⚔️ Lieber Krieger des Lichts
Warum Jesus den Sündern öffnete und die Selbstgerechten draußen blieben
Eine Betrachtung aus der Sicht eines Templers über Barmherzigkeit, religiöse Selbstgerechtigkeit, die Verurteilung anderer Menschen und die wahre Bedeutung christlicher Ritterlichkeit.
Es gehört zu den bemerkenswertesten Widersprüchen der menschlichen Religionsgeschichte, dass ausgerechnet jene Menschen, die sich besonders eifrig als Verteidiger göttlicher Gebote verstehen, mitunter die größten Schwierigkeiten haben, Gottes Barmherzigkeit anzuerkennen. Sie kennen die Vorschriften, zitieren die heiligen Schriften, achten auf das Verhalten ihrer Mitmenschen und glauben, genau unterscheiden zu können, wer würdig und wer unwürdig sei, vor Gott zu treten. Doch während sie damit beschäftigt sind, die Fehler anderer Menschen aufzuzählen, übersehen sie möglicherweise das Wichtigste: dass die Liebe Gottes größer sein könnte als ihre eigenen Vorstellungen von Gerechtigkeit. Eine kleine sinnbildliche Erzählung führt uns diese menschliche Schwäche auf eindrucksvolle Weise vor Augen. Vor dem Eingang zum Paradies hat sich eine große Menschenmenge versammelt. Fromme, Moralisten, Asketen und selbst ernannte Hüter der göttlichen Ordnung versperren den Weg. Sie protestieren lautstark dagegen, dass Menschen eingelassen werden sollen, die nach ihrem Urteil keinen Anspruch auf das Himmelreich besitzen. Doch Jesus steht an der Pforte, lächelt und hält sie offen. Während die Empörten über die Fehler der anderen streiten, gehen jene Menschen hinein, die verstanden haben, dass das Reich Gottes nicht durch menschliche Selbstgerechtigkeit erworben werden kann.
Diese Erzählung ist selbstverständlich kein wörtlicher Bericht aus der Bibel. Sie ist ein Gleichnis, das verschiedene Begegnungen Jesu mit Sündern, Kranken und gesellschaftlich Verachteten zusammenführt. Gerade darin liegt ihre besondere Aussagekraft. Sie erinnert uns an einen wesentlichen Zug des Wirkens Jesu: Seine Nähe galt nicht ausschließlich den Geachteten, den religiös Vorbildlichen oder den gesellschaftlich Anerkannten. Er wandte sich häufig gerade jenen Menschen zu, die von ihrer Umgebung abgelehnt, ausgegrenzt oder als unwürdig betrachtet wurden. Seine Botschaft war für viele seiner Zeitgenossen deshalb so herausfordernd, weil sie die gewohnten Maßstäbe religiöser und gesellschaftlicher Anerkennung infrage stellte.
Für uns Templer besitzt diese Betrachtung eine unmittelbare Bedeutung. Wir tragen das Kreuz Christi als sichtbares Zeichen unserer geistigen Orientierung. Wir sprechen von Ritterlichkeit, christlichen Tugenden, Gerechtigkeit, Treue und dem Dienst am Mitmenschen. Doch was bedeuten diese Begriffe tatsächlich, wenn wir einem Menschen begegnen, dessen Lebensweg nicht unseren Vorstellungen entspricht? Erkennen wir in ihm zunächst einen Mitmenschen, dessen Würde unantastbar ist, oder sehen wir nur seine Verfehlungen? Sind wir bereit, zwischen einer Tat und dem Menschen zu unterscheiden, der sie begangen hat? Oder machen wir uns selbst zum Richter über eine Seele, deren ganze Geschichte wir überhaupt nicht kennen?
Der erste, der in unserer Erzählung den Weg versperrt, ist der Puritaner. Er fragt empört, weshalb überhaupt Sünder das Paradies betreten dürfen. In seiner Vorstellung ist das Himmelreich ein Ort, zu dem nur jene Zugang erhalten sollten, die während ihres irdischen Lebens möglichst wenig gegen religiöse Gebote verstoßen haben. Er betrachtet sich selbst als Angehörigen dieser ausgewählten Gruppe. Seine Empörung entspringt nicht unbedingt einer bewussten Bosheit. Vielleicht hat er sein Leben lang auf Vergnügungen verzichtet, strenge Regeln befolgt und sich ernsthaft bemüht, ein untadeliges Leben zu führen. Nun erscheint es ihm ungerecht, dass andere Menschen, die seinen Maßstäben nicht entsprochen haben, dieselbe Hoffnung auf göttliche Aufnahme besitzen sollen.
Doch gerade hier offenbart sich ein grundlegendes Missverständnis. Wer sein religiöses Leben ausschließlich als Ansammlung moralischer Verdienste versteht, könnte glauben, sich damit einen Anspruch auf Gottes Anerkennung erworben zu haben. Die christliche Botschaft spricht jedoch nicht nur von menschlicher Leistung, sondern ebenso von Gnade. Der Mensch steht vor Gott nicht als selbstherrlicher Besitzer eines erworbenen Rechts, sondern als ein begrenztes, fehlbares Wesen, das selbst der Vergebung bedarf. Im Römerbrief erinnert der Apostel Paulus daran, dass alle Menschen gesündigt haben und der göttlichen Gnade bedürfen. Diese Aussage richtet sich nicht allein an jene, deren Fehler öffentlich sichtbar geworden sind, sondern ebenso an Menschen, die nach außen ein angesehenes und untadeliges Leben führen.
Der Puritaner vor der Himmelspforte hat somit vielleicht eine wichtige Wahrheit übersehen: Auch seine eigene Tugendhaftigkeit macht ihn nicht zu einem Menschen ohne Fehler. Er mag bestimmte Versuchungen vermieden haben, doch vielleicht hat er sich gleichzeitig dem Hochmut, der Lieblosigkeit oder der Verachtung seiner Mitmenschen hingegeben. Es ist leicht, auf äußere Vergehen hinzuweisen, weil diese sichtbar und vergleichbar erscheinen. Wesentlich schwieriger ist es, jene inneren Haltungen zu erkennen, die sich hinter einer Fassade der Frömmigkeit verbergen können. Gerade religiöser Stolz besitzt die gefährliche Eigenschaft, sich selbst als Tugend auszugeben.
Neben ihm steht der Moralist, der sich darüber empört, dass eine Prostituierte am himmlischen Bankett teilnehmen möchte. Für ihn scheint bereits ihre gesellschaftliche Stellung auszureichen, um sie vom Reich Gottes auszuschließen. Er fragt nicht nach ihrem bisherigen Leben, nach den Umständen, unter denen sie ihre Entscheidungen getroffen hat, oder nach den Verletzungen, die sie möglicherweise erfahren musste. Er betrachtet sie ausschließlich durch das Urteil, das ihre Umgebung über sie gefällt hat. In seinen Augen ist sie nicht mehr ein Mensch mit einer Geschichte, mit Hoffnungen, Ängsten und einer unverlierbaren Würde. Sie ist nur noch Vertreterin einer moralisch verurteilten Lebensweise.
Wie anders verhielt sich Jesus gegenüber Menschen, die von der Gesellschaft verachtet wurden. Die Evangelien berichten wiederholt davon, dass er mit Zöllnern und Sündern Gemeinschaft hielt. Gerade diese Bereitschaft erregte den Widerspruch religiöser Autoritäten. In der damaligen Gesellschaft bedeutete eine gemeinsame Mahlzeit weit mehr als die bloße Aufnahme von Nahrung. Sie war ein Zeichen sozialer Anerkennung und menschlicher Nähe. Wer mit einem gesellschaftlich Ausgestoßenen am Tisch saß, erklärte damit, dass dieser Mensch nicht vollständig aus der Gemeinschaft ausgeschlossen sein sollte. Jesus stellte auf diese Weise die Vorstellung infrage, menschliche Würde müsse zunächst durch gesellschaftliche Anerkennung verdient werden.
Ein Templer sollte daraus lernen, dass die Würde eines Menschen nicht von seinem Beruf, seinem Vermögen, seiner gesellschaftlichen Stellung oder dem Urteil seiner Umgebung abhängt. Das bedeutet nicht, dass jede Handlung gleichermaßen richtig wäre. Christliche Ethik kennt sehr wohl die Unterscheidung zwischen gutem und schlechtem Handeln. Doch die Beurteilung einer Handlung darf nicht zur vollständigen Verurteilung der Person werden. Ein Mensch ist immer mehr als seine Fehler, seine Vergangenheit oder die Rolle, die ihm andere Menschen zugeschrieben haben. Wer dies vergisst, läuft Gefahr, aus moralischen Grundsätzen ein Werkzeug der Ausgrenzung zu machen.
Der nächste Wächter vor der Pforte ist der Hüter gesellschaftlicher Werte. Er empört sich darüber, dass einer ehebrecherischen Frau vergeben werden soll. Seine Haltung erinnert an die bekannte Erzählung aus dem Johannesevangelium, in der eine Frau wegen Ehebruchs vor Jesus gebracht wird. Die Ankläger verlangen ein Urteil und berufen sich auf das Gesetz. Doch Jesus antwortet mit einer Aufforderung, die zu den eindringlichsten Worten der christlichen Überlieferung gehört: Wer ohne Sünde sei, solle den ersten Stein werfen. Einer nach dem anderen ziehen sich die Ankläger zurück.
Diese Szene enthält keine pauschale Rechtfertigung des Ehebruchs. Jesus erklärt nicht, dass Treue bedeutungslos geworden sei oder dass menschliche Entscheidungen keine moralischen Folgen hätten. Vielmehr richtet er den Blick auf die Verantwortung jener, die über andere urteilen wollen. Er zwingt die Ankläger gewissermaßen dazu, ihre eigene moralische Stellung zu überprüfen. Mit welchem Recht erheben sie sich zu unerbittlichen Richtern, wenn auch ihr eigenes Leben nicht frei von Schuld ist? Die Geschichte erinnert uns daran, dass Gerechtigkeit ohne Selbstprüfung leicht in Grausamkeit umschlagen kann.
Besonders deutlich wird hier die Unterscheidung zwischen Vergebung und Billigung. Einem Menschen zu vergeben bedeutet nicht zwangsläufig, sein Verhalten für richtig zu erklären. Vergebung bedeutet vielmehr, dass ein begangenes Unrecht nicht für alle Zukunft die einzige Grundlage der Beziehung zu diesem Menschen bleiben soll. Sie eröffnet die Möglichkeit von Einsicht, Reue, Veränderung und einem neuen Anfang. Dabei darf nicht übersehen werden, dass Vergebung weder erzwungen werden kann noch die Verantwortung gegenüber Geschädigten aufhebt. Wer Unrecht erlitten hat, besitzt ein Recht auf Schutz, Wahrheit und Gerechtigkeit. Barmherzigkeit darf niemals dazu benutzt werden, Opfer zum Schweigen zu bringen oder Täter von notwendiger Verantwortung zu befreien.
Für die ritterliche Lebensführung ist diese Unterscheidung von entscheidender Bedeutung. Ein Ritter soll gerecht sein, aber er darf nicht selbstgerecht werden. Er soll für Wahrheit eintreten, aber nicht aus Freude an der Verurteilung anderer Menschen. Er soll die Schwachen schützen, aber er darf sich nicht zum unfehlbaren Richter über fremde Lebenswege erheben. Gerade wer Verantwortung trägt, muss lernen, die Schwere eines Fehlers anzuerkennen und zugleich die Möglichkeit menschlicher Veränderung offenzuhalten.
Der Büßer unserer Erzählung empört sich über die Heilung eines Blinden, der sich angeblich nicht einmal bedankt. Hier tritt eine andere Form menschlicher Selbstgerechtigkeit hervor. Sie besteht in der Vorstellung, Hilfe müsse zunächst verdient werden. Wer Unterstützung empfängt, solle gefälligst dankbar sein, sich angemessen verhalten und die Erwartungen seines Wohltäters erfüllen. Geschieht dies nicht, erscheint die Hilfe im Nachhinein als verschwendet.
Doch ist wirkliche Nächstenliebe davon abhängig, dass der Empfänger unsere Erwartungen erfüllt? Helfen wir einem Menschen, weil er unsere Anerkennung verdient hat, oder weil er Hilfe benötigt? Die Evangelien zeigen wiederholt, dass Jesus sich Kranken und Bedürftigen zuwandte, ohne ihre gesellschaftliche Bedeutung oder ihre späteren Dankesbekundungen zum entscheidenden Maßstab zu machen. Besonders eindrucksvoll ist die Erzählung von den zehn Aussätzigen im Lukasevangelium. Alle zehn werden geheilt, doch nur einer kehrt zurück, um Gott zu danken. Jesus nimmt die fehlende Dankbarkeit der anderen wahr, aber die zuvor gewährte Heilung wird deshalb nicht rückgängig gemacht.
Darin liegt eine wichtige Lehre. Dankbarkeit ist eine wertvolle menschliche Tugend. Wer Hilfe empfängt, sollte diese nach Möglichkeit anerkennen und würdigen. Doch die Würde der Hilfe hängt nicht ausschließlich davon ab, ob sie mit Dank belohnt wird. Wenn wir nur dann helfen, wenn wir Anerkennung erwarten können, handeln wir möglicherweise weniger aus Nächstenliebe als aus dem Wunsch nach persönlicher Bestätigung. Eine solche Haltung kann leicht in Enttäuschung umschlagen, sobald der erwartete Dank ausbleibt.
Der wahre Templer sollte deshalb lernen, seine guten Werke nicht als persönliche Guthaben zu betrachten, die andere Menschen bei ihm abtragen müssten. Der Dienst am Mitmenschen ist kein Geschäft, bei dem jede Hilfeleistung einen Anspruch auf Bewunderung begründet. Selbstverständlich besitzt auch die Hilfsbereitschaft vernünftige Grenzen. Niemand ist verpflichtet, sich dauerhaft ausnutzen oder missbrauchen zu lassen. Doch dort, wo wirkliche Not besteht, sollte die erste Frage nicht lauten, welche Dankbarkeit zu erwarten ist, sondern welche Hilfe notwendig und verantwortbar erscheint.
Schließlich tritt der Asket hervor, der sich darüber empört, dass eine Frau kostbares Öl über Jesus ausgießen darf. Er hält diese Handlung für Verschwendung und verlangt, das Öl zu verkaufen und den Erlös für Nahrung oder die Armen zu verwenden. Auch diese Szene besitzt eine deutliche Entsprechung in den Evangelien. Die Salbung Jesu mit kostbarem Öl wird in mehreren Überlieferungen berichtet, wobei sich Einzelheiten und handelnde Personen unterscheiden. Besonders im Johannesevangelium wird der Einwand gegen die vermeintliche Verschwendung ausdrücklich mit der Unterstützung der Armen begründet.
Auf den ersten Blick erscheint dieser Einwand durchaus vernünftig. Weshalb sollte ein kostbares Gut für eine symbolische Handlung verwendet werden, wenn gleichzeitig Menschen in Armut leben? Diese Frage darf nicht einfach als Ausdruck mangelnder Frömmigkeit abgetan werden. Sie berührt eine reale Spannung zwischen religiöser Symbolik und materieller Verantwortung. Doch Jesus erkennt in der Salbung eine besondere persönliche und geistige Bedeutung. Die Handlung der Frau wird nicht allein nach ihrem wirtschaftlichen Nutzen beurteilt, sondern als Ausdruck von Liebe, Hingabe und der Vorbereitung auf seinen bevorstehenden Tod verstanden.
Auch für eine moderne Ordensgemeinschaft besitzt diese Spannung Bedeutung. Wir verwenden Symbole, Kreuze, Gewänder, Urkunden und feierliche Rituale, um geistige Verpflichtungen sichtbar zu machen. Solche Formen können wertvoll sein, solange sie den Menschen an seine eigentlichen Aufgaben erinnern. Sie verlieren jedoch ihren Sinn, wenn äußerer Glanz wichtiger wird als Bildung, Wahrhaftigkeit und tätige Nächstenliebe. Ebenso wäre es falsch, jede feierliche Handlung ausschließlich nach ihrem materiellen Nutzen zu beurteilen. Menschen benötigen nicht nur Brot, Kleidung und Unterkunft, sondern auch Hoffnung, Gemeinschaft, Schönheit und Ausdrucksformen ihrer Überzeugungen.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, ob jede religiöse Feier oder jedes wertvolle Symbol eine Verschwendung darstellt. Sie lautet vielmehr, ob die äußeren Formen dem inneren Auftrag dienen oder ob sie zu einem Selbstzweck geworden sind. Ein Ritterorden, der beträchtliche Mittel für prächtige Insignien aufwendet, während er seine eigentlichen Bildungs- und Gemeinschaftsaufgaben vernachlässigt, sollte seine Prioritäten überprüfen. Doch ein schlichtes Ritual, das Menschen zu Verantwortung, Treue und Nächstenliebe verpflichtet, kann eine geistige Bedeutung besitzen, die sich nicht in Geld ausdrücken lässt.
Betrachten wir nun die gesamte Menschenmenge vor der Paradiespforte, erkennen wir eine auffällige Gemeinsamkeit. Der Puritaner, der Moralist, der Hüter gesellschaftlicher Werte, der Büßer und der Asket unterscheiden sich zwar in ihren jeweiligen Argumenten, doch sie nehmen alle dieselbe innere Haltung ein. Sie betrachten die vermeintlichen Fehler anderer Menschen und leiten daraus den Anspruch ab, über deren Zugang zur göttlichen Barmherzigkeit zu entscheiden. Ihre Aufmerksamkeit richtet sich nicht auf die eigene Beziehung zu Gott, sondern auf die Frage, weshalb andere Menschen möglicherweise mehr Gnade empfangen, als sie nach menschlichem Ermessen verdient hätten.
Hier liegt der tiefere Sinn des Gleichnisses. Die Menschenmenge versperrt den Weg zum Paradies nicht deshalb, weil sie moralische Grundsätze besitzt. Sie versperrt ihn, weil sie diese Grundsätze zur Grundlage einer selbst angemaßten Herrschaft über andere macht. Ihre Frömmigkeit verliert den Charakter einer persönlichen Verpflichtung und wird zu einem Instrument der Ausgrenzung. Sie wollen bestimmen, wen Jesus aufnehmen darf. Gerade darin offenbart sich die geistige Verkehrung ihrer Haltung. Sie berufen sich auf Gott und versuchen gleichzeitig, seiner Barmherzigkeit ihre eigenen Grenzen aufzuerlegen.
Für uns Templer ergibt sich daraus eine unbequeme, aber notwendige Frage. Besteht nicht auch innerhalb moderner Ritterorden die Gefahr, dass äußere Würde mit innerer Überlegenheit verwechselt wird? Ein Mensch trägt einen Mantel, erhält einen Rang, nimmt an einer Investitur teil und wird vielleicht mit einem ehrwürdigen Titel angesprochen. All dies kann innerhalb einer Gemeinschaft seinen angemessenen Platz besitzen. Doch kein Titel macht einen Menschen automatisch gerechter, kein Ordenskreuz garantiert ihm ein mitfühlendes Herz, und keine feierliche Zeremonie ersetzt die tägliche Arbeit am eigenen Charakter.
Gerade dort, wo eine Gemeinschaft sich auf christliche Ritterlichkeit beruft, sollte sie besonders aufmerksam gegenüber religiösem Hochmut sein. Es wäre ein schwerer Widerspruch, wenn wir die Demut Christi verehren und gleichzeitig Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Armut, ihrer gesellschaftlichen Stellung oder ihrer persönlichen Vergangenheit verachten würden. Es wäre ebenso widersprüchlich, wenn wir Barmherzigkeit predigten, aber bei jeder menschlichen Schwäche nach Ausschluss und öffentlicher Beschämung verlangten. Die Echtheit unserer geistigen Überzeugungen zeigt sich nicht allein in unseren Worten, sondern vor allem in unserem Umgang mit jenen Menschen, die unseren Erwartungen nicht entsprechen.
Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass Ritterlichkeit stets auch mit Gerechtigkeit verbunden ist. Barmherzigkeit bedeutet nicht, dass jede Regel aufgehoben oder jede Verfehlung ohne Folgen bleiben soll. Eine Ordensgemeinschaft benötigt verlässliche Grundsätze, gegenseitige Achtung und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen. Wer anderen absichtlich Schaden zufügt, Vertrauen missbraucht oder seine Stellung ausnutzt, muss sich mit den Folgen seines Handelns auseinandersetzen. Doch selbst notwendige Maßnahmen sollten nicht aus Hass, persönlicher Rachsucht oder dem Wunsch nach Demütigung entstehen. Die Würde des Rechts zeigt sich gerade darin, dass es Grenzen kennt und den Menschen nicht vollständig mit seiner Schuld gleichsetzt.
Vielleicht ist die Selbstgerechtigkeit deshalb so verführerisch, weil sie dem Menschen ein angenehmes Gefühl eigener moralischer Sicherheit vermittelt. Solange wir die Fehler anderer betrachten, müssen wir uns weniger intensiv mit unseren eigenen beschäftigen. Wir erkennen die Habgier des Reichen, die Untreue des Ehebrechers, die Eitelkeit des Mächtigen und die Unaufrichtigkeit des Heuchlers. Doch wie leicht übersehen wir dabei unseren eigenen Stolz, unsere Ungeduld, unsere verborgene Missgunst oder die kleinen Unwahrheiten, mit denen wir unser Verhalten rechtfertigen. Der Blick auf fremde Schuld kann zu einem bequemen Mittel werden, sich der eigenen Gewissenserforschung zu entziehen.
Jesus hat diese menschliche Neigung mit dem bekannten Bild vom Splitter und vom Balken beschrieben. Wir erkennen den kleinen Splitter im Auge unseres Bruders, während wir den Balken im eigenen Auge übersehen. Dieses Bild gehört zu den eindringlichsten Aufforderungen zur Selbstprüfung innerhalb der christlichen Überlieferung. Es verbietet nicht jede sachliche Kritik an fremdem Verhalten. Es fordert jedoch, dass wir unsere eigene Fehlbarkeit anerkennen, bevor wir uns zum Richter über andere erheben.
Ein wahrer Templer sollte deshalb nicht nur fragen, ob seine Mitmenschen den Anforderungen ritterlicher Tugend entsprechen. Er sollte zuerst prüfen, in welchem Maße er selbst diesen Anforderungen gerecht wird. Wie gehe ich mit Menschen um, die anderer Meinung sind? Kann ich einen Fehler zugeben? Bin ich bereit, jemandem zu vergeben, der mich verletzt hat? Helfe ich nur jenen, die mir sympathisch sind, oder auch Menschen, von denen ich keinen persönlichen Vorteil erwarten kann? Urteile ich nach überprüfbaren Tatsachen oder nach Vorurteilen? Und besitze ich die innere Größe, einen Menschen nicht für alle Zukunft auf eine frühere Verfehlung festzulegen?
Solche Fragen sind wesentlich anspruchsvoller als das bloße Einhalten äußerer Formen. Es ist vergleichsweise leicht, eine vorgeschriebene Kleidung zu tragen, bestimmte Worte zu sprechen oder sich an einem feierlichen Ritual zu beteiligen. Wesentlich schwieriger ist es, im täglichen Leben geduldig, gerecht und barmherzig zu handeln. Gerade deshalb besteht die eigentliche ritterliche Prüfung nicht nur in einer Investitur, sondern in den zahllosen Entscheidungen des Alltags. Dort zeigt sich, ob unsere geistigen Grundsätze zu einer lebendigen Haltung geworden sind.
Die Geschichte des Christentums bietet genügend Beispiele dafür, wie schwer diese Aufgabe ist. Im Namen der Religion wurden Menschen verfolgt, ausgegrenzt und mitunter grausam bestraft. Geistliche und weltliche Autoritäten beriefen sich auf göttliche Gebote, während sie Handlungen rechtfertigten, die aus heutiger Sicht in schwerem Widerspruch zum Gebot der Nächstenliebe stehen. Auch die Geschichte der Kreuzzüge und der geistlichen Ritterorden gehört zu diesem widersprüchlichen Erbe. Wir sollten diese Vergangenheit weder beschönigen noch pauschal verurteilen, ohne ihre historischen Bedingungen zu berücksichtigen. Doch wir dürfen aus ihr lernen, dass religiöse Überzeugung allein keinen Menschen vor moralischen Irrtümern schützt.
Gerade der historische Templerorden verband hohe geistliche Ideale mit der militärischen Wirklichkeit seiner Zeit. Seine Mitglieder gelobten Armut, Keuschheit und Gehorsam, nahmen am gemeinsamen Gebet teil und verstanden ihren Dienst als religiöse Verpflichtung. Zugleich waren sie Teil einer Epoche, in der Glaubenskonflikte mit bewaffneter Gewalt ausgetragen wurden. Der heutige Templer kann die geistigen Ideale dieser Tradition aufnehmen, ohne sämtliche historischen Handlungsweisen nachahmen zu müssen. Seine Aufgabe besteht darin, den Gedanken des ritterlichen Dienstes unter den moralischen Erkenntnissen der Gegenwart weiterzuentwickeln.
Ein solcher Dienst verlangt nicht nur Mut gegenüber äußeren Gefahren, sondern auch Mut gegenüber den eigenen Vorurteilen. Es kann schwerer sein, einem verachteten Menschen die Hand zu reichen, als innerhalb einer geschlossenen Gemeinschaft Zustimmung zu erhalten. Es kann mehr innere Stärke erfordern, auf Vergeltung zu verzichten, als einem persönlichen Gegner mit Härte zu begegnen. Und es kann eine größere geistige Leistung sein, die eigene Fehlbarkeit einzugestehen, als lange Vorträge über die Fehler anderer Menschen zu halten.
Damit gelangen wir zu jener letzten Szene unseres Gleichnisses, die seine ganze Bedeutung zusammenfasst. Während die Menschenmenge empört diskutiert, steht Jesus lächelnd an der geöffneten Pforte. Er lässt sich durch die lauten Vorwürfe nicht von seiner Haltung abbringen. Diejenigen, die im Gleichnis als Krieger des Lichts bezeichnet werden, treten ein, ohne sich an den Streitigkeiten zu beteiligen. Sie versuchen nicht, ihre eigene Überlegenheit zu beweisen, und sie verlangen auch nicht, dass die protestierenden Wächter vor aller Öffentlichkeit beschämt werden. Sie gehen einfach durch jene Pforte, die ihnen geöffnet wurde.
Der Ausdruck „Krieger des Lichts“ besitzt für einen Templer eine besondere symbolische Kraft. Er bezeichnet in diesem Zusammenhang keinen Menschen, der andere mit Waffen besiegt oder sich selbst für moralisch unfehlbar hält. Vielmehr kann er als Sinnbild eines Menschen verstanden werden, der sich um Wahrheit, Güte, Mut und geistige Klarheit bemüht. Sein Kampf richtet sich nicht gegen die Würde anderer Menschen, sondern gegen Unwissenheit, Hass, Hochmut und jene inneren Schwächen, die ihn daran hindern, gerecht zu handeln.
Ein solcher Krieger des Lichts weiß, dass auch er fehlbar bleibt. Er besitzt keine Gewissheit, niemals zu irren, und er erhebt keinen Anspruch darauf, über den endgültigen Wert anderer Menschen entscheiden zu können. Seine Stärke besteht darin, sich immer wieder neu für das Gute zu entscheiden, selbst wenn dieser Weg unbequem erscheint. Er lässt sich weder durch die Empörung der Menge noch durch das Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung vollständig bestimmen. Er versucht, seinem Gewissen und seinen geistigen Verpflichtungen treu zu bleiben.
Vielleicht liegt hierin die wichtigste Lehre für unseren Orden. Wir sollten darauf achten, dass unsere Gemeinschaft nicht selbst zu jener Menschenmenge wird, die vor der Paradiespforte steht und anderen den Weg versperrt. Wir dürfen unsere Traditionen achten, unsere Regeln bewahren und hohe Anforderungen an unsere eigene Lebensführung stellen. Doch wir sollten uns davor hüten, aus diesen Anforderungen eine allgemeine Berechtigung zur Verachtung anderer Menschen abzuleiten. Der christliche Ritter soll nicht darüber befinden, wer von Gott geliebt werden darf. Er soll versuchen, Gottes Liebe durch sein eigenes Handeln sichtbar zu machen.
Diese Haltung gewinnt gerade in einer Zeit an Bedeutung, in der Menschen einander immer häufiger aufgrund einzelner Meinungen, persönlicher Fehler oder gesellschaftlicher Zugehörigkeiten vollständig verurteilen. Öffentliche Empörung ersetzt nicht selten die sorgfältige Prüfung eines Sachverhalts. Ein unbedachtes Wort genügt manchmal, um einen Menschen dauerhaft aus einer Gemeinschaft auszuschließen. Vergangene Fehler werden immer wieder hervorgeholt, selbst wenn der Betroffene inzwischen Einsicht gezeigt und sein Verhalten verändert hat. Die Möglichkeit eines neuen Anfangs gerät dabei leicht in Vergessenheit.
Das christliche Verständnis von Vergebung stellt dieser Entwicklung einen anderen Gedanken gegenüber. Ein Mensch ist nicht zwangsläufig für alle Zukunft derjenige, der er im Augenblick seines größten Fehlers gewesen ist. Reue, Umkehr und persönliche Entwicklung können sein Leben verändern. Wer ihm jede Möglichkeit dazu verweigert, erklärt gewissermaßen, dass menschliche Veränderung unmöglich sei. Doch gerade die Hoffnung auf Veränderung gehört zum Kern der christlichen Botschaft.
Wir sollten uns deshalb daran erinnern, dass das Paradies in unserem Gleichnis nicht von jenen verwaltet wird, die am lautesten über die Sünden anderer sprechen. Die geöffnete Pforte steht vielmehr für eine Barmherzigkeit, die menschliche Kategorien überschreiten kann. Das bedeutet nicht, dass wir das endgültige göttliche Urteil kennen oder dass jede Entscheidung des Menschen bedeutungslos wäre. Es bedeutet, dass wir bescheiden genug bleiben sollten, die Grenzen unseres eigenen Urteilsvermögens anzuerkennen.
Der Puritaner, der Moralist, der Hüter gesellschaftlicher Werte, der Büßer und der Asket könnten vielleicht selbst durch diese Pforte gehen, wenn sie bereit wären, ihren Anspruch auf moralische Überlegenheit aufzugeben. Das Gleichnis verlangt nicht, sie zu verachten. Gerade das wäre ein neuer Ausdruck jener Selbstgerechtigkeit, die es kritisiert. Auch sie sind Menschen mit ihren Ängsten, Überzeugungen und Irrtümern. Auch sie bedürfen möglicherweise jener Barmherzigkeit, die sie anderen verweigern möchten. Darin liegt die letzte und vielleicht anspruchsvollste Konsequenz christlicher Nächstenliebe: Sie darf nicht bei jenen enden, deren Verhalten wir leicht verstehen oder deren Ansichten wir teilen.
Für den Templer bedeutet dies eine dauerhafte Aufgabe der inneren Läuterung. Wir müssen lernen, gerecht zu urteilen, ohne lieblos zu werden, und barmherzig zu handeln, ohne Unrecht zu verharmlosen. Wir müssen die Würde unserer Tradition bewahren, ohne uns über andere Menschen zu erheben. Wir müssen zu unseren Überzeugungen stehen, ohne zu vergessen, dass auch unser eigenes Verständnis begrenzt ist. Vor allem aber sollten wir den Mut besitzen, dort menschlich zu bleiben, wo die Umgebung nach Verurteilung verlangt.
Wenn wir eines Tages selbst vor jener sinnbildlichen Pforte stehen, werden wir vielleicht nicht danach gefragt, wie viele Fehler wir bei anderen entdeckt haben, wie häufig wir uns über fremde Sünden empörten oder wie erfolgreich wir unsere eigene moralische Überlegenheit verteidigten. Die christliche Überlieferung legt vielmehr die Frage nahe, wie wir mit den Hungernden, den Kranken, den Fremden, den Gefangenen und den Bedürftigen umgegangen sind. Im Matthäusevangelium wird gerade diese tätige Hinwendung zum Mitmenschen zu einem entscheidenden Bild für die Begegnung mit Christus.
Daran sollten wir uns erinnern, wenn wir unser Templerkreuz anlegen, unsere Gebete sprechen und uns zu den Idealen christlicher Ritterlichkeit bekennen. Nicht die Größe unseres Titels, die Schönheit unseres Mantels oder die Feierlichkeit unserer Rituale entscheidet über den moralischen Wert unseres Handelns. Entscheidend ist, ob wir bereit sind, jene Tugenden zu leben, auf die wir uns berufen.
Der wahre Templer steht nicht vor der Pforte des Paradieses, um anderen den Eintritt zu verwehren. Er bemüht sich vielmehr, während seines irdischen Lebens Türen zu öffnen: Türen zur Erkenntnis, zur Versöhnung, zur Hoffnung und zur menschlichen Gemeinschaft. Er weiß, dass Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit grausam werden kann und dass Barmherzigkeit ohne Wahrhaftigkeit ihren Halt verliert. Erst in der Verbindung beider Tugenden offenbart sich jene geistige Ritterlichkeit, zu der uns das Kreuz Christi verpflichtet.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger Zeit damit verbringen, uns über die vermeintliche Unwürdigkeit unserer Mitmenschen zu empören, und mehr danach fragen, ob wir selbst bereit sind, durch die geöffnete Pforte zu treten. Denn wer sein Leben ausschließlich damit verbringt, die Fehler anderer zu zählen, könnte am Ende übersehen, dass auch für ihn selbst die Tür zur Gnade offensteht.
