen Seite nicht mehr sehen zu wollen. Er sollte für den Menschen, für Gerechtigkeit und für einen Frieden eintreten, der beiden Völkern ein Leben in Sicherheit und Würde ermöglicht.
Das ist schwieriger als Parolen zu rufen. Aber der schwierigere Weg war schon immer der ritterliche Weg.
Wer schweigt, überlässt das Feld den Radikalen
Die große Gefahr besteht darin, dass Gewalt immer neue Gewalt hervorbringt. Ein palästinensisches Kind, das erlebt, wie seine Familie aus ihrem Haus vertrieben oder bedroht wird, vergisst dies möglicherweise sein Leben lang nicht. Ein israelisches Kind, das erlebt, wie Menschen durch Terroristen ermordet oder entführt werden, ebenso wenig. So werden Erinnerungen an Angst und Hass von einer Generation an die nächste weitergegeben.
Irgendwann weiß niemand mehr, wer den ersten Stein geworfen hat. Jeder kennt nur noch die Gräber seiner eigenen Familie.
Genau diesen Kreislauf muss eine geistige Haltung durchbrechen. Das bedeutet keineswegs, auf Sicherheit, Polizei oder Rechtsprechung zu verzichten. Frieden bedeutet nicht Wehrlosigkeit. Auch der historische Ritter wusste, dass der Schwache geschützt werden musste. Aber zwischen Schutz und Vergeltung besteht ein entscheidender Unterschied.
Wer einen Terroristen bekämpft, schützt möglicherweise Menschen. Wer einen unschuldigen Menschen für die Tat eines Terroristen bestraft, schafft möglicherweise den nächsten Feind.
Unser Maßstab darf nicht wechseln
Vielleicht können wir aus den Ereignissen von Qusra deshalb eine einfache ritterliche Regel ableiten: Beurteile eine Tat nicht danach, wer sie begeht, sondern danach, was getan wurde.
Wenn das Einschüchtern einer Familie falsch ist, bleibt es falsch, gleichgültig ob der Täter Jude, Muslim oder Christ ist. Wenn Terror gegen Zivilisten verwerflich ist, bleibt er verwerflich, unabhängig davon, unter welcher Fahne er begangen wird. Wenn einem Menschen aufgrund seiner Herkunft das Lebensrecht abgesprochen wird, müssen wir widersprechen.
Das Kreuz auf dem Mantel eines Tempelritters darf niemals zum Zeichen dafür werden, dass wir Menschen in Freund und Feind einteilen, bevor wir überhaupt ihre Taten betrachtet haben. Es sollte uns vielmehr daran erinnern, dass Macht an Verantwortung gebunden ist.
Das Heilige Land braucht heute keine neuen Kreuzfahrer. Es braucht auch keine neuen Fanatiker. Es braucht Menschen, die stark genug sind, das Leid der eigenen Seite zu sehen, ohne für das Leid der anderen Seite blind zu werden.
Vielleicht besteht genau darin eine der schwersten Prüfungen unserer Zeit.
Ein Tempelritter des 21. Jahrhunderts verteidigt deshalb nicht ein Volk gegen ein anderes. Er verteidigt einen Grundsatz: Kein Mensch verliert seine Würde, nur weil er auf der falschen Seite einer Grenze geboren wurde.
Und vielleicht beginnt der Frieden im Heiligen Land erst an jenem Tag wirklich, an dem genügend Menschen auf beiden Seiten diesen Satz nicht nur aussprechen, sondern danach handeln.
