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Hat Jesus wirklich gelehrt, dass alle Andersgläubigen in die Hölle kommen?

Ein Templer betrachtet die Entstehung der Höllenlehre, die Worte Jesu und die Frage, ob ein Gott der unendlichen Liebe Menschen zu ewigen Qualen verdammen kann.

Es gibt kaum eine religiöse Vorstellung, die über Jahrhunderte hinweg mehr Angst verbreitet hat als die Hölle. Ganze Generationen von Christen wuchsen mit der Überzeugung auf, dass der Mensch nach seinem Tod vor einem göttlichen Gericht erscheinen werde, bei dem über sein ewiges Schicksal entschieden wird. Die Gerechten sollten in den Himmel gelangen, während die Sünder einem Ort unvorstellbarer Qualen überantwortet würden. Dort, so lehrte man, brenne ein Feuer, das niemals erlischt, und dort müssten die Verlorenen für alle Ewigkeit leiden. Besonders erschreckend war die Vorstellung, dass nicht allein Mörder, Tyrannen und grausame Verbrecher dieses Schicksal erwartete, sondern möglicherweise auch aufrichtige, mitfühlende und rechtschaffene Menschen, die lediglich nicht an Jesus Christus glaubten oder einer anderen Religion angehörten. Doch hat Jesus von Nazareth tatsächlich eine solche Lehre verkündet? Hat jener Mann, der seine Anhänger zur Feindesliebe aufforderte, der den Verlorenen nachging, den Sündern vergab und die Barmherzigkeit Gottes verkündete, gleichzeitig gelehrt, dass Milliarden Menschen wegen ihres Glaubens oder Unglaubens ewige Qualen erleiden müssen?

Diese Frage berührt einen der tiefsten Widersprüche, die viele Menschen im traditionellen Christentum empfinden. Wie kann ein Gott, der als vollkommene Liebe bezeichnet wird, eine Strafe verhängen, deren Dauer niemals endet? Wie kann eine begrenzte menschliche Lebenszeit mit einer unbegrenzten Bestrafung vergolten werden? Und weshalb sollte ein Mensch, der in einer buddhistischen, hinduistischen, jüdischen oder muslimischen Familie geboren wurde, allein aufgrund seiner religiösen Herkunft einem anderen ewigen Schicksal entgegengehen als ein Christ? Wer solche Fragen stellt, greift nicht notwendigerweise den Glauben an. Vielleicht nimmt er vielmehr die moralischen Forderungen Jesu so ernst, dass er die überlieferten Antworten nicht ungeprüft übernehmen kann.

Als Templer dürfen wir uns dieser Problematik nicht durch einfache Glaubensformeln entziehen. Unser geistiger Auftrag besteht nicht darin, jede kirchliche Überlieferung ohne Prüfung zu wiederholen, sondern das Verhältnis zwischen göttlicher Wahrheit, menschlicher Auslegung und geschichtlicher Entwicklung zu untersuchen. Gerade die Vorstellung der Hölle bietet dafür ein bemerkenswertes Beispiel. Denn die Hölle, wie sie heute in vielen christlichen Vorstellungen erscheint, ist nicht als vollständig ausgearbeitetes Lehrgebäude in den ältesten biblischen Texten vorhanden. Sie entstand in einem langen Prozess, in dem jüdische Vorstellungen vom Tod, apokalyptische Gerichtserwartungen, griechisch-römische Ideen über die Unterwelt und spätere christliche Theologie miteinander in Beziehung traten.

Um diesen Prozess zu verstehen, müssen wir zunächst in jene Zeit zurückkehren, in der die ältesten Schriften des Alten Testaments entstanden. Dort begegnet uns ein Begriff, der für unsere Frage von grundlegender Bedeutung ist: Scheol. In vielen frühen hebräischen Texten bezeichnet Scheol das Reich der Toten, einen dunklen und stillen Bereich, in den die Verstorbenen gelangen. Es handelt sich dabei nicht um jene Hölle, in der Sünder von Dämonen gequält werden. Vielmehr erscheint Scheol als gemeinsames Schicksal der Sterblichen, unabhängig davon, ob sie während ihres Lebens gerecht oder ungerecht gehandelt haben. Der Tod beendet das irdische Leben, und der Verstorbene tritt in eine schattenhafte Existenz ein, deren genaue Beschaffenheit nur undeutlich beschrieben wird. Das Alte Testament kennt somit ursprünglich keine durchgehend ausgearbeitete Unterscheidung zwischen einem himmlischen Aufenthaltsort für gute Menschen und einer ewigen Folterstätte für böse Menschen.

Diese Erkenntnis ist von großer Tragweite. Wenn die Vorstellung ewiger Höllenqualen eine unveränderliche göttliche Wahrheit wäre, die von Beginn an den Menschen offenbart wurde, weshalb nimmt sie dann in den ältesten Schriften Israels keinen entsprechenden Raum ein? Weshalb erscheint das Jenseits dort häufig als gemeinsames Totenreich und nicht als eine Welt, in der bereits unmittelbar nach dem Tod eine endgültige Scheidung der Menschheit vollzogen wird? Natürlich beweist das Schweigen der frühen Texte nicht, dass spätere religiöse Erkenntnisse falsch sein müssen. Es zeigt jedoch, dass sich die Vorstellungen vom Schicksal des Menschen nach dem Tod im Laufe der Geschichte verändert haben.

Erst in späteren Jahrhunderten, besonders während der Zeit des Zweiten Tempels, entwickelte sich innerhalb des Judentums eine vielfältigere Erwartung des göttlichen Gerichts. Die Menschen erlebten Kriege, Fremdherrschaft, religiöse Verfolgung und schwere Ungerechtigkeiten. Sie sahen, dass rechtschaffene Menschen leiden mussten, während grausame Herrscher oftmals in Macht und Wohlstand starben. Wenn Gott gerecht war, konnte dann mit dem Tod wirklich alles beendet sein? Musste es nicht eine letzte Gerechtigkeit geben, die über das irdische Leben hinausreichte? Aus solchen Fragen erwuchsen stärkere Hoffnungen auf Auferstehung, Vergeltung und ein zukünftiges Gericht. Im Buch Daniel begegnet uns die Erwartung, dass manche Verstorbene zum ewigen Leben erwachen, andere dagegen zu Schmach und dauerhafter Schande. Hier wird deutlich, dass sich das religiöse Denken bereits von der älteren Vorstellung eines gemeinsamen Totenreiches entfernt hatte.

In diese Welt wurde Jesus von Nazareth hineingeboren. Er lebte als Jude unter Juden und sprach zu Menschen, deren religiöse Vorstellungswelt durch die hebräischen Schriften, apokalyptische Erwartungen und unterschiedliche jüdische Traditionen geprägt war. Wenn wir seine Aussagen über Gericht und Strafe verstehen wollen, müssen wir sie deshalb zunächst innerhalb dieser Welt betrachten und dürfen nicht einfach die Bilder des mittelalterlichen Christentums in seine Worte hineinlesen.

Jesus verwendete nach der Überlieferung der Evangelien mehrfach den Begriff Gehenna. Dieses Wort steht in Verbindung mit dem Tal Hinnom südlich von Jerusalem, einem Ort, der in der alttestamentlichen Überlieferung mit verwerflichen Opferpraktiken und göttlichem Gericht verbunden wurde. Im Laufe der Zeit entwickelte sich daraus eine religiöse Bezeichnung für das endzeitliche Gericht und die Strafe der Gottlosen. Wenn Jesus also von Gehenna sprach, benutzte er einen Begriff, den seine jüdischen Zuhörer in einem bestimmten religiösen Zusammenhang verstehen konnten. Er beschrieb damit nicht notwendigerweise jene späteren Höllenlandschaften, die man aus mittelalterlichen Gemälden kennt, mit unterirdischen Feuerkammern, Folterinstrumenten und Dämonen, die den Menschen Schmerzen zufügen.

Doch dürfen wir die Schärfe seiner Worte auch nicht verharmlosen. Im Markusevangelium warnt Jesus vor dem unauslöschlichen Feuer und vor einem Gericht, dem der Mensch mit aller Entschiedenheit ausweichen soll. Im Matthäusevangelium spricht er davon, dass Gott Leib und Seele in der Gehenna verderben kann. Gerade diese Formulierung ist bemerkenswert, weil sie die Frage aufwirft, ob hier ein endloses Fortbestehen im Leiden gemeint ist oder die endgültige Vernichtung des Menschen. Das griechische Wort, das häufig mit Verderben oder Zugrundegehen übersetzt wird, lässt sich nicht ohne Weiteres mit der Vorstellung einer ewig bewusst erlebten Folter gleichsetzen. Deshalb vertreten manche christliche Ausleger die Auffassung, dass die endgültige Strafe nicht in unaufhörlichen Qualen, sondern in der Vernichtung oder dem endgültigen Verlust des Lebens besteht. Andere halten dagegen an der traditionellen Vorstellung einer fortdauernden Strafe fest. Die neutestamentlichen Texte geben Anlass zu beiden Diskussionen, auch wenn einzelne Stellen deutlich stärker in die eine oder andere Richtung weisen.

Besonders schwierig ist das 25. Kapitel des Matthäusevangeliums. Dort beschreibt Jesus das zukünftige Gericht mit dem Bild eines Hirten, der die Schafe von den Böcken scheidet. Am Ende steht die Gegenüberstellung von ewiger Strafe und ewigem Leben. Diese Worte gehören zu den wichtigsten biblischen Grundlagen der traditionellen Lehre von einer endgültigen Bestrafung. Wer sie ernst nimmt, kann nicht einfach behaupten, Jesus habe überhaupt nichts von einem schweren Gericht gesagt. Auch die sprachliche Schwierigkeit darf nicht verschwiegen werden. Das griechische Wort aionios, das hier verwendet wird, kann mit Ewigkeit und dem kommenden Zeitalter verbunden sein. Über seine genaue Bedeutung im jeweiligen Zusammenhang wird diskutiert. Weil dasselbe Wort im Matthäustext sowohl die Strafe als auch das Leben kennzeichnet, sehen viele Ausleger darin ein starkes Argument für die Dauerhaftigkeit beider Schicksale. Andere unterscheiden zwischen einer ewigen Wirkung der Strafe und einem niemals endenden Strafvollzug. Eine endgültig unumstrittene Auslegung gibt es nicht.

Doch bei aller Bedeutung dieser schwierigen Stelle wird ein anderer Umstand erstaunlich häufig übersehen. Nach welchen Kriterien werden die Menschen in dieser Gerichtsschilderung voneinander getrennt? Jesus fragt dort nicht nach ihrer Zugehörigkeit zu einer bestimmten Religionsgemeinschaft. Er fragt nicht, ob sie eine bestimmte kirchliche Lehre vollständig anerkannt haben. Er spricht davon, ob sie Hungrige gespeist, Durstigen zu trinken gegeben, Fremde aufgenommen, Nackte bekleidet und Kranke oder Gefangene besucht haben. Die entscheidende Frage lautet in dieser Darstellung, wie der Mensch seinem leidenden Mitmenschen begegnet ist. Diejenigen, die Barmherzigkeit geübt haben, werden angenommen, während jene, die das Leid anderer gleichgültig übergangen haben, dem Gericht entgegengehen.

Gerade hier offenbart sich eine Seite der Lehre Jesu, die in manchen späteren religiösen Drohpredigten fast verloren ging. Das Gericht erscheint nicht als eine Prüfung theologischer Kenntnisse, sondern als eine Offenlegung der gelebten Menschlichkeit. Ein Mensch kann unzählige Gebete sprechen, religiöse Vorschriften erfüllen und sich öffentlich zu Christus bekennen. Wenn er aber seinem hungernden Bruder die Nahrung verweigert und dem Hilflosen die Unterstützung versagt, stellt sich die Frage, welchen Wert sein äußerer Glaube besitzt. Umgekehrt kann ein Mensch, der einer anderen Religion angehört oder niemals eine christliche Unterweisung erhalten hat, aus tiefem Mitgefühl handeln und damit genau jene Barmherzigkeit verwirklichen, die Jesus von seinen Anhängern fordert.

Allerdings wäre es ebenfalls eine Verkürzung, daraus zu folgern, dass das Neue Testament die Bedeutung des Glaubens an Christus grundsätzlich für nebensächlich erklärt. Im Johannesevangelium begegnen uns Aussagen, die den Weg zum Vater ausdrücklich mit Jesus verbinden. Auch andere neutestamentliche Texte betonen, dass das Heil durch Christus kommt. Diese Überlieferungen lassen sich nicht einfach aus der Bibel entfernen, nur weil sie modernen Menschen Schwierigkeiten bereiten. Vielmehr müssen wir anerkennen, dass das Neue Testament verschiedene Akzente setzt. Manche Texte stellen Glauben und Bekenntnis in den Mittelpunkt, andere die tätige Barmherzigkeit, wieder andere die Umkehr, das Gericht und die göttliche Gnade. Die christliche Theologie hat über Jahrhunderte versucht, diese unterschiedlichen Aussagen miteinander in Einklang zu bringen.

Doch die Frage bleibt: Bedeutet die Aussage, dass das Heil durch Christus kommt, zwangsläufig, dass jeder Mensch, der Jesus nicht ausdrücklich als seinen Erlöser anerkennt, für immer verloren ist? Hier beginnt ein theologisches Problem, das keineswegs von allen christlichen Kirchen und Denkern gleich beantwortet wird. Besonders schwierig wird es, wenn wir an jene Menschen denken, die niemals Gelegenheit hatten, das Christentum kennenzulernen. Unzählige Generationen lebten vor der Geburt Jesu. Ganze Völker verbrachten Jahrhunderte außerhalb der christlichen Welt. Menschen wurden in Familien hineingeboren, deren religiöse Überlieferungen sie von Kindheit an prägten. Sollte ihre ewige Bestimmung allein davon abhängen, unter welchen historischen und geographischen Bedingungen sie zur Welt gekommen waren?

Ein solcher Gedanke wirft schwerwiegende Fragen nach der göttlichen Gerechtigkeit auf. Wenn wir schon von einem menschlichen Richter erwarten, dass er die Umstände, die Einsichtsfähigkeit und die Verantwortung eines Angeklagten berücksichtigt, weshalb sollten wir einem vollkommen gerechten Gott weniger Urteilskraft zutrauen? Ein Mensch kann nur für das verantwortlich sein, was er erkennen und entscheiden konnte. Wer eine Botschaft niemals gehört hat, kann sie nicht in derselben Weise zurückweisen wie jemand, der sich bewusst mit ihr auseinandergesetzt hat. Und selbst dort, wo das Christentum bekannt ist, begegnen Menschen sehr unterschiedlichen Darstellungen dieser Religion. Manche lernen einen Glauben kennen, der von Liebe und Hoffnung getragen wird. Andere erleben Gewalt, Missbrauch, Heuchelei oder religiöse Unterdrückung. Können wir wirklich behaupten, dass ihre jeweilige Haltung gegenüber der Religion unabhängig von solchen Erfahrungen beurteilt werden müsste?

Die christliche Tradition kennt durchaus Antworten, die über eine einfache Gegenüberstellung von gläubigen Christen und verdammten Nichtchristen hinausgehen. Insbesondere die katholische Kirche lehrt, dass Menschen, die das Evangelium ohne eigene Schuld nicht kennen, dennoch das Heil erlangen können, wenn sie aufrichtig nach Gott und dem Guten suchen und ihrem Gewissen folgen. Andere christliche Gemeinschaften vertreten engere Auffassungen. Wieder andere verstehen die göttliche Liebe als eine Wirklichkeit, deren rettendes Wirken selbst mit dem Tod nicht notwendigerweise abgeschlossen sein muss. Diese Unterschiede zeigen, dass die Frage nach dem endgültigen Schicksal der Menschen innerhalb des Christentums keineswegs so einheitlich beantwortet wird, wie manche Prediger glauben machen möchten.

Schon in der frühen Kirche gab es Denker, die sich mit der Möglichkeit einer umfassenden Wiederherstellung der Schöpfung beschäftigten. Besonders Origenes entwickelte Überlegungen, in denen göttliches Gericht und geistige Läuterung eng miteinander verbunden waren. Die Strafe erschien in solchen Überlegungen nicht bloß als Vergeltung, sondern konnte auch als ein Vorgang verstanden werden, durch den das Geschöpf von seiner Verirrung befreit wird. Später wurde die Vorstellung einer allgemeinen Wiederherstellung, die unter dem Begriff Apokatastasis bekannt ist, zu einem Gegenstand schwerer theologischer Auseinandersetzungen. Sie setzte sich nicht als allgemeine kirchliche Lehre durch. Dennoch blieb die Hoffnung bestehen, dass Gottes Barmherzigkeit möglicherweise weiter reicht, als menschliche Gerichtsvorstellungen vermuten lassen.

Als Templer können wir dieser Vorstellung einen tiefen geistigen Sinn abgewinnen, ohne sie deshalb als zweifelsfrei bewiesene Wahrheit auszugeben. Wenn das menschliche Leben ein Weg der Erkenntnis, der Läuterung und der Annäherung an Gott ist, dann stellt sich die Frage, ob dieser Weg mit dem körperlichen Tod endgültig abgeschlossen sein muss. Die überlieferten Texte erlauben unterschiedliche Antworten. Doch das Bild eines Gottes, der an der Vernichtung seiner Geschöpfe Gefallen findet oder ewiges Leiden um seiner selbst willen will, steht in einer erheblichen Spannung zu jener göttlichen Liebe, die im Zentrum der christlichen Botschaft steht.

Jesus erzählt das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Ein junger Mensch verlässt das Haus seines Vaters, vergeudet sein Erbe und gerät in tiefes Elend. Schließlich kehrt er zurück. Der Vater aber begegnet ihm nicht mit unerbittlicher Vergeltung. Er läuft ihm entgegen und nimmt ihn wieder auf. Diese Geschichte gehört zu den eindrucksvollsten Darstellungen göttlicher Barmherzigkeit. Sie zeigt einen Gott, dessen Freude nicht in der Bestrafung des Verirrten, sondern in seiner Heimkehr liegt. Auch das Gleichnis vom verlorenen Schaf spricht von einer Liebe, die dem Verlorenen nachgeht. Doch diese Bilder dürfen nicht gegen die Gerichtsworte Jesu ausgespielt werden, als gäbe es in seiner Verkündigung nur Barmherzigkeit und keinerlei Verantwortung. Beide gehören zu der überlieferten Botschaft. Gerade ihre Spannung zwingt uns, tiefer nachzudenken.

Vielleicht liegt hier der entscheidende Unterschied zwischen göttlicher Gerechtigkeit und menschlicher Rachsucht. Der Mensch möchte den Schuldigen häufig leiden sehen. Er empfindet die Strafe als Ausgleich für erfahrenes Unrecht. Gott aber, wenn wir ihn als vollkommene Liebe und vollkommene Weisheit verstehen, muss nicht denselben menschlichen Leidenschaften unterworfen sein. Göttliche Gerechtigkeit könnte wesentlich mehr bedeuten als die bloße Zufügung von Schmerz. Sie könnte darin bestehen, dass Wahrheit ans Licht kommt, Schuld erkannt wird, Verantwortung übernommen werden muss und das Unrecht nicht das letzte Wort behält.

Eine solche Auffassung darf allerdings nicht zu der Behauptung führen, dass menschliche Grausamkeit letztlich bedeutungslos wäre. Die Opfer von Gewalt, Unterdrückung und Mord haben ein berechtigtes Verlangen nach Gerechtigkeit. Ein Gott, der alles unterschiedslos entschuldigte, ohne das Leid der Opfer ernst zu nehmen, wäre schwerlich ein vollkommen gerechter Gott. Vergebung und Gerechtigkeit dürfen deshalb nicht miteinander verwechselt werden. Die Hoffnung auf eine letzte Versöhnung hebt die Verantwortung des Täters nicht auf. Sie stellt vielmehr die Frage, ob die endgültige Überwindung des Bösen durch dessen ewige Fortdauer im Leiden oder durch eine tiefere Verwandlung erreicht wird.

Gerade an diesem Punkt zeigt sich eine bemerkenswerte Schwierigkeit der traditionellen Höllenlehre. Wenn das Böse in Gestalt leidender, verdammter Geschöpfe für alle Ewigkeit fortbesteht, ist dann die endgültige Überwindung des Bösen wirklich erreicht? Besteht die vollkommene Herrschaft Gottes in einer Schöpfung, in der ein Teil seiner Geschöpfe auf ewig von Glück, Frieden und Gemeinschaft ausgeschlossen bleibt? Oder könnte die letzte Vollendung der göttlichen Ordnung darin liegen, dass alles Böse überwunden und keine Geschöpflichkeit mehr durch Hass, Täuschung und Verzweiflung beherrscht wird? Auf diese Fragen gibt es innerhalb des Christentums verschiedene Antworten. Manche Theologen betonen die bleibende Freiheit des Menschen, sich von Gott abzuwenden. Andere halten eine letztlich allumfassende Versöhnung für besser vereinbar mit Gottes unendlicher Liebe.

Für den geistig suchenden Templer besitzt die Frage noch eine weitere Dimension. Die Begriffe Himmel und Hölle müssen nicht ausschließlich als Beschreibungen räumlicher Aufenthaltsorte verstanden werden. Sie können auch geistige Zustände bezeichnen. Schon während unseres irdischen Lebens erfahren wir, dass der Mensch in einer Welt des Hasses, des Neides, der Angst und der Verzweiflung gefangen sein kann. Ebenso kennen wir Augenblicke inneren Friedens, der Liebe, der Erkenntnis und der Versöhnung, die uns wie ein Vorgeschmack auf eine höhere Wirklichkeit erscheinen. Daraus folgt nicht, dass die biblischen Aussagen über ein zukünftiges Gericht lediglich psychologische Gleichnisse seien. Doch eine geistige Deutung kann uns helfen, ihre Bedeutung für das gegenwärtige Leben zu erkennen.

Wer von Hass erfüllt ist, trägt bereits den Keim seiner eigenen Hölle in sich. Wer sich vollständig von Mitgefühl und Wahrheit entfernt, verfinstert sein eigenes Bewusstsein. Wer dagegen lernt, seine Selbstsucht zu überwinden, seinen Mitmenschen zu achten und das Gute um seiner selbst willen zu tun, nähert sich einer inneren Ordnung, die wir als göttlich bezeichnen können. Die Frage nach Himmel und Hölle beginnt deshalb nicht erst am Sterbebett. Sie begleitet jede Entscheidung unseres Lebens. Jeder Gedanke, jedes Wort und jede Handlung trägt dazu bei, welche Art von Mensch wir werden.

Das bedeutet auch, dass die Religion ihren höchsten Sinn verfehlt, wenn sie Menschen hauptsächlich durch Angst zu lenken versucht. Wer nur deshalb auf eine böse Tat verzichtet, weil er ewige Qualen fürchtet, hat bereits einen wichtigen Schritt getan, aber noch nicht die höchste Stufe sittlicher Erkenntnis erreicht. Wahre Tugend entsteht dort, wo der Mensch das Gute erkennt und liebt. Ein Templer soll nicht deshalb wahrhaftig sein, weil er Angst vor der Hölle hat, sondern weil er die Wahrheit als einen heiligen Wert erkannt hat. Er soll dem Schwachen nicht helfen, um sich einen Platz im Himmel zu verdienen, sondern weil die Würde des Mitmenschen seine Hilfe fordert.

Die Geschichte des Christentums zeigt allerdings, dass die Drohung mit der Hölle immer wieder auch als Mittel religiöser und gesellschaftlicher Disziplinierung verwendet wurde. Prediger schilderten die Qualen der Verdammten mit einer Genauigkeit, die weit über die biblischen Aussagen hinausging. Künstler schufen Bilder von brennenden Abgründen, monströsen Dämonen und endlosen Folterungen. Besonders eindrucksvoll prägte Dante Alighieri mit seiner Göttlichen Komödie die spätere Vorstellungswelt. Doch Dantes Unterwelt ist ein dichterisches Werk und keine unmittelbare Wiedergabe der Worte Jesu. Viele Bilder, die Menschen heute für selbstverständliche Bestandteile der christlichen Höllenlehre halten, stammen aus späterer Literatur, Kunst und religiöser Volksüberlieferung. Die historische Forschung zeigt deutlich, dass sich diese Vorstellungen über lange Zeiträume hinweg entwickelten.

Wir dürfen dabei nicht vergessen, dass auch die Angst vor der ewigen Strafe für viele Menschen eine schwere seelische Belastung darstellte. Eltern fürchteten um ihre ungetauft verstorbenen Kinder, Angehörige sorgten sich um das Schicksal geliebter Menschen, und Gläubige lebten in ständiger Unsicherheit, ob ihre Sünden ihnen endgültig vergeben worden waren. Die Vorstellung einer unendlichen Strafe konnte zu einer Macht werden, die selbst dort noch Angst erzeugte, wo eigentlich Vertrauen, Trost und Hoffnung hätten wachsen sollen. Andererseits fanden manche Gläubige in der Erwartung eines letzten Gerichts auch Trost, weil sie darauf vertrauten, dass erlittenes Unrecht nicht für immer ungesühnt bleiben würde. Die religiöse Wirkung der Höllenlehre war daher niemals ausschließlich eine einzige.

Wenn wir heute fragen, ob Jesus tatsächlich gelehrt habe, dass alle Andersgläubigen in die Hölle kommen, müssen wir deshalb sorgfältig unterscheiden. Die Evangelien enthalten ernsthafte Warnungen vor Gericht, Verlorengehen und endgültiger Strafe. Diese Warnungen dürfen nicht geleugnet werden. Sie enthalten aber ebenso eindringliche Aussagen über Barmherzigkeit, Umkehr, Feindesliebe und den rettenden Willen Gottes. Nirgends finden wir eine einfache, vollständige Aufzählung aller Religionen, deren Anhänger ohne Rücksicht auf ihr Leben automatisch ewige Qualen erleiden müssten. Eine solche pauschale Behauptung geht über das hinaus, was sich aus den Worten Jesu allein eindeutig ableiten lässt.

Hinzu kommt eine weitere historische Schwierigkeit. Die Evangelien wurden Jahrzehnte nach Jesu Tod schriftlich abgefasst. Sie bewahren seine Verkündigung in der Sprache, der Erinnerung und der theologischen Perspektive früher christlicher Gemeinden. Der historische Jesus sprach überwiegend Aramäisch, während die neutestamentlichen Evangelien in griechischer Sprache überliefert sind. Wir müssen daher zwischen den uns vorliegenden Evangelientexten und der Frage unterscheiden, welche Formulierungen Jesus selbst genau verwendete. Das bedeutet keineswegs, dass seine Worte frei erfunden wurden. Es bedeutet aber, dass historische Forschung und religiöse Überlieferung nicht einfach identisch sind. Bei der Frage nach der Hölle ist diese Unterscheidung besonders wichtig, weil spätere Auslegungsschichten die Bedeutung einzelner Begriffe stark beeinflussten.

Vielleicht sollten wir uns deshalb von einer Vorstellung lösen, die viel menschliches Leid verursacht hat: der Vorstellung, wir könnten das endgültige Schicksal anderer Menschen mit Sicherheit bestimmen. Wer sind wir, dass wir einem rechtschaffenen Buddhisten, einer mitfühlenden Muslimin, einem jüdischen Gelehrten oder einem aufrichtigen Menschen ohne religiösen Glauben die ewige Gemeinschaft mit Gott absprechen könnten? Wir kennen weder die tiefsten Beweggründe ihres Handelns noch die letzten Möglichkeiten göttlicher Barmherzigkeit. Wir sehen den äußeren Menschen, während die religiöse Überlieferung Gott die Erkenntnis des Herzens zuschreibt.

Das ist keine Aufforderung zur Gleichgültigkeit gegenüber der Wahrheit. Nicht alle religiösen Aussagen können gleichzeitig in jedem Punkt richtig sein. Die verschiedenen Glaubensgemeinschaften unterscheiden sich in grundlegenden Fragen. Doch aus dieser Tatsache folgt nicht, dass uns die Vollmacht gegeben wäre, über das ewige Schicksal ihrer Angehörigen zu urteilen. Der Anspruch, die Wahrheit zu suchen, ist etwas anderes als der Anspruch, Gottes letztes Gericht bereits vorwegnehmen zu können.

Für unseren Templerorden besitzt diese Erkenntnis eine besondere Bedeutung. Wir stehen in einer christlich geprägten Tradition, doch die Aufgabe des geistigen Menschen besteht darin, Weisheit, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit miteinander zu verbinden. Der wahre Ritter Christi soll nicht aus Furcht vor einer jenseitigen Strafe handeln, sondern aus Liebe zur Wahrheit und aus Verantwortung gegenüber seinem Gewissen. Seine Aufgabe ist es nicht, die Menschen in Verdammte und Erwählte einzuteilen. Seine Aufgabe ist es, das Licht der Erkenntnis zu suchen und dort zu helfen, wo Menschen unter Unwissenheit, Angst und Unrecht leiden.

Vielleicht müssen wir sogar noch einen Schritt weitergehen und fragen, ob der Mensch Gott nicht allzu häufig nach seinem eigenen Wesen gestaltet hat. Der grausame Mensch stellt sich einen grausamen Gott vor. Der rachsüchtige Mensch erwartet einen göttlichen Richter, dessen Vergeltung keine Grenze kennt. Der barmherzige Mensch erkennt dagegen im Göttlichen eine Liebe, die über menschliche Vorstellungen hinausreicht. Doch auch hier müssen wir vorsichtig sein. Unsere moralischen Wünsche allein beweisen nicht, wie die letzte Wirklichkeit beschaffen ist. Sie können uns aber dazu veranlassen, die überlieferten Gottesbilder zu prüfen und ihre inneren Spannungen ernst zu nehmen.

Wer Jesus verstehen will, sollte deshalb nicht ausschließlich auf seine schärfsten Gerichtsworte schauen. Er sollte ebenso betrachten, wie Jesus Menschen begegnete. Er setzte sich mit gesellschaftlich Ausgegrenzten an einen Tisch, wandte sich Kranken zu, kritisierte religiöse Heuchelei und stellte die Barmherzigkeit über bloße äußere Gesetzeserfüllung. Sein Umgang mit den Menschen war häufig von einer Offenheit geprägt, die seine Zeitgenossen überraschte. Selbst am Kreuz überliefert das Lukasevangelium ein Gebet um Vergebung für diejenigen, die an seiner Hinrichtung beteiligt waren. Ein solches Bild Jesu lässt sich nicht ohne Weiteres mit der Behauptung vereinbaren, er habe Freude daran gehabt, Menschen ewiger Qual auszuliefern.

Die eigentliche Frage lautet daher möglicherweise nicht, ob Jesus überhaupt von Gericht und Strafe sprach. Das tat er nach dem Zeugnis der Evangelien. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welchen Sinn dieses Gericht innerhalb seiner gesamten Botschaft besitzt. Geht es um eine göttliche Rache ohne Ende, um die endgültige Vernichtung des Bösen, um eine unwiderrufliche Trennung von Gott oder um eine Läuterung, deren letztes Ziel die Wiederherstellung der göttlichen Ordnung ist? Die christliche Tradition hat auf diese Frage unterschiedliche Antworten hervorgebracht. Keine davon darf einfach dadurch als historisch bewiesen gelten, dass sie über Jahrhunderte hinweg gepredigt wurde.

Als Templer sollten wir daher weder die Hölle leichtfertig für eine bloße Erfindung erklären noch die grausamsten Darstellungen früherer Prediger als unmittelbar göttliche Offenbarung übernehmen. Zwischen diesen beiden Extremen liegt der Weg einer ernsthaften geistigen Prüfung. Er verlangt Mut, weil wir dabei erkennen können, dass manche uns vertrauten religiösen Bilder stärker von menschlicher Geschichte geprägt sind, als wir bisher angenommen haben. Er verlangt Demut, weil wir eingestehen müssen, dass wir das Geheimnis des Todes und des letzten Gerichts nicht vollständig durchschauen.

Und er verlangt vor allem Liebe. Denn wenn es eine Wahrheit gibt, die im Leben Jesu immer wieder hervortritt, dann ist es die Aufforderung, dem Mitmenschen nicht mit Verachtung, sondern mit Barmherzigkeit zu begegnen. Ein Glaube, der den Andersdenkenden bereits im Voraus als künftigen Bewohner der Hölle betrachtet, läuft Gefahr, diese Haltung zu verlieren. Statt den Menschen als Bruder zu sehen, macht er ihn zum Gegenstand religiöser Verurteilung. Statt seine Würde zu achten, betrachtet er ihn unter dem Gesichtspunkt einer vermeintlich feststehenden Verdammnis.

Wir sollten uns jedoch davor hüten, nun in die entgegengesetzte Überheblichkeit zu verfallen und zu behaupten, wir hätten das Rätsel des Jenseits endgültig gelöst. Wir wissen nicht mit letzter Sicherheit, was nach dem Tod auf uns wartet. Wir können heilige Schriften auslegen, religiöse Erfahrungen vergleichen, philosophische Überlegungen anstellen und Zeugnisse verschiedener Traditionen untersuchen. Doch die Grenze zwischen Leben und Tod bleibt eines der großen Geheimnisse des menschlichen Daseins.

Gerade deshalb verdient die Frage nach der ewigen Strafe eine Haltung geistiger Bescheidenheit. Wir dürfen hoffen, dass Gottes Barmherzigkeit größer ist als unsere Schuld. Wir dürfen darauf vertrauen, dass seine Gerechtigkeit nicht geringer ist als unser menschliches Gerechtigkeitsempfinden. Und wir dürfen daran festhalten, dass ein Leben in Wahrheit, Mitgefühl und Verantwortung seinen Wert nicht erst durch die Aussicht auf himmlische Belohnung erhält.

Vielleicht wird das letzte Gericht anders sein, als es sich die Menschen in ihren Ängsten vorgestellt haben. Vielleicht werden wir dort nicht nur mit unseren Taten, sondern auch mit allen versäumten Möglichkeiten der Liebe konfrontiert. Vielleicht werden wir erkennen, wie viel Leid wir verursacht haben, ohne es zu bemerken, und wie viel Gutes wir hätten tun können. Vielleicht besteht ein Teil des Gerichts gerade in der vollkommenen Erkenntnis unserer selbst. Das sind geistige Vermutungen, keine gesicherten Aussagen über das Jenseits. Doch sie lassen uns erahnen, dass göttliche Gerechtigkeit wesentlich tiefer verstanden werden könnte als eine endlose Wiederholung körperlicher Qualen.

Für den wahren Templer ist deshalb die wichtigste Frage nicht, wie viele Menschen eines Tages in die Hölle kommen werden. Die wichtigste Frage lautet, wie er selbst heute lebt. Hat er einem Notleidenden geholfen? Hat er einen Menschen gerecht behandelt? Hat er seine Macht missbraucht oder sie zum Schutz der Schwachen eingesetzt? Hat er den Irrenden mit Hass verfolgt oder versucht, ihn durch Einsicht und Beispiel zu gewinnen? Hat er seine religiöse Überzeugung dazu verwendet, andere zu erniedrigen, oder hat sie ihn zu einem besseren Menschen gemacht?

Denn wenn wir eines aus der Botschaft Jesu lernen können, dann dies: Der Mensch wird nicht dadurch heilig, dass er anderen ihre Verdammnis verkündet. Er wird auch nicht dadurch gerecht, dass er sich selbst bereits zu den Erlösten zählt. Seine geistige Würde zeigt sich vielmehr in seinem Handeln, in seiner Wahrhaftigkeit und in seiner Fähigkeit zur Liebe.

So führt uns die Untersuchung der Höllenlehre schließlich zu einer überraschenden Erkenntnis. Die Angst vor einer ewigen Strafe mag Menschen dazu bringen, religiöse Gebote zu befolgen. Doch die Liebe zur Wahrheit und zum Guten kann sie innerlich verwandeln. Die eine Haltung fragt nach der drohenden Bestrafung, die andere nach dem Sinn des richtigen Handelns. Die eine sucht Sicherheit für das eigene Seelenheil, die andere übernimmt Verantwortung für die Welt.

Hat Jesus also wirklich gelehrt, dass alle Menschen, die nicht ausdrücklich an ihn glauben, zwangsläufig in eine Hölle ewiger Qualen kommen? Eine derart pauschale Aussage lässt sich historisch nicht als eindeutige und unbestrittene Lehre Jesu nachweisen. Wohl aber enthalten die Evangelien ernsthafte Gerichtswarnungen, die auch als Aussagen über endgültige Strafe verstanden werden können. Die später ausgearbeitete Vorstellung einer Hölle unaufhörlicher bewusster Qualen ist das Ergebnis eines langen theologischen Entwicklungsprozesses. Sie ist eine einflussreiche christliche Auslegung, aber nicht die einzige, die innerhalb der Geschichte des Christentums vertreten wurde.

Für uns als Templer sollte daraus keine Geringschätzung der Heiligen Schrift erwachsen, sondern eine tiefere Ehrfurcht vor der Wahrheit. Wir müssen lernen, zwischen der Botschaft Jesu, ihrer schriftlichen Überlieferung und den späteren Deutungen zu unterscheiden. Wir müssen begreifen, dass Glauben nicht bedeutet, das Denken aufzugeben, und dass geistige Erkenntnis nicht darin besteht, möglichst viele Menschen aus der göttlichen Liebe auszuschließen.

Vielleicht liegt die höchste Form der Gottesverehrung nicht in der Angst vor dem Höllenfeuer, sondern in der Überzeugung, dass wir schon hier auf Erden verpflichtet sind, dem Licht zu dienen. Nicht weil uns eine Strafe droht, sondern weil die Wahrheit selbst unsere Treue verdient. Nicht weil wir uns den Himmel verdienen wollen, sondern weil Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit jene Werte sind, durch die der Mensch seiner geistigen Bestimmung näherkommt.

Und vielleicht werden wir eines Tages erkennen, dass wir die Größe Gottes nicht daran hätten messen sollen, wie schrecklich er strafen kann, sondern daran, wie vollkommen seine Gerechtigkeit und seine Liebe miteinander verbunden sind.

Der wahre Ritter Christi folgt dem Licht nicht aus Furcht vor der Finsternis, sondern weil er erkannt hat, dass das Licht der Wahrheit würdig ist. Wer nur aus Angst vor der Hölle gut handelt, ist noch immer ein Gefangener seiner Furcht. Wer aber aus Liebe zum Guten handelt, hat bereits begonnen, die Freiheit des Geistes zu erkennen.

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