Ein Brief des Weißen Hauses an einen Templer und Freimaurer
Manchmal sind es nicht die großen Staatsverträge, Schlachten oder politischen Entscheidungen, die uns einen besonders klaren Blick in eine vergangene Epoche ermöglichen. Manchmal genügt ein einziger Brief.
Am 28. September 1868 schrieb der damalige Präsident der Vereinigten Staaten, Andrew Johnson, an Charles T. Gay, den Meister vom Stuhl der Freimaurerloge „Star of Bethlehem“ und Templer. Dieser Brief ist bis heute erhalten geblieben und wird im Scottish Rite Masonic Museum & Library in Massachusetts verwahrt.

Auf den ersten Blick handelt es sich um ein unscheinbares Schreiben. Gay hatte dem Präsidenten eine Kopie der Satzung seiner Loge sowie eine Broschüre über die Einweihung des neuen Freimaurertempels in Boston zukommen lassen. Johnson bestätigte den Empfang und erinnerte damit zugleich an ein Ereignis, das er selbst erlebt hatte.
Am 24. Juni 1867 war Präsident Johnson nach Boston gereist, um an der Einweihung des neuen Freimaurertempels teilzunehmen. Tausende Freimaurer aus verschiedenen Teilen der Vereinigten Staaten sollen sich an den Feierlichkeiten und der großen Prozession beteiligt haben. Unter ihnen befand sich der Präsident der Vereinigten Staaten.
Für uns Templer ist weniger entscheidend, dass Andrew Johnson Freimaurer war. Bedeutender erscheint mir, was dieses Dokument über das Verhältnis von geistigen Bruderschaften, gesellschaftlicher Verantwortung und öffentlichem Leben aussagt.
Im 19. Jahrhundert war es keineswegs ungewöhnlich, dass führende Persönlichkeiten des Staates zugleich Mitglieder von Bruderschaften, Logen und Vereinigungen waren, die sich bestimmten ethischen Grundsätzen verpflichtet fühlten. Die Zugehörigkeit wurde nicht zwangsläufig verborgen. Sie konnte vielmehr als Ausdruck persönlicher Haltung, moralischer Verpflichtung und gesellschaftlichen Engagements verstanden werden.
Andrew Johnson hatte seine freimaurerischen Grade bereits Jahre vor seiner Präsidentschaft in Tennessee erhalten. Auch während seiner Amtszeit blieb die Verbindung zu den Freimaurern und Templer bestehen. Nur wenige Tage vor seinem Besuch in Boston erhielt er im Juni 1867 im Weißen Haus Grade des Alten und Angenommenen Schottischen Ritus. Weil der Präsident aufgrund seiner Verpflichtungen nicht zu einer entsprechenden Zusammenkunft kommen konnte, wurde die Zeremonie zu ihm gebracht.
Heute würde ein solches Ereignis vermutlich unzählige Spekulationen hervorrufen. Man würde über geheime Netzwerke, verborgene Machtstrukturen und politische Einflussnahme diskutieren.
Doch gerade der erhaltene Brief von 1868 zeigt etwas ganz anderes. Keine geheime Anweisung. Keine Verschwörung. Keine verborgene politische Absprache.
Ein Präsident bedankt sich bei einem Logenmeister für übersandte Unterlagen und erinnert sich an eine Veranstaltung, an der er selbst teilgenommen hatte.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Bedeutung dieses Dokuments. Denn jede Bruderschaft, jeder Orden und jede geistige Gemeinschaft muss sich irgendwann dieselbe Frage stellen: Welche Stellung wollen wir in der Gesellschaft einnehmen?
Wollen wir uns verbergen – oder wollen wir durch unser Verhalten sichtbar machen, wofür wir stehen?
Auch die Tempelritter des Mittelalters lebten nicht außerhalb ihrer Gesellschaft. Sie waren Mönche und Ritter, Verwalter und Diplomaten, Bauherren und Grundbesitzer, Reisende und Beschützer. Ihre Häuser standen mitten in den Städten Europas. Ihre Kirchen, Komtureien und Niederlassungen waren sichtbare Einrichtungen ihrer Zeit.
Natürlich leben wir heute in einer vollkommen anderen Welt. Ein moderner Templer trägt sein Schwert nicht mehr auf dem Schlachtfeld. Unser Schwert ist das Wort, unser Schild die Haltung und unsere Rüstung die persönliche Integrität.
Aber die Verpflichtung bleibt.
Ein Templer sollte sich nicht dadurch auszeichnen, dass er ein Kreuz trägt oder sich auf eine jahrhundertealte Tradition beruft. Er sollte sich dadurch auszeichnen, wie er denkt, wie er spricht und wie er handelt. Die alten Ritterorden wussten, dass Ehre nicht verliehen werden kann. Ein Titel kann verliehen werden. Ein Mantel kann überreicht werden. Ein Rang kann ausgesprochen werden. Ehre dagegen muss täglich neu erworben werden.
Vielleicht können wir deshalb auch aus diesem kleinen Brief des Jahres 1868 etwas lernen. Er erinnert uns daran, dass geistige Bruderschaften dann eine Bedeutung für die Gesellschaft besitzen, wenn ihre Mitglieder Verantwortung übernehmen.
Nicht durch Geheimnistuerei. Nicht durch Anspruch auf besondere Macht. Sondern durch Charakter.
Ein Präsident der Vereinigten Staaten konnte damals öffentlich an der Seite Tausender Brüder durch Boston ziehen. Seine Zugehörigkeit zu einer Bruderschaft war kein Widerspruch zu seinem Staatsamt. Entscheidend war vielmehr die Frage, welchen Grundsätzen diese Zugehörigkeit verpflichtet war und wie der einzelne Mensch diese Grundsätze in seinem Leben verwirklichte.
Auch wir sollten uns diese Frage stellen. Was bedeutet es heute, Templer zu sein?
Für mich bedeutet es, sich einem Weg zu verpflichten, der weit über historische Begeisterung hinausgeht. Es bedeutet, Wahrheit zu suchen, Wissen zu erwerben, Schwächere zu schützen, Verantwortung zu übernehmen und sich selbst immer wieder zu prüfen.
Unsere Zeit braucht keine Ritter, die sich hinter alten Titeln verstecken. Sie braucht Menschen, die ritterlich handeln.
Menschen, die auch dann zu ihrem Wort stehen, wenn es unbequem wird. Menschen, die Andersdenkenden mit Würde begegnen. Menschen, die Verantwortung nicht anderen überlassen. Menschen, die wissen, dass Freiheit ohne Pflicht und Rechte ohne Verantwortung auf Dauer nicht bestehen können. Vielleicht liegt darin auch die Verbindung zwischen den vielen geistigen Bruderschaften, die seit Jahrhunderten in unterschiedlichen Formen bestehen.
Templer, Freimaurer, Rosenkreuzer und andere traditionsgebundene Gemeinschaften sind historisch keineswegs dasselbe und dürfen auch nicht einfach miteinander gleichgesetzt werden. Doch in ihren besten Ausprägungen begegnen uns immer wieder ähnliche Fragen: Wie soll der Mensch leben? Was schuldet er seinem Mitmenschen? Was bedeutet Wahrheit? Was bedeutet Ehre? Und wie kann aus Erkenntnis verantwortliches Handeln entstehen?
Diese Fragen sind wesentlich älter als jeder Orden. Und sie werden uns vermutlich noch lange begleiten.
Der Brief von Andrew Johnson an Charles T. Gay liegt heute sorgfältig archiviert in Massachusetts. Wahrscheinlich konnte keiner der beiden Männer damals ahnen, dass Menschen mehr als eineinhalb Jahrhunderte später noch darüber sprechen würden.
Auch darin liegt eine schöne Erinnerung: Wir wissen niemals, welche Spuren unsere Worte hinterlassen. Darum sollten wir sie mit Bedacht wählen.
Quellen & Weiterführende Literatur
- Scottish Rite Masonic Museum & Library, Originalbrief von Andrew Johnson, 28. September 1868
https://srmml.libraryhost.com/repositories/2/resources/520 - Historische Vereinigung des Weißen Hauses, Freimaurerei und das Weiße Haus
https://www.whitehousehistory.org/freemasonry-and-the-white-house - Dickinson College , House Divided, Präsident Johnson bei der Einweihung des Boston Masonic Temple
https://hd.housedivided.dickinson.edu/index.php/node/47476 - Scottish Rite Masonic Museum & Library, Andrew Johnson Archivsammlung
https://srmml.libraryhost.com/agents/people/64
