Das ist euer Priester auf Drogen
Eine Betrachtung aus Sicht eines modernen Templers
Zwischen Mystik und Chemie
Die Nachricht sorgte weltweit für Aufsehen: Geistliche verschiedener Religionen – katholische Priester, protestantische Pfarrer, Rabbiner und andere religiöse Führer – nahmen an einer wissenschaftlichen Studie der Johns Hopkins University teil. Ihnen wurde Psilocybin verabreicht, jener Wirkstoff, der in bestimmten halluzinogenen Pilzen vorkommt.
Die Ergebnisse waren bemerkenswert.
Fast alle Teilnehmer beschrieben ihre Erfahrung als eine der tiefsten spirituellen Begegnungen ihres gesamten Lebens. Einige berichteten von einer überwältigenden Liebe, andere von einer Einheit mit allem Sein. Wieder andere schilderten Visionen, die ihre bisherigen Vorstellungen von Gott erweiterten oder veränderten.
Für manche Beobachter war dies ein Beweis dafür, dass psychedelische Substanzen ein Tor zur spirituellen Welt öffnen können. Für andere war es lediglich der Nachweis, dass chemische Prozesse im Gehirn intensive religiöse Erfahrungen erzeugen können.
Doch wie sollte ein Templer diese Entwicklung betrachten?
Die Suche nach dem Göttlichen ist uralt
Der Mensch sucht seit Jahrtausenden nach dem Göttlichen.
Schamanen indigener Völker verwendeten Pflanzen und Pilze. Mystiker suchten Gott in langen Nächten des Gebets. Mönche fasteten wochenlang. Einsiedler zogen sich in Wüsten zurück. Alchemisten versuchten, durch innere Läuterung höhere Bewusstseinszustände zu erreichen.
Allen gemeinsam war das Streben nach einer Wirklichkeit jenseits des gewöhnlichen Alltagsbewusstseins.
Die Frage lautet daher nicht, ob außergewöhnliche Bewusstseinszustände existieren.
Die Frage lautet vielmehr:
Woher kommen sie und welchen Wert besitzen sie?
Der Weg der Templer
Die historischen Tempelritter waren keine Schamanen und keine Drogenpriester.
Ihr Weg bestand aus:
- Gebet
- Disziplin
- Gehorsam
- Dienst
- Opferbereitschaft
- innerer Läuterung
Der Ritter sollte nicht nach Visionen suchen.
Er sollte nach Wahrheit suchen.
Visionen konnten kommen oder ausbleiben. Sie galten nie als Beweis spiritueller Reife.
Die alten Mystiker wussten sogar, dass außergewöhnliche Erfahrungen gefährlich sein können. Viele spirituelle Lehrer warnten davor, Visionen zu überschätzen. Nicht jede Erscheinung stammt aus einer höheren Welt. Nicht jede innere Stimme spricht die Wahrheit.
Ein Ritter musste lernen, zwischen Erkenntnis und Täuschung zu unterscheiden.
Können Drogen spirituelle Erfahrungen auslösen?
Die moderne Forschung zeigt eindeutig:
Ja.
Bestimmte Substanzen können Zustände hervorrufen, die Menschen als mystisch, religiös oder transzendent erleben.
Dies bedeutet jedoch noch nicht automatisch, dass eine tatsächliche Begegnung mit Gott stattgefunden hat.
Ein Mensch kann im Traum eine Landschaft sehen, ohne physisch dort gewesen zu sein.
Ein Mensch kann in tiefer Meditation Erfahrungen machen, die sich realer anfühlen als die gewöhnliche Welt.
Ein Mensch kann unter Einfluss einer Substanz ein überwältigendes Gefühl von Einheit erleben.
Die eigentliche Frage bleibt:
Was geschieht wirklich?
Darauf besitzt weder die Neurowissenschaft noch die Theologie eine endgültige Antwort.
Die Sichtweise der Mystik
Interessanterweise berichten viele Mystiker aller Religionen von ähnlichen Erfahrungen:
- grenzenlose Liebe
- Einheit mit allem Leben
- Auflösung des Egos
- zeitlose Gegenwart
- tiefes Vertrauen
- Überwindung der Todesangst
Genau diese Erfahrungen beschrieben auch viele Teilnehmer der Johns-Hopkins-Studie.
Das bedeutet jedoch nicht zwangsläufig, dass Psilocybin denselben Weg darstellt wie jahrzehntelange spirituelle Schulung.
Ein Berggipfel kann auf unterschiedliche Weise erreicht werden.
Der eine steigt mühsam hinauf.
Der andere wird mit einem Hubschrauber nach oben geflogen.
Beide sehen dieselbe Aussicht.
Doch nur einer kennt jeden Schritt des Weges.
Die Gefahr der Verwechslung
Hier liegt aus templerischer Sicht die eigentliche Gefahr.
Eine Erfahrung ist nicht dasselbe wie eine Transformation.
Ein Mensch kann für wenige Stunden das Gefühl universeller Liebe erleben.
Doch wie verhält er sich am nächsten Tag?
Ist er geduldiger?
Ist er mitfühlender?
Ist er wahrhaftiger?
Ist er mutiger?
Ist er selbstloser?
Die Templer würden sagen:
Die Frucht ist wichtiger als die Vision.
Spirituelle Entwicklung zeigt sich im Charakter, nicht in spektakulären Erlebnissen.
Die Alchemie des Menschen
Die innere Alchemie, wie sie viele esoterische Traditionen lehren, beruht auf einer langsamen Umwandlung des Menschen.
Blei wird zu Gold.
Unwissenheit wird zu Weisheit.
Egoismus wird zu Dienstbereitschaft.
Angst wird zu Vertrauen.
Dieser Prozess benötigt Zeit.
Er verlangt Arbeit an sich selbst.
Er fordert Disziplin und Hingabe.
Keine Substanz kann diese Arbeit dauerhaft ersetzen.
Was können wir aus der Studie lernen?
Die Studie zeigt vor allem eines:
Der Mensch besitzt offenbar die Fähigkeit, Erfahrungen zu machen, die weit über das gewöhnliche Bewusstsein hinausgehen.
Ob diese Erfahrungen rein neurologischer Natur sind oder ob sie tatsächlich Fenster zu einer tieferen Wirklichkeit öffnen, bleibt offen.
Die Teilnehmer der Studie berichteten jedenfalls nicht von Verwirrung oder Glaubensverlust.
Im Gegenteil.
Viele fühlten sich in ihrem Glauben bestätigt.
Viele kehrten mit größerem Mitgefühl, größerer Offenheit und größerem Vertrauen zurück.
Das allein verdient Beachtung.
Die Haltung des modernen Templers
Ein moderner Templer sollte weder in blinde Ablehnung noch in unkritische Begeisterung verfallen.
Er sollte offen bleiben für neue Erkenntnisse.
Gleichzeitig sollte er wissen, dass der wahre spirituelle Weg nicht auf außergewöhnlichen Erfahrungen beruht.
Der Weg des Ritters besteht in der täglichen Arbeit an sich selbst.
Im Dienst.
In der Wahrhaftigkeit.
In der Beherrschung des eigenen Egos.
In der Entwicklung von Weisheit und Mitgefühl.
Wenn eine Vision dazu beiträgt, mag sie hilfreich sein.
Wenn sie jedoch nicht zu einer Veredelung des Charakters führt, bleibt sie lediglich eine interessante Erinnerung.
Der wahre Tempel Gottes wird nicht durch einen Pilz erschaffen.
Er wird Stein für Stein im Inneren des Menschen errichtet.
Und genau darin liegt seit Jahrhunderten das Geheimnis der Ritter, Mystiker und Suchenden.
