Wahre Moral – das Gesetz im Inneren
Was verstehen wir eigentlich unter Moral? Auf den ersten Blick scheint die Antwort einfach. Moral bezeichnet jene Regeln und Vorstellungen, nach denen eine Gesellschaft zwischen richtig und falsch, anständig und unanständig, erlaubt und unerlaubt unterscheidet. Doch sobald wir verschiedene Zeiten und Kulturen miteinander vergleichen, erkennen wir, dass vieles von dem, was Menschen als Moral bezeichnen, in Wahrheit gesellschaftliche Konvention ist.
Schon die einfachsten Formen des menschlichen Zusammenlebens zeigen diese Unterschiede. In einer Kultur reicht man einander zur Begrüßung die Hand, in einer anderen verbeugt man sich, wieder anderswo gelten Berührungen zwischen fremden Menschen als unangemessen. Vorstellungen über Kleidung, Ehe, Familie, Gastfreundschaft, Ernährung und gesellschaftliches Verhalten unterscheiden sich teilweise erheblich. Was vor hundert Jahren als selbstverständlich galt, kann heute als überholt betrachtet werden; und manches, was heute gesellschaftlich akzeptiert ist, hätte frühere Generationen befremdet.
Das alles zeigt uns zunächst nur eines: Sitte und Moral sind nicht dasselbe.
Gibt es eine Moral jenseits des Zeitgeistes?
Für den Templer beginnt an diesem Punkt die eigentliche Frage. Wenn gesellschaftliche Vorstellungen einem ständigen Wandel unterliegen, gibt es dann überhaupt etwas, das unabhängig von Zeit, Mode und Kultur Bestand besitzt? Gibt es ein inneres Gesetz, das nicht dadurch wahr oder falsch wird, dass eine Mehrheit ihm zustimmt?
Die geistige Tradition beantwortet diese Frage mit Ja. Sie geht davon aus, dass der Mensch nicht nur ein gesellschaftliches Wesen ist, sondern Teil einer größeren Ordnung. Wir können diese Ordnung als göttliche Ordnung, Naturgesetz, kosmische Ordnung oder als Ausdruck einer höheren Intelligenz verstehen. Die Begriffe mögen verschieden sein; entscheidend ist der Gedanke, dass der Mensch nicht völlig losgelöst von den Gesetzmäßigkeiten des Lebens existiert.
So wie unser Körper bestimmten natürlichen Gesetzmäßigkeiten unterliegt, hat auch unser Denken und Handeln Folgen. Wir können die Schwerkraft nicht durch Abstimmung abschaffen. Ebenso können wir bestimmte Folgen menschlichen Handelns nicht dadurch beseitigen, dass wir sie sprachlich umdeuten oder gesellschaftlich rechtfertigen.
Der Templer betrachtet Moral deshalb nicht in erster Linie als eine Sammlung von Verboten. Wahre Moral bedeutet für ihn, in Übereinstimmung mit einer höheren Ordnung zu leben.
Das Gewissen als innerer Kompass
Der Mensch besitzt etwas, das ihn immer wieder auf diese Ordnung hinweist: sein Gewissen. Allerdings dürfen wir uns das Gewissen nicht als unfehlbare Stimme vorstellen, die uns automatisch jede richtige Entscheidung mitteilt. Auch das Gewissen kann durch Erziehung, Angst, Eigennutz, Vorurteile oder Selbsttäuschung beeinflusst werden. Deshalb gehört die Schulung des eigenen Urteilsvermögens seit jeher zu einem ernsthaften geistigen Weg.
Der Templer soll lernen, seine Beweggründe zu prüfen. Warum handle ich so? Tue ich etwas, weil es richtig ist, oder nur, weil es mir einen Vorteil bringt? Bin ich bereit, die Folgen meines Handelns zu tragen? Würde ich ebenso handeln, wenn niemand davon erführe? Verlange ich von anderen Maßstäbe, die ich selbst nicht einhalte?
Diese Fragen sind unbequem. Gerade deshalb sind sie wertvoll. Es ist einfach, über die Moral anderer Menschen zu urteilen. Wesentlich schwieriger ist es, das eigene Denken und Handeln demselben Maßstab zu unterwerfen.
Nicht alles, was erlaubt ist, ist deshalb richtig
Eine Gesellschaft benötigt Gesetze. Ohne Regeln wäre ein geordnetes Zusammenleben kaum möglich. Doch Gesetz und Moral dürfen nicht miteinander verwechselt werden. Die Geschichte liefert genügend Beispiele dafür, dass etwas gesetzlich erlaubt und dennoch moralisch verwerflich sein konnte. Ebenso gab es Menschen, die gegen geltende Vorschriften verstießen und später gerade deshalb als mutig und gerecht angesehen wurden.
Für den Templer kann daher die Frage niemals ausschließlich lauten: „Ist es erlaubt?“ Er muss zusätzlich fragen: „Ist es richtig?“
Auch die Meinung einer Mehrheit kann diesen inneren Prüfungsprozess nicht ersetzen. Mehrheiten können irren. Gesellschaften können ungerechte Vorstellungen entwickeln. Menschen können sich an Zustände gewöhnen, die sie unter anderen Umständen niemals akzeptieren würden. Der Hinweis „Alle machen es so“ entbindet niemanden von persönlicher Verantwortung.
Gerade darin liegt eine der schwierigsten Aufgaben des geistigen Menschen: Er muss lernen, zwischen gesellschaftlicher Anpassung und wirklicher Verantwortung zu unterscheiden.
Jede Handlung wirkt auf uns zurück
Die alten geistigen Schulen wussten, dass jede Handlung nicht nur eine Wirkung auf unsere Umwelt hat, sondern auch auf uns selbst. Wer immer wieder lügt, verändert nicht nur die Beziehung zu anderen Menschen; er verändert seinen eigenen Charakter. Wer ständig Hass nährt, trägt diesen Hass schließlich in sich. Wer dagegen Wahrhaftigkeit, Selbstbeherrschung, Hilfsbereitschaft und Gerechtigkeit übt, formt ebenfalls sein eigenes Wesen.
In diesem Sinne besitzt Moral eine unmittelbare praktische Bedeutung. Sie ist keine theoretische Philosophie für Sonntagnachmittage, sondern ein Gesetz der Selbstgestaltung. Wir werden zu einem erheblichen Teil durch das geprägt, was wir wiederholt denken, entscheiden und tun.
Hier berührt sich die Moral mit der eigentlichen Templerarbeit. Der Orden kann einem Menschen Werte nennen, Lehrbriefe übermitteln, Symbole erklären und Rituale anbieten. Doch kein Orden kann einem Menschen die innere Arbeit abnehmen. Am Ende steht jeder Einzelne vor der Aufgabe, das Erkannte in seinem eigenen Leben zu verwirklichen.
Ritterlichkeit zeigt sich im Alltag
Es ist leicht, von Ehre, Treue, Brüderlichkeit und Gerechtigkeit zu sprechen. Schwieriger ist es, diese Begriffe zu leben, wenn dadurch persönliche Nachteile entstehen. Genau dort beginnt Ritterlichkeit.
Ehre besteht nicht darin, ein Ordenszeichen zu tragen. Treue besteht nicht darin, feierliche Worte zu sprechen. Brüderlichkeit besteht nicht in einer besonderen Anrede. Und Gerechtigkeit besteht nicht darin, sie nur dann zu fordern, wenn wir selbst betroffen sind.
Der Wert dieser Begriffe zeigt sich im Alltag: im Umgang mit Familienangehörigen und Mitarbeitern, mit Freunden und Gegnern, mit Schwächeren und Abhängigen. Er zeigt sich darin, wie wir handeln, wenn niemand zusieht und keine Anerkennung zu erwarten ist.
Ein Mensch, der nur deshalb nicht stiehlt, weil er die Strafe fürchtet, befolgt ein Gesetz. Ein Mensch, der nicht stiehlt, weil er das Eigentum und die Würde seines Mitmenschen achtet, handelt aus einem verinnerlichten moralischen Grundsatz. Äußerlich mag das Ergebnis dasselbe sein; innerlich besteht ein gewaltiger Unterschied.
Wahre Moral kennt keine unterschiedlichen Menschenklassen
Wenn wir von einer universellen Moral sprechen, folgt daraus eine weitere wichtige Erkenntnis: Ihre Grundsätze können nicht von Herkunft, Hautfarbe, Nationalität, gesellschaftlichem Rang oder Vermögen abhängig sein. Wenn die Würde des Menschen einen wirklichen Wert darstellt, muss sie auch demjenigen zukommen, der anders aussieht, anders denkt oder einer anderen Kultur entstammt.
Eine Moral, die nur gegenüber Freunden gilt, ist keine universelle Moral. Eine Gerechtigkeit, die ausschließlich den eigenen Vorteil schützt, ist keine Gerechtigkeit. Eine Brüderlichkeit, die an den Grenzen der eigenen Gruppe endet, hat ihren tieferen Sinn nicht verstanden.
Gerade der Templer sollte sich davor hüten, hohe Ideale nur auf andere anzuwenden. Je höher der Anspruch ist, den wir vertreten, desto größer muss unsere Bereitschaft sein, zunächst uns selbst daran zu messen.
Der Kampf des inneren Ritters
Der historische Ritter trug ein Schwert. Der geistige Ritter unserer Zeit benötigt ein anderes Schwert: die Fähigkeit zur Unterscheidung. Er muss lernen, Wahrheit von Selbsttäuschung, Überzeugung von Vorurteil und Verantwortung von Bequemlichkeit zu unterscheiden.
Der schwierigste Gegner steht dabei häufig nicht vor uns, sondern in uns selbst. Es sind Stolz, Angst, Neid, Bequemlichkeit, Eitelkeit und die erstaunliche Fähigkeit des Menschen, für die eigenen Schwächen immer eine überzeugende Rechtfertigung zu finden.
Darum beginnt der Templer nicht damit, die ganze Welt moralisch zu belehren. Er beginnt bei sich selbst. Wo bin ich ungerecht? Wo rede ich mir etwas schön? Wo urteile ich über einen anderen Menschen, ohne seine Lage zu kennen? Wo verlange ich von anderen etwas, das ich selbst nicht zu leisten bereit bin? Wo schweige ich aus Bequemlichkeit, obwohl Haltung notwendig wäre?
Diese innere Prüfung ist keine Selbstanklage. Sie ist Arbeit am eigenen Wesen.
Moral braucht Freiheit
Wahre Moral kann letztlich nur dort entstehen, wo der Mensch eine Wahl besitzt. Ein erzwungenes gutes Verhalten ist noch keine Tugend. Erst wenn ein Mensch anders handeln könnte und sich dennoch bewusst für das Richtige entscheidet, erhält sein Handeln moralische Bedeutung.
Deshalb ist der Templerweg kein System, das dem Menschen jede Entscheidung abnehmen soll. Im Gegenteil: Er soll die Fähigkeit stärken, selbst verantwortlich zu entscheiden. Lehrbriefe, Rituale, Symbole und die Gemeinschaft können Orientierung geben. Die Entscheidung bleibt beim Einzelnen.
Das ist zugleich Freiheit und Verantwortung. Wer frei entscheiden möchte, muss bereit sein, die Folgen seiner Entscheidungen zu tragen.
Die Moral des Templers
Gesellschaftliche Regeln werden sich weiterhin verändern. Sitten werden entstehen und verschwinden. Manche Überzeugungen unserer Zeit werden zukünftigen Generationen vermutlich ebenso merkwürdig erscheinen, wie uns heute manche Vorstellungen vergangener Jahrhunderte erscheinen.
Doch einige Fragen bleiben bestehen: Ist unser Handeln wahrhaftig? Ist es gerecht? Achtet es die Würde des anderen Menschen? Übernehmen wir Verantwortung für die Folgen? Dient unser Tun dem Leben und der Gemeinschaft oder ausschließlich unserem eigenen Vorteil?
Für den Templer liegt darin der Kern wahrer Moral. Sie wird nicht durch schöne Worte bewiesen und nicht durch ein Ordensgewand sichtbar. Sie muss im Menschen selbst entstehen und sich in seinem täglichen Handeln bewähren.
Vielleicht besteht deshalb eine der wichtigsten Aufgaben unseres Ordens nicht darin, dem Menschen immer neue Regeln zu geben. Viel wichtiger ist es, ihm dabei zu helfen, jenes innere Maß wiederzuentdecken, an dem er sein eigenes Denken und Handeln prüfen kann.
Denn das Gute zu kennen, ist nur der Anfang. Das Gute zu wollen, ist der nächste Schritt. Das Gute auch dann zu tun, wenn es schwierig wird – darin beginnt der Weg des Ritters.
