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Erzbischof Gallagher in Moskau: „Dieser Krieg muss enden!“

Es sind Worte, die selbstverständlich klingen und doch ausgesprochen werden müssen: „Dieser Krieg muss enden!“ Mit dieser unmissverständlichen Forderung wandte sich Erzbischof Richard Paul Gallagher während seines Besuches in Moskau an Russland und die Ukraine. Der vatikanische Sekretär für die Beziehungen zu Staaten und internationalen Organisationen traf dort mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow zusammen. Im Mittelpunkt standen mögliche Friedensverhandlungen, humanitäre Initiativen und die Frage, wie zwischen den Konfliktparteien wieder ein Mindestmaß an Vertrauen geschaffen werden kann.

Aus der Sicht eines Templers verdient diese Friedensmission besondere Aufmerksamkeit. Der historische Templerorden war zwar ein Ritterorden, doch das Schwert war niemals sein höchstes Symbol. Über dem Schwert stand das Kreuz, über der militärischen Pflicht das Gebot Gottes und über jedem weltlichen Sieg die Verantwortung für das Leben. Ein Krieg darf deshalb niemals zum Selbstzweck werden. Wo er nur noch weitere Gräber schafft, Familien zerreißt und den Hass der kommenden Generationen nährt, muss nach einem anderen Weg gesucht werden.

Frieden verlangt mehr als einen Waffenstillstand

Gallagher erinnerte in Moskau an den Appell von Papst Leo XIV., die Feindseligkeiten zu beenden und mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft echte Verhandlungen aufzunehmen. Die Position des Heiligen Stuhls sei eindeutig: Dieser Konflikt könne nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden. Deshalb müssten die Voraussetzungen für einen politischen und diplomatischen Prozess geschaffen werden.

Diese Aussage bedeutet nicht, dass militärische Gewalt niemals Tatsachen schaffen könnte. Armeen können Gebiete erobern, Stellungen verteidigen und dem Gegner Verluste zufügen. Sie können ihn möglicherweise sogar zur Aufgabe zwingen. Was sie jedoch nicht erzwingen können, ist eine wirkliche Versöhnung. Man kann einem Volk einen Vertrag auferlegen, aber keinen Frieden in sein Herz befehlen. Solange Demütigung, Angst, Rache und gegenseitige Schuldzuweisungen fortbestehen, bleibt selbst nach dem Schweigen der Waffen der Keim des nächsten Krieges erhalten.

Ein gerechter Frieden ist deshalb mehr als eine Unterbrechung der Kämpfe. Er verlangt eine Ordnung, in der die berechtigten Sicherheitsinteressen aller Beteiligten berücksichtigt, die Unabhängigkeit der Völker geachtet und verbindliche Regeln geschaffen werden. Ein dauerhafter Friede kann weder auf der Vernichtung eines Volkes noch auf der Leugnung seines Existenzrechtes beruhen. Er darf aber auch nicht bedeuten, dass Gewalt, Rechtsbruch oder die Vertreibung von Menschen einfach folgenlos hingenommen werden.

Nicht Gefangene der Vergangenheit bleiben

Besonders bemerkenswert ist Gallaghers Mahnung, die zukünftigen Beziehungen neu zu gestalten, damit die Beteiligten nicht Gefangene der Ungerechtigkeiten der Vergangenheit bleiben. In nahezu jedem langen Konflikt besitzt jede Seite ihre eigene Chronik des erlittenen Unrechts. Jede erinnert sich an gebrochene Versprechen, militärische Angriffe, politische Demütigungen und verlorene Menschen. Dabei wird das eigene Leid deutlich gesehen, während das Leid der anderen Seite häufig relativiert oder verschwiegen wird.

So entsteht eine endlose Kette gegenseitiger Rechtfertigungen. Jeder neue Angriff wird mit einem früheren Angriff erklärt, jede Härte als notwendige Antwort auf die Härte des Gegners dargestellt. Der Krieg ernährt sich schließlich aus seiner eigenen Vergangenheit. Weil gestern Blut vergossen wurde, müsse heute weiteres Blut vergossen werden. Weil Vertrauen missbraucht wurde, dürfe es nie wieder Vertrauen geben. Auf diese Weise wird Geschichte nicht zur Lehrmeisterin, sondern zum Gefängnis.

Ein Templer darf das erlittene Unrecht nicht leugnen. Wahrheit gehört zu seinen Pflichten. Er darf aber ebenso wenig zulassen, dass Erinnerung in ewigen Hass verwandelt wird. Vergebung bedeutet nicht, Unrecht für rechtmäßig zu erklären. Sie bedeutet, dem Unrecht die Macht zu nehmen, unaufhörlich neues Unrecht hervorzubringen.

Gallagher brachte diesen Gedanken mit einem eindringlichen Bild zum Ausdruck: Dem Hass müsse der Sauerstoff entzogen werden. Solange Politik, Medien und öffentliche Stimmen den Hass ständig neu entfachen, kann keine Friedensinitiative gedeihen. Wer jeden Verhandlungsversuch sofort als Verrat bezeichnet und jedes Gespräch mit dem Gegner moralisch verurteilt, hilft nicht den Opfern. Er verlängert möglicherweise gerade jenen Zustand, unter dem sie leiden.

Die Schwächsten tragen die schwerste Last

In politischen Debatten wird der Krieg häufig auf Landkarten betrachtet. Man spricht von Frontverläufen, Reichweiten, Waffenlieferungen, strategischen Erfolgen und geopolitischen Interessen. Für die betroffenen Menschen besteht er jedoch aus zerstörten Wohnungen, verstümmelten Körpern, vermissten Angehörigen, Angst und Flucht. Eltern verlieren ihre Kinder, Kinder verlieren ihre Eltern, Verwundete müssen mit den Folgen eines einzigen Augenblicks ein ganzes Leben verbringen.

Gallagher forderte deshalb beide Seiten zur Achtung des Völkerrechts und des humanitären Rechts auf. Sein besonderer Hinweis galt Zivilisten, lebenswichtiger Infrastruktur, Verwundeten und Kriegsgefangenen. Gerade im Umgang mit wehrlosen Menschen zeigt sich, ob eine kriegführende Macht noch Grenzen anerkennt. Wer Gefangene misshandelt, Verwundete ihrem Schicksal überlässt oder bewusst die Lebensgrundlagen der Zivilbevölkerung zerstört, verliert nicht nur moralische Glaubwürdigkeit. Er greift die Grundlagen jeder späteren Verständigung an.

Aus templarischer Sicht ist der Schutz des Wehrlosen eine der höchsten Pflichten. Der Starke besitzt seine Kraft nicht, um den Schwachen zu demütigen, sondern um ihn zu schützen. Dies gilt auch im Krieg. Militärische Notwendigkeit darf nicht zu einem Ausdruck werden, mit dem jede Grausamkeit entschuldigt wird. Das Recht muss gerade dort gelten, wo die Versuchung am größten ist, es beiseitezuschieben.

Humanitäre Schritte können Vertrauen schaffen

Der Vatikan setzt vor allem auf konkrete humanitäre Initiativen. Dabei kann es um den Austausch von Kriegsgefangenen, die Rückführung verschleppter Menschen, die Suche nach Vermissten, die Versorgung Verwundeter und die Hilfe für Familien gehen. Jeder dieser Schritte erscheint im Verhältnis zur Größe des Krieges zunächst gering. Für einen Heimkehrenden oder seine Angehörigen bedeutet er jedoch die ganze Welt.

Zugleich können solche Maßnahmen einen politischen Wert besitzen. Frieden beginnt nur selten mit einem umfassenden Vertrag, der plötzlich alle Gegensätze beseitigt. Häufig beginnt er mit begrenzten Vereinbarungen, deren Einhaltung überprüft werden kann. Wenn ein Gefangenenaustausch gelingt, wenn Verwundete versorgt werden dürfen oder Familien wieder miteinander in Verbindung treten können, entsteht ein erster Beweis dafür, dass Vereinbarungen mit dem Gegner überhaupt möglich sind.

Gallagher betonte, jedes konkrete humanitäre Ergebnis könne das Leid lindern und zugleich ein Mindestmaß an Vertrauen zwischen den Konfliktparteien wiederherstellen. Darin liegt ein vernünftiger Weg. Wo der große politische Durchbruch noch nicht erreichbar ist, darf der kleine menschliche Schritt nicht verachtet werden.

Die angekündigte erneute Reise von Kardinal Matteo Zuppi nach Moskau fügt sich in diese Bemühungen ein. Zuppi war bereits vom verstorbenen Papst Franziskus damit beauftragt worden, mögliche Wege zum Frieden auszuloten. Solche Missionen führen nicht sofort zum Ende eines Krieges. Sie halten jedoch Gesprächskanäle offen, über die später vielleicht Entscheidendes erreicht werden kann.

Dialog ist keine Zustimmung

Gallaghers Begegnung mit Sergej Lawrow wurde von beiden Seiten als offen und nützlich bezeichnet. Manche werden schon darin eine zu große Nähe zu Russland sehen. Andere werden den Vatikan wiederum kritisieren, wenn er russische Forderungen nicht übernimmt. Wer zwischen verfeindeten Parteien vermitteln will, muss jedoch damit rechnen, von beiden Seiten des Verrats beschuldigt zu werden.

Gespräche mit einem Kriegsgegner bedeuten nicht, dessen Handlungen gutzuheißen. Diplomatie ist keine Ehrenauszeichnung, sondern ein Werkzeug zur Verhinderung weiteren Leides. Gerade mit jenen, deren Verhalten man ablehnt, muss gesprochen werden, wenn sie Einfluss auf Krieg und Frieden besitzen. Nur mit Freunden zu reden ist angenehm, beendet aber keinen Krieg.

Ein Vermittler muss dennoch darauf achten, dass Dialog nicht zur politischen Kulisse wird. Gespräche dürfen nicht lediglich den Eindruck von Friedensbereitschaft erzeugen, während die militärischen Ziele unverändert weiterverfolgt werden. Ernsthafte Verhandlungen verlangen konkrete Angebote, überprüfbare Schritte und die Bereitschaft, auch eigene Maximalforderungen zu überdenken. Dies gilt für alle Beteiligten.

Die besondere Verantwortung der Kirchen

Während seines Aufenthaltes in Moskau sprach Gallagher auch mit Metropolit Antonij von Wolokolamsk, dem Verantwortlichen für die Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats. Die Kontakte zwischen dem Heiligen Stuhl und der russisch-orthodoxen Kirche sollen fortgesetzt werden. Das ist wichtig, weil die Kirchen über eine Sprache verfügen, die über politische Interessen hinausreichen sollte.

Kirchen dürfen im Krieg nicht zu religiösen Abteilungen staatlicher Propaganda werden. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, Hass zu segnen oder militärische Entscheidungen mit dem Willen Gottes gleichzusetzen. Sie müssen vielmehr an die unantastbare Würde jedes Menschen erinnern – auch an die Würde des Gegners. Wenn Christen auf beiden Seiten zu demselben Christus beten, dürfen sie nicht so sprechen, als gehörte Christus ausschließlich zur eigenen Nation.

Gerade die lokalen Gemeinden besitzen eine wichtige Aufgabe. Sie versorgen Bedürftige, begleiten Hinterbliebene, unterstützen Flüchtlinge und geben Menschen Halt. Sie können außerdem dazu beitragen, dass aus nationaler Feindschaft kein religiöser Hass wird. Politische Grenzen dürfen die Gemeinschaft der Christen nicht vollständig zerreißen.

Die Kirchen müssen dabei glaubwürdig bleiben. Friedensappelle dürfen sich nicht einseitig nur an jene richten, die man politisch ohnehin kritisiert. Wo Kriegsverbrechen, Menschenverachtung oder Rachepropaganda auftreten, müssen sie benannt werden – unabhängig davon, von welcher Seite sie ausgehen. Eine Kirche, die nur die Fehler des Gegners erkennt, hat ihre prophetische Stimme gegen eine politische Rolle eingetauscht.

Die Haltung des Templers zum Krieg

Der Templer ist kein grundsätzlicher Feind jeder Wehrhaftigkeit. Er weiß, dass es Situationen geben kann, in denen Menschen, Gemeinschaften und Staaten vor Gewalt geschützt werden müssen. Wehrlosigkeit allein schafft keinen Frieden, wenn ein Angreifer sie als Einladung versteht. Doch zwischen notwendiger Verteidigung und endloser Kriegsführung besteht ein entscheidender Unterschied.

Die christliche Lehre vom gerechten Krieg stellte daher stets Bedingungen auf: Es musste einen gerechten Grund geben, die Entscheidung musste von einer rechtmäßigen Autorität getroffen werden, die eingesetzten Mittel mussten verhältnismäßig bleiben und der Krieg durfte nur das letzte Mittel sein. Vor allem musste das Ziel ein gerechter Friede sein. Wo der Krieg selbst zum Ziel wird, wo Vernichtung, Rache oder Eroberung die Politik bestimmen, verliert er jede moralische Rechtfertigung.

Der moderne Templer sollte deshalb weder einer romantischen Kriegsbegeisterung noch einer oberflächlichen Friedensrhetorik folgen. Es genügt nicht, einfach „Frieden“ zu sagen, ohne nach Gerechtigkeit, Sicherheit und den Voraussetzungen seines Bestehens zu fragen. Ebenso wenig genügt es, immer neue Waffen, Angriffe und Opfer als alternativlos darzustellen, ohne einen glaubwürdigen politischen Weg aus dem Krieg zu zeigen.

Wahrer Mut zeigt sich nicht nur darin, eine Stellung zu halten. Er zeigt sich auch darin, eine aussichtslose Spirale zu verlassen, ein ehrliches Gespräch zu beginnen und einen notwendigen Kompromiss vor dem eigenen Volk zu vertreten. Das kann politisch schwerer sein als die Fortsetzung der Kämpfe.

„Dieser Krieg muss enden“

Gallaghers Satz ist keine vollständige Friedensstrategie. Er beantwortet noch nicht die Fragen nach Grenzen, Sicherheitsgarantien, Verantwortung, Wiederaufbau und der Zukunft der betroffenen Gebiete. Doch er benennt die Voraussetzung, ohne die keine dieser Fragen gelöst werden kann: Der Wille, das Töten zu beenden.

Jeder weitere Kriegstag schafft neue Tote, neue Verwundete und neue Gründe für den Hass von morgen. Deshalb darf die Forderung nach Verhandlungen nicht als Schwäche verspottet werden. Frieden ist nicht die Angelegenheit von Träumern, sondern eine der schwersten Aufgaben verantwortlicher Staatskunst.

Aus templarischer Sicht unterstützen wir alle aufrichtigen Bemühungen, die Zivilbevölkerung zu schützen, Gefangene heimzuführen, Gesprächskanäle offenzuhalten und einen gerechten Verhandlungsfrieden vorzubereiten. Wir wissen zugleich, dass Worte nur dann Gewicht besitzen, wenn ihnen Taten folgen. Russland und die Ukraine, aber auch jene Mächte, die auf den Verlauf des Krieges Einfluss nehmen, müssen zeigen, ob sie tatsächlich einen Frieden suchen oder lediglich ihre jeweilige Position verbessern wollen.

Das Kreuz auf dem Mantel des Templers erinnert uns daran, dass der Mensch nicht zum Töten, sondern zur Überwindung des Hasses berufen ist. Wehrhaftigkeit kann notwendig werden, doch sie darf niemals unser höchstes Ideal sein. Unser Ziel bleibt eine Ordnung, in der das Recht stärker ist als die Gewalt und Verständigung mehr gilt als Rache.

Darum schließen wir uns der entscheidenden Mahnung Erzbischof Gallaghers an: Dieser Krieg muss enden. Nicht irgendwann, wenn alle Kräfte erschöpft, weitere Städte zerstört und noch mehr Gräber gefüllt sind. Der Weg zu ernsthaften Verhandlungen muss jetzt vorbereitet werden. Jeder gerettete Mensch, jeder ausgetauschte Gefangene und jeder wiederhergestellte Gesprächsfaden ist ein Schritt aus der Finsternis. Frieden beginnt dort, wo Menschen den Mut finden, dem Hass den Sauerstoff zu entziehen.

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