⚔️ Gedanken am 17. Oktober
Toleranz – eine Tugend zwischen Urteil und Mitgefühl
Toleranz ist eine Tugend, die ebenso häufig missverstanden wird wie die Geduld. Viele meinen, tolerant zu sein bedeute, sich höflich zurückzuhalten und die eigene Meinung nicht allzu offen zu äußern – eine Art höflicher Selbstverzicht, der jedoch innerlich oft mit Überheblichkeit oder heimlicher Verachtung gepaart ist.
Doch echte Toleranz ist weit mehr als bloßes Schweigen. Sie ist ein geistiges Werkzeug des Herzens, das uns lehrt, die Welt mit den Augen des anderen zu betrachten, bevor wir ein Urteil fällen.
Der Irrtum der oberflächlichen Toleranz
So, wie viele Menschen unter „Geduld“ nichts anderes verstehen als eine bis zum Zerreißen gespannte Ungeduld, so verwechseln wir auch Toleranz oft mit einem taktischen Zurückhalten: „Ich sage jetzt lieber nichts, aber eigentlich weiß ich es besser.“
Solche Haltung ist nicht Toleranz, sondern lediglich unterdrücktes Urteil. Sie verändert nichts – weder uns noch den anderen. Im Gegenteil: Sie baut Mauern zwischen Menschen und verhindert echtes Verständnis.
Die Weisheit der Mokassins
Die alten amerikanischen Ureinwohner gaben den Rat: „Urteile über keinen Menschen, ehe du nicht tausend Meilen in seinen Mokassins gegangen bist.“
Dieser Satz enthält tiefe spirituelle Wahrheit. Denn erst, wenn wir uns bemühen, die Welt aus der Perspektive des anderen zu sehen – mit seinen Kindheitsprägungen, seinen Hoffnungen, seinen Ängsten und seinem Schmerz – können wir begreifen, warum er so handelt, wie er handelt.
Und nach tausend Meilen des Mitgehens sind wir meist zu müde, um noch leichtfertig zu richten. Sollte uns dennoch ein Wort über die Lippen kommen, wird es mit mehr Güte und Milde gesprochen sein, als es nach einem flüchtigen Urteil möglich gewesen wäre.
Toleranz als Templerhaltung
Für den Templer ist Toleranz keine Gleichgültigkeit und auch kein Relativismus, der alles für gleich gültig erklärt. Toleranz ist vielmehr eine aktive Übung des Mitfühlens, die den Anderen ernst nimmt, auch wenn wir seine Überzeugungen nicht teilen.
Sie bedeutet nicht, dass wir unser eigenes Urteil aufgeben oder unsere Werte verraten, sondern dass wir die Menschlichkeit im Anderen anerkennen – selbst inmitten von Irrtum, Schuld oder Schwäche.
Tägliche Templerarbeit
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Verweile einige Minuten in der Shamatha-Vipassana-Meditation, im Ei aus Licht oder im Gebet der Sammlung.
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Denke an einen Menschen, für den du »beim besten Willen« keine Toleranz aufbringen kannst.
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Stelle dir vor, du seist dieser Mensch:
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Wie war deine Kindheit?
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Welche Ängste begleiten dich?
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Welche Hoffnungen tragen dich?
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Welche Dinge bedauerst du zutiefst?
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Welche deiner Taten oder Gaben lassen andere vielleicht froh sein, dass du Mensch bist?
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Spüre nach: Wie verändert sich dein Blick, wenn du seine Schuhe trägst?
Schlussgedanke
Toleranz ist kein laues Dulden, sondern ein Übungsweg des Herzens. Sie verwandelt unser Urteil in Mitgefühl und unser Abgrenzen in ein Verstehen. Wer Toleranz übt, baut Brücken, wo sonst Mauern entstehen würden.
Der Templer erkennt: Nur wer lernt, den Anderen in seiner Tiefe zu sehen, kann sich selbst wirklich erkennen.
