Kinder als Freimaurer?
Wäre ein ähnlicher Weg für uns Templer denkbar?
In den Vereinigten Staaten wurde unter dem Namen „Little Builders“ ein Lern-, Mal- und Beschäftigungsbuch für Kinder aus Freimaurerfamilien vorgestellt. Kinder begegnen darin auf spielerische Weise dem Winkelmaß, dem Zirkel, der Wasserwaage, dem Lot, dem Bienenkorb, den rauen und behauenen Steinen sowie weiteren bekannten Symbolen der Freimaurerei. Durch Ausmalbilder, Rätsel und kleine Aufgaben sollen sie zugleich etwas über Charakterbildung und menschliche Tugenden erfahren.
Auf den ersten Blick könnte der Eindruck entstehen, Kinder sollten damit bereits in die Freimaurerei eingeführt werden. Nach der Beschreibung der Herausgeber ist jedoch keine Aufnahme in eine Loge und auch keine Vermittlung freimaurerischer Geheimnisse beabsichtigt. Das Buch soll vielmehr Eltern und Großeltern dabei helfen, Fragen ihrer Kinder zu beantworten. Wenn ein Kind zu Hause einen Ring mit Winkelmaß und Zirkel sieht, ein Logengebäude besucht oder von Zusammenkünften der Erwachsenen hört, entstehen schließlich ganz von selbst Fragen. „Little Builders“ möchte darauf eine einfache und unterhaltsame Antwort geben.
Damit liegt ein wesentlicher Unterschied vor: Es handelt sich nicht um eine Kinderloge und nicht um eine freimaurerische Einweihung. Die Kinder werden weder zu Freimaurern erklärt noch an Rituale, Gelöbnisse oder interne Lehren herangeführt. Sie lernen zunächst Symbole kennen, die in ihren Familien ohnehin vorhanden sind, und verbinden diese mit allgemein verständlichen Werten.
Warum ein solcher Weg für unseren Orden problematisch wäre
Für den Alten Souveränen Templer Orden wäre eine eigentliche Einführung von Kindern in den Orden wohl ausgeschlossen. Unser Templerweg setzt persönliche Reife, eine freie Entscheidung und die Fähigkeit voraus, geistige Lehren selbstständig zu prüfen. Eine Mitgliedschaft darf nicht allein daraus entstehen, dass Eltern oder Großeltern bereits dem Orden angehören.
Der Templerweg ist keine familiäre Tradition, die automatisch vererbt wird. Er ist eine bewusste Lebensentscheidung. Jeder Mensch muss selbst erkennen, ob er sich zu diesem Weg berufen fühlt. Ein Kind kann die Tragweite eines Ordensgelöbnisses, die Bedeutung geistiger Verschwiegenheit und die daraus entstehenden Verpflichtungen noch nicht vollständig ermessen. Deshalb wäre es falsch, Kinder frühzeitig auf eine spätere Mitgliedschaft festzulegen.
Auch die Symbolik der Tempelritter verlangt Sorgfalt. Das rote Templerkreuz, das Schwert, der weiße Mantel, der Tempel Salomos und der Gral besitzen eine starke Wirkung auf die kindliche Vorstellungskraft. Werden diese Bilder ohne ausreichende Erklärung verwendet, könnten Kinder den Templerorden vor allem mit Kampf, Macht und mittelalterlichem Rittertum verbinden. Unser Orden versteht den Templerweg jedoch nicht als romantisches Kriegsspiel. Das eigentliche Schlachtfeld liegt im Inneren des Menschen. Dort geht es um die Überwindung von Hochmut, Feigheit, Maßlosigkeit, Trägheit und Selbstsucht.
Eine unmittelbare Heranführung an die Lehren des Ordens wäre daher weder notwendig noch ratsam. Kinder sollen zunächst Kinder sein dürfen. Sie benötigen keine geheimen Lehren, keine Rangordnung und keine Vorwegnahme späterer geistiger Entscheidungen.
Tugenden dürfen dennoch weitergegeben werden
Trotz dieser Vorbehalte enthält die amerikanische Idee einen wertvollen Gedanken: Eltern und Großeltern tragen Verantwortung dafür, grundlegende Werte an die nächste Generation weiterzugeben. Diese Aufgabe beginnt lange vor einer möglichen Mitgliedschaft in einem Orden.
Mut, Wahrhaftigkeit, Hilfsbereitschaft, Treue, Höflichkeit, Selbstbeherrschung und Achtung vor der Schöpfung sind keine geheimen Templerlehren. Es sind menschliche Tugenden, die jedes Kind kennenlernen darf. Wenn ein Großvater seinem Enkel erklärt, weshalb ein Ritter sein Wort halten soll, führt er ihn nicht in einen Orden ein. Er vermittelt ihm vielmehr, dass Vertrauen nur dort wachsen kann, wo Menschen zuverlässig sind.
Ebenso kann ein Kind verstehen, dass Stärke nicht bedeutet, Schwächere zu beherrschen. Der wahrhaft Starke schützt den Hilfsbedürftigen. Auch die Bedeutung des Dienens lässt sich in einfachen Worten erklären: Ein guter Ritter fragt nicht zuerst, was andere für ihn tun können, sondern wo seine Hilfe gebraucht wird.
Das Templerkreuz könnte dabei als Zeichen der Verantwortung erscheinen. Seine vier Arme könnten kindgerecht für Mut, Treue, Hilfsbereitschaft und Wahrhaftigkeit stehen. Das Schwert müsste nicht als Waffe dargestellt werden, sondern als Sinnbild für die Fähigkeit, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden. Der Schild könnte den Schutz der Schwachen verkörpern, der Mantel die Geborgenheit der Gemeinschaft und der behauene Stein die Arbeit am eigenen Charakter.
Damit würden wir keine Kinder in den Orden aufnehmen. Wir würden ihnen lediglich zeigen, dass Ritterlichkeit mehr bedeutet als Burgen, Rüstungen und Kämpfe.
Kein „Templer-Nachwuchs“, sondern ein Angebot für Familien
Sollte unser Orden jemals ein ähnliches Buch schaffen, dürfte es nicht als Vorbereitung auf eine Mitgliedschaft bezeichnet werden. Auch der Begriff „Jungtempler“ wäre problematisch, weil er den Eindruck einer eigenen Kinderorganisation erwecken könnte. Besser wäre ein allgemein gehaltenes Ritter- und Tugendbuch für Kinder und Enkelkinder unserer Mitglieder.
Ein möglicher Titel könnte lauten:
„Kleine Ritter – große Tugenden“
Darin könnten kurze Geschichten, Bilder und Aufgaben enthalten sein. Ein Kind könnte beispielsweise den richtigen Weg durch ein Labyrinth finden, um einem Verirrten zu helfen. Es könnte Bilder ausmalen, auf denen ein kleiner Ritter einem älteren Menschen beisteht, ein Tier schützt oder einen Streit friedlich beendet. Andere Seiten könnten einfache Fragen enthalten: Was bedeutet es, sein Wort zu halten? Wann braucht man Mut? Warum ist es manchmal tapferer, einen Fehler zuzugeben, als ihn zu verbergen?
Auch kleine gemeinsame Aufgaben für Kinder und Großeltern wären denkbar: einen Menschen besuchen, der einsam ist; einem Tier helfen; gemeinsam einen Baum pflanzen; eine Woche lang jeden Tag eine gute Tat vollbringen oder darüber sprechen, weshalb Dankbarkeit wichtig ist. So würden die Tugenden nicht nur erklärt, sondern im Alltag erlebt.
Entscheidend wäre, auf Rituale, interne Lehren, Rangbezeichnungen und jede Form der Mitgliederwerbung zu verzichten. Am Ende des Buches dürfte nicht stehen: „Werde später Templer.“ Die richtige Botschaft wäre vielmehr: „Werde ein aufrechter, mutiger und hilfsbereiter Mensch. Welchen geistigen Weg du später gehst, entscheidest du selbst.“
Die Familie als erste Schule der Ritterlichkeit
Orden und Gemeinschaften machen häufig den Fehler, nur an ihre gegenwärtigen Mitglieder zu denken. Doch jede geistige Tradition lebt davon, dass ihre Werte in den Familien sichtbar werden. Kinder lernen nicht vor allem durch Vorträge, sondern durch Vorbilder. Wenn ein Mitglied unseres Ordens von Treue spricht, sich aber selbst unzuverlässig verhält, wird kein Kinderbuch diesen Widerspruch ausgleichen. Wenn das Kind dagegen erlebt, dass sein Vater oder Großvater hilfsbereit, maßvoll, geduldig und wahrhaftig handelt, versteht es den Templergedanken, ohne einen einzigen Lehrbrief gelesen zu haben.
Der wichtigste Beitrag unserer Mitglieder zur Erziehung der nächsten Generation besteht daher nicht in der Weitergabe von Symbolen, sondern im eigenen Verhalten. Ein Kind soll erkennen können: Seit mein Großvater diesen Weg geht, bemüht er sich, ruhiger zu urteilen, gerechter zu handeln und anderen Menschen beizustehen. Eine solche Erfahrung sagt mehr über den Orden aus als jede Erklärung.
Gerade Großeltern besitzen dabei eine besondere Möglichkeit. Sie verfügen über Lebenserfahrung und können Geschichten erzählen, ohne daraus sofort eine Unterrichtsstunde zu machen. Eine Erzählung über einen Ritter, der sein Versprechen hält, obwohl es ihm schwerfällt, bleibt einem Kind möglicherweise länger im Gedächtnis als eine abstrakte Belehrung über Treue. Vielleicht ist tatsächlich, wie die Herausgeber von „Little Builders“ schreiben, manchmal ein Buntstift ein guter Anfang.
Unsere Grenze und unsere Möglichkeit
Eine Einführung von Kindern in den eigentlichen Templerorden sollte für uns ausgeschlossen bleiben. Kinder dürfen keine Gelöbnisse ablegen, keine geheimen Lehren empfangen und nicht als künftige Mitglieder vereinnahmt werden. Der Eintritt in einen geistigen Orden setzt Reife, Freiheit und eine persönliche Entscheidung voraus.
Ausgeschlossen sein muss jedoch nicht die Weitergabe jener Werte, für die der Templer im besten Sinne steht. Ritterlichkeit, Mut, Treue, Hilfsbereitschaft, Maßhaltung und der Schutz der Schwachen gehören nicht allein unserem Orden. Sie sind ein kulturelles und sittliches Erbe, das wir mit anderen Menschen teilen dürfen.
Die amerikanische Idee sollte daher weder unkritisch übernommen noch vorschnell abgelehnt werden. Sie erinnert uns an eine Aufgabe, die über Mitgliederzahlen und Rangstufen hinausgeht: Wir müssen unseren Kindern und Enkelkindern nicht den Orden vererben, wohl aber jene Haltung, die einen Menschen würdig macht, eines Tages aus freiem Willen einen geistigen Weg zu wählen.
Ein Templer sucht keine Nachfolger, die ihm blind folgen. Er trägt dazu bei, dass eine neue Generation heranwächst, die selbstständig denken, verantwortlich handeln und zwischen Macht und wahrer Stärke unterscheiden kann. Darin läge auch für unseren Orden ein wertvoller Dienst an der Zukunft.

