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Die Geheimstatuten der Templer– Wahrheit oder Erfindung?

Kaum ein Thema der Templergeschichte hat so viele Spekulationen hervorgerufen wie die angeblichen „Geheimstatuten“ des Templerordens. Romane, Dokumentationen und populärwissenschaftliche Bücher behaupten seit Jahrhunderten, innerhalb des Ordens habe ein geheimer Zirkel existiert, der eine völlig andere Religion vertreten und sich heimlich von der katholischen Kirche losgesagt habe. Zu den angeblichen Lehren gehören Baphomet-Verehrung, geheime Passwörter, alchemistische Rituale und eine universelle Religion, welche Christentum, Islam und andere Glaubensrichtungen miteinander verbunden habe.

Doch was sagt die historische Forschung?

Die Ordensregel der Templer ist bekannt

Zunächst muss festgehalten werden, dass die eigentliche Ordensregel der Tempelritter keineswegs geheim war. Sie wurde im 12. Jahrhundert auf dem Konzil von Troyes bestätigt und umfasste zunächst 72 Artikel. Später kamen zahlreiche Ergänzungen hinzu, die den Alltag, die Disziplin und die Verwaltung des Ordens regelten.

Diese Regel ist vollständig überliefert und steht in voller Übereinstimmung mit der damaligen Lehre der Kirche. Von einer geheimen zweiten Religion oder einer versteckten Führungsschicht innerhalb des Ordens findet sich darin keine Spur.

Die Entstehung der Geheimstatuten-Legende

Die Vorstellung eines „Ordens im Orden“ entstand erst viele Jahrhunderte nach der Auflösung des Templerordens.

Bereits 1783 vertrat der deutsche Schriftsteller Friedrich Nicolai die Ansicht, dass hinter dem sichtbaren Orden ein geheimer Geheimbund gestanden habe. Diese Theorie passte hervorragend in das aufkommende Interesse an Freimaurern, Illuminaten und anderen Geheimgesellschaften.

Den eigentlichen Durchbruch erzielte die Legende jedoch erst im 20. Jahrhundert.

Die Geschichte des verschwundenen Manuskripts

Der französische Autor Gerard de Sède veröffentlichte 1962 das Buch Die Templer sind unter uns. Darin behauptete er, der dänische Bischof Friedrich Münter habe bereits 1780 im Vatikanischen Archiv nicht nur die bekannte Ordensregel, sondern auch geheime Statuten entdeckt.

Diese seien angeblich von einem geheimnisvollen „Meister Roncelin“ verfasst worden.

Nach de Sèdes Darstellung sei dieser zweite Teil des Manuskripts später auf unerklärliche Weise verschwunden. Erst 1877 habe ihn der deutsche Gelehrte Theodor Merzdorf zufällig in Hamburger Privatarchiven wiedergefunden.

Diese Geschichte klingt spannend – hält einer historischen Überprüfung jedoch nicht stand.

Friedrich Münter erwähnt niemals Geheimstatuten

Friedrich Münter war eine bedeutende Persönlichkeit seiner Zeit.

Er war Theologe, Historiker, Archäologe, später Bischof von Seeland sowie Mitglied und Meister einer Freimaurerloge. Zudem veröffentlichte er 1794 eine umfangreiche wissenschaftliche Untersuchung über den Templerorden und den gegen ihn geführten Prozess.

Gerade dieses Werk wäre der naheliegende Ort gewesen, um eine sensationelle Entdeckung wie geheime Ordensstatuten bekannt zu machen.

Doch dort findet sich keinerlei Hinweis darauf.

Weder erwähnt Münter ein solches Manuskript, noch beschreibt er eine geheime Lehre der Tempelritter.

Allein dieser Umstand macht die spätere Behauptung äußerst unglaubwürdig.

Merzdorfs rätselhafte Handschrift

Theodor Merzdorf veröffentlichte 1877 tatsächlich einen Text, den er als Abschrift alter Templerstatuten präsentierte.

Nach seiner eigenen Aussage handelte es sich allerdings nicht um das Original.

Er erklärte lediglich, die Handschrift sei angeblich nach Dokumenten aus den Untersuchungsakten des Vatikanischen Archivs abgeschrieben worden.

Ihre Herkunft blieb äußerst unklar.

Nach Merzdorfs Angaben soll sich die Abschrift zeitweise in St. Petersburg befunden haben, später über den Nachlass des Staatsrats Böber – eines führenden Freimaurers des schwedischen Systems – nach Hamburg gelangt sein.

Dort habe sie schließlich die Hamburger Großloge aufbewahrt.

Merzdorf selbst räumte mehrfach ein, dass sich die Herkunft des Manuskripts nicht sicher nachweisen lasse.

Die moderne Forschung spricht von einer Fälschung

Bereits kurz nach der Veröffentlichung untersuchte der Historiker Hans Prutz die sogenannten Geheimstatuten sorgfältig.

Seine Analyse ergab, dass der Text zahlreiche sprachliche, historische und inhaltliche Fehler enthält.

Das Latein entspricht nicht dem Sprachgebrauch des Mittelalters.

Mehrere Gedanken stammen eindeutig aus dem Geist der Aufklärung und des 18. beziehungsweise 19. Jahrhunderts.

Heute gilt in der historischen Forschung weitgehend als gesichert, dass die sogenannten Merzdorfschen Geheimstatuten keine mittelalterliche Quelle sind, sondern eine Fälschung aus dem Umfeld freimaurerischer oder neotemplerischer Kreise des 19. Jahrhunderts.

Was steht in diesen angeblichen Geheimstatuten?

Gerade der Inhalt zeigt deutlich, weshalb Historiker ihre Echtheit bezweifeln.

Die sogenannten Geheimstatuten bestehen aus mehreren Teilen.

Der erste Teil enthält tatsächlich die bekannte Ordensregel der Tempelritter.

Erst danach folgen völlig neue Texte.

Dort wird behauptet, alle Religionen seien im Grunde gleichwertig. Katharer, Waldenser, Freimaurer und Templer gehörten angeblich zu einem gemeinsamen Kreis der Erwählten.

Die römische Kirche wird sogar als „Synagoge des Antichrist“ und als „Neu-Babel“ bezeichnet.

Besonders auffällig sind die beschriebenen Aufnahmerituale.

Ein Bewerber soll nacheinander ein Mosesgebet, ein Jesusgebet und schließlich sogar ein Baphometgebet sprechen.

Der enthüllte Baphomet wird dabei mit Allah angerufen.

Hinzu kommen Hinweise auf geheime Erkennungszeichen, Passwörter und alchemistische Praktiken.

Nahezu alle diese Elemente stammen jedoch aus späteren Legenden oder aus den unter Folter erzwungenen Aussagen der Templerprozesse und nicht aus authentischen Ordensquellen.

Die Verwechslung mit den „Retrais“

Zur Verwirrung trug außerdem bei, dass manche Autoren des 19. Jahrhunderts auch die sogenannten Retrais als „Geheimstatuten“ bezeichneten.

Dabei handelt es sich keineswegs um eine geheime Religion.

Die Retrais sind vielmehr interne Verwaltungs- und Disziplinarvorschriften des Ordens, die das tägliche Leben der Brüder regelten.

Sie stehen vollständig im Einklang mit der christlichen Lehre und ergänzen lediglich die bekannte Ordensregel.

Mit Baphomet, Geheimbünden oder einer alternativen Religion haben sie nichts zu tun.

Fazit

Die Legende von den Geheimstatuten der Tempelritter gehört zu den faszinierendsten Mythen der Templergeschichte.

Historisch belastbare Beweise für einen geheimen inneren Orden oder eine verborgene Gegenreligion existieren jedoch nicht.

Die angeblichen „Merzdorfschen Geheimstatuten“ weisen zahlreiche Merkmale einer Fälschung des 19. Jahrhunderts auf und spiegeln eher die Vorstellungen der Romantik, der Freimaurerei und des damaligen Okkultismus wider als die Wirklichkeit des mittelalterlichen Templerordens.

Die echten Tempelritter waren weder Baphomet-Anbeter noch Vertreter einer geheimen Weltreligion. Sie waren christliche Ordensritter, deren Leben durch Gehorsam, Armut, Keuschheit und den Schutz der Pilger geprägt war.

Gerade weil sich Legenden bis heute hartnäckig halten, lohnt sich der Blick in die historischen Quellen. Dort begegnet uns kein geheimnisvoller Geheimbund, sondern ein geistlicher Ritterorden, dessen tatsächliche Geschichte faszinierend genug ist – ganz ohne erfundene Geheimstatuten.

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