Die Chinon-Pergamente
Mythos und Wirklichkeit
Seit der Veröffentlichung eines Artikels im Daily Telegraph im Jahr 2007 ist ein Dokument aus den vatikanischen Archiven in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt, das sogenannte „Chinon-Pergament“. Es wurde von der Historikerin Barbara Frale entdeckt und in der medialen Berichterstattung als angeblicher „Beweis für die Unschuld der Templer“ sowie als eine Art nachträgliche Rehabilitierung des Ordens vermarktet. Viele neotemplerische Gruppen griffen diese Darstellung begeistert auf, denn sie schien eine späte Bestätigung dessen zu sein, was in ihren Augen immer gewiss war: dass der Orden nicht schuldig war der Ketzerei, sondern Opfer politischer und ökonomischer Intrigen.
Doch bei genauer Betrachtung erweist sich dieser Medienhype als nicht gerechtfertigt. Das Chinon-Pergament bringt keine revolutionär neuen Erkenntnisse hervor und ändert auch nicht die wissenschaftliche Beurteilung des Templerprozesses.
Was ist das Chinon-Pergament?
Bei dem Dokument handelt es sich um das Originalprotokoll der Verhöre, die im Sommer 1308 in Chinon an der Loire stattfanden. Vorgeführt wurden die obersten Würdenträger des Ordens, darunter Großmeister Jacques de Molay. Diese wurden mit den Anschuldigungen konfrontiert, die man dem Orden seit 1307 machte: Ketzerei, Götzenverehrung, sittliche Verfehlungen und geheime Rituale.
Wie es in kirchlichen Inquisitionsprozessen üblich war, wurden die Würdenträger zur Abbitte und zum Schuldbekenntnis gedrängt. Sie legten Geständnisse ab, was in der Folge dazu führte, dass sie nach kirchlichem Recht die Absolution erhielten. Das Protokoll hält ausdrücklich fest, dass sie durch die beauftragten Kardinäle „mit der Kirche versöhnt“ und „wieder in die Einheit der Kirche aufgenommen“ wurden.
Dies war kein außergewöhnlicher Vorgang: Auch in anderen Ketzerprozessen konnte eine Reuebekundung und ein Geständnis dazu führen, dass den Beschuldigten vergeben wurde. Nur wer sich dauerhaft weigerte, den Vorwürfen zuzustimmen, galt als „verstockt“ – und musste mit Haft, Folter oder im Extremfall mit dem Scheiterhaufen rechnen.
War das eine Rehabilitierung?
Oft wird das Chinon-Pergament missverstanden. Manche Medienberichte und populärwissenschaftliche Darstellungen suggerierten, Papst Clemens V. habe damit den Orden freigesprochen oder gar seine Unschuld bestätigt. Das ist jedoch nicht der Fall.
Die Verhöre und Absolutionen waren der Forschung bereits seit 1907 bekannt, da eine Zusammenfassung im päpstlichen Register überliefert ist, die von Heinrich Finke in seinem grundlegenden Werk Papsttum und Untergang des Templerordens ediert wurde. Auch die päpstliche Bulle Faciens Misericordiam (1308/09) nimmt auf die Ergebnisse der Chinon-Verhöre Bezug. Neu war lediglich, dass nun das Original der Protokolle gefunden wurde – mit einigen zusätzlichen Details, die zuvor unbekannt waren.
Das bedeutet: Der Fund ist zwar bedeutend, aber er bestätigt lediglich, was die Geschichtswissenschaft ohnehin wusste. Eine „Rehabilitierung“ oder gar eine Revision der Urteile gegen den Orden ist darin nicht enthalten.
Bedeutung für die Templertradition
Für uns Templer von heute ist das Chinon-Pergament in zweierlei Hinsicht bedeutsam.
Zum einen bestätigt es, dass die Verurteilung des Ordens nicht einheitlich verlief. Der Papst selbst war bereit, den Würdenträgern nach ihrem Geständnis die Absolution zu erteilen. Das zeigt, dass der Prozess kein einfaches Schwarz-Weiß-Bild ergibt, sondern von kirchlichen und politischen Machtinteressen zerrissen war.
Zum anderen erinnert es uns daran, dass Geständnisse unter Zwang oder aus Angst keine gültigen Urteile über Wahrheit und Schuld sind.
Die wirkliche Schuld lag nicht bei den Brüdern des Ordens, sondern bei den Mächtigen jener Zeit, die den Reichtum und die Unabhängigkeit der Templer fürchteten. Das Chinon-Pergament ist daher kein Freispruch, aber es ist ein leiser Hinweis darauf, dass selbst die Kirche nicht geschlossen an die Schuld der Templer glaubte.
Fazit
Das Chinon-Pergament ist ein interessantes und wertvolles Dokument, doch es ändert nicht die historische Beurteilung des Templerprozesses. Es ist kein „Freibrief“ der Unschuld, sondern ein kirchenrechtliches Protokoll, das die Versöhnung der Ordensoberen mit der Kirche festhält.
Für die Nachwelt aber bleibt die eigentliche Wahrheit bestehen: Der Orden der Tempelritter wurde nicht aus Gründen der Ketzerei zerstört, sondern weil er im Spiel der Mächte zu stark, zu reich und zu unabhängig geworden war.
Und so bleibt der Geist des Ordens ungebrochen – nicht durch Pergamente rehabilitiert, sondern durch das Zeugnis seiner Geschichte und die Treue seiner Nachfolger.
