Der Reichtum des alten Ordens
Brüder und Schwestern, viel ist gesprochen worden über den Reichtum des Ordens vom Tempel. Manche haben uns gerühmt, andere haben uns beneidet – und nicht wenige haben gerade darin den Grund für unseren Untergang gesehen. Doch um die Wahrheit zu erkennen, muss man verstehen, wie und warum der Orden zu seiner Macht und Fülle gelangte.
Von der Armut zur Fülle
Als Hugues de Payns und seine ersten Gefährten in Jerusalem begannen, Pilgerwege zu sichern, war von Reichtum keine Rede. Wir lebten in Armut und Demut, und so mancher Spötter nannte uns „Arme Ritter Christi“. Doch die Idee des mönchischen Rittertums entzündete bald eine ungeheure Begeisterung. Ritter, die ihre Seele retten wollten, und Gläubige, die durch Schenkungen Buße leisten wollten, strömten zum Orden oder unterstützten ihn mit Land, Gütern und Geld.
Geschenke und Schenkungen
Die Beweggründe waren vielfältig:
-
Buße für begangene Sünden.
-
Angst vor dem Jenseits und Hoffnung auf Erlösung.
-
Liebe zur Kirche und zum Heiligen Grab.
So erhielt der Orden nicht nur Münzen, sondern auch Ländereien, Wälder, Ödflächen und ganze Dörfer. Mancher setzte den Orden gar als Erben ein. Ein König von Aragón war bereit, sein ganzes Reich uns Templern und den Johannitern zu vermachen – ein kühner Plan, den seine Lehnsmänner jedoch verhinderten.
Reichtum im Orient und Okzident
Unser Reichtum hatte zwei Quellen:
-
Im Orient erlangten wir Beute im Kampf. Plünderungen nach Schlachten waren zu jener Zeit nicht Schande, sondern Gewohnheit.
-
Im Abendland strömten Schenkungen, Besitzübertragungen und Stiftungen zum Tempel.
So wuchs unser Besitz: Um 1270 zählten wir allein in Frankreich über tausend Komtureien und zahllose Ordenshäuser, die man „Scheunen“ nannte. Im Jahre 1307 war diese Zahl gar verdoppelt.
Zwei Gesichter des Ordens
Nach außen waren wir eine Einheit, nach innen jedoch unterschieden wir zwei Systeme:
-
Im Orient: eine straffe Kampftruppe, die Armeen stellte und Burgen hielt.
-
Im Okzident: eine mönchische Organisation, deren Brüder zwar bewaffnet waren, doch im Abendland nur zur Verteidigung dienten. Nur in Spanien und Portugal führten wir aktiv Krieg gegen die Mauren.
Zwischen Ost und West bestand ein ständiger Nachschubverkehr: Menschen, Pferde, Waffen und Vorräte wurden geschickt, um die Front im Heiligen Land zu stärken. Diese Organisation war so präzise, dass sie von vielen Herrschern beneidet wurde.
Stolz und Mahnung
So wurde der Tempelorden reich, fast steinreich. Doch dieser Reichtum war nicht Selbstzweck. Er war das Werkzeug, um unsere Mission zu erfüllen: den Schutz der Pilger, die Verteidigung Jerusalems, die Bewahrung des Glaubens. Doch mit dem Reichtum kam auch der Neid der Mächtigen – und zuletzt die Verleumdung, die uns vernichten sollte.
Fazit
Der Reichtum des alten Ordens war Frucht von Opfergaben, von Arbeit, von strenger Organisation – und nicht zuletzt von der Gunst Gottes. Doch er mahnt uns bis heute: Wahrer Reichtum liegt nicht im Gold der Schatzkammern, sondern im Gehorsam gegenüber Christus und in der Brüderlichkeit des Ordens.
