Am Weg nach Compostela
Rast und Einkehr auf dem Pfad der Pilger
Endlich, gegen die elfte Stunde, erreiche ich Logroño, jene Stadt am Ebro, die seit Jahrhunderten ein Tor für die Pilger nach Santiago ist. Die Gassen sind belebt, Händler rufen, und doch zieht es mich hinaus, fort von Mauern und Stimmen, hin zur Straße des Glaubens. Noch schnell wechsle ich die Münzen – und dann hinaus, dem Camino folgend, unter der Sonne des kastilischen Frühlings.
Einsamkeit und Kraft
Die Stadt liegt bald hinter mir, und nun gehe ich allein. Mutterseelenallein, wie man sagt – und doch fühle ich mich getragen. Es ist ein warmer, beinahe heißer Tag, die Sonne brennt, doch in mir ist keine Müdigkeit. Im Gegenteil: Ich spüre eine Energie, die mich drängt, Schritt für Schritt weiterzugehen. Jeder Atemzug, jeder Schritt ist Gebet.
So erlebten es wohl auch die Brüder, die vor Jahrhunderten in Rüstung und mit dem roten Kreuz auf weißem Mantel diese Wege ritten. Für sie wie für uns ist der Camino mehr als ein Pfad aus Staub und Stein: Es ist ein Weg nach innen.
Die Rast am Alto de San Antón
Gegen Mittag steige ich hinauf zum Alto de San Antón. Ein bescheidener Hügel – und doch thront er wie eine Kanzel über der Landschaft. Vor mir breitet sich das fruchtbare Land von Rioja aus, endlos und weit, die Felder leuchten im Grün des Frühlings.
Dort breite ich mein Mahl aus:
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Brot, einfach und nahrhaft, wie es die Pilger seit jeher tragen.
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Käse und Chorizo, würzig und kräftig wie das Land selbst.
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Rotwein, der in dieser Gegend so reichlich wächst, und ein Apfel als süßer Schluss.
Keine Musik erklingt, nur die Stille. Und doch ist es eine Stille, die singt: der Wind in den Halmen, das ferne Murmeln des Ebro, das unsichtbare Lied des Friedens. Dies ist meine Tafelmusik, geschenkt vom Himmel, gespeist von der Erde.
Der innere Weg
So offenbart sich, was die Alten wussten: Der Camino schenkt nicht nur Landschaft und Rast, sondern auch eine innere Klarheit. Jeder Schritt ist Reinigung, jede Rast ein Sakrament des Einfachen.
In Logroño beginnt eine neue Etappe, und mit jeder Meile, die ich gehe, lasse ich etwas von mir selbst zurück – bis nur noch das Wesentliche bleibt.
Fazit
Am Alto de San Antón wurde mir bewusst: Pilgern heißt nicht nur, nach Compostela zu gehen. Es heißt, im Einfachen das Große zu finden, in der Stille das Lied, im Brot das Sakrament.
So gehen wir weiter – wie einst die Templer, die den Weg schützten, und wie heute jeder Pilger, der aufbricht. Denn am Ende des Weges wartet nicht nur Santiago – sondern die Begegnung mit uns selbst und mit Gott.

