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Noch einmal Hitzeflucht in Rom

Märtyrer, Fresken und ein Stück Köln

Rom ist eine Stadt, in der jeder Stein von vergangenen Jahrhunderten erzählt. Wer die Ewige Stadt im Hochsommer besucht, sucht jedoch nicht nur Geschichte, sondern häufig auch einen schattigen und kühlen Zufluchtsort. Mehr als 900 Kirchen bieten Schutz vor der erbarmungslosen Hitze. Manche empfangen den Besucher mit goldenen Mosaiken und gewaltigen Kuppeln, andere mit stillen Kapellen oder überraschenden Kunstwerken. Santo Stefano Rotondo al Celio gehört zu jenen Kirchen, die man nach dem Besuch kaum wieder vergisst.

Das empfand auch der englische Schriftsteller Charles Dickens, als er während seiner Italienreise in den 1840er-Jahren die Basilika betrat. Besonders die Malereien an den Wänden blieben ihm im Gedächtnis. Einen solchen „Panorama des Grauens und der Brutalität“, schrieb er sinngemäß, könne sich kein Mensch im Schlaf ausmalen. Dickens übertrieb nicht wesentlich. Wer Santo Stefano Rotondo betritt, findet zwar Schutz vor der römischen Sonne, begegnet aber gleichzeitig einem der erschütterndsten Bilderzyklen der christlichen Kunstgeschichte.

Eine der ältesten Rundkirchen der Christenheit

Santo Stefano Rotondo liegt auf dem Monte Celio, einem der sieben Hügel Roms. Die Kirche wurde im fünften Jahrhundert ausdrücklich als christliches Gotteshaus errichtet und dem heiligen Stephanus geweiht, der als erster Märtyrer des Christentums gilt. Der Rundbau gehört zu den ältesten erhaltenen Kirchen dieser Art. Seine ungewöhnliche Form unterscheidet ihn deutlich von den lang gestreckten Basiliken, die das Erscheinungsbild vieler römischer Gotteshäuser bestimmen.

Das Innere wirkt zunächst hell, geordnet und beinahe feierlich. Ein Kranz aus 22 mächtigen Granitsäulen umgibt den zentralen Bereich, in dessen Mitte sich der Altar befindet. Licht fällt von oben in den Raum und lenkt den Blick zur Mitte. Der Kreis besitzt keinen eigentlichen Anfang und kein Ende. Seit alters her ist er daher ein Sinnbild für Vollkommenheit, Ewigkeit und die göttliche Ordnung.

Für einen Templer liegt darin eine vertraute geistige Botschaft. Auch unser Weg soll eine Mitte besitzen, um die sich alles andere ordnet. Fehlt diese Mitte, zerfällt das Leben in widersprüchliche Wünsche, Ängste und Ablenkungen. Für den Christen ist diese Mitte Christus. Um ihn sollen sich Denken, Handeln und Hoffen ordnen, so wie sich die Säulen der alten Kirche um ihren Altar versammeln.

Doch die lichte Harmonie täuscht. Wendet man den Blick vom Zentrum zur kreisförmigen Außenwand, beginnt ein erschütternder Weg durch die Geschichte christlicher Verfolgung.

34 Fresken voller Folter und Tod

Seit 1581 ist Santo Stefano Rotondo mit dem Päpstlichen Kollegium Germanicum et Hungaricum verbunden. In jener Zeit erhielt der Maler Niccolò Circignani, genannt Pomarancio, gemeinsam mit weiteren Künstlern den Auftrag, die Wände auszugestalten. Es entstand ein Zyklus von 34 Fresken, der das Leiden und Sterben frühchristlicher Märtyrer in schonungsloser Deutlichkeit zeigt.

Menschen werden verbrannt, enthauptet, gekreuzigt, zerquetscht, verstümmelt oder wilden Tieren vorgeworfen. Die Künstler beschränkten sich nicht auf eine symbolische Andeutung des Leidens. Sie stellten die verschiedenen Todesarten mit einem erschreckenden Realismus dar. Lateinische und italienische Erläuterungen halfen dem damaligen Betrachter, die einzelnen Märtyrer und ihre Schicksale zu erkennen.

Die Fresken entstanden in einer Zeit schwerer religiöser Auseinandersetzungen. Europa war durch Reformation, Gegenreformation und Religionskriege gespalten. Das Kollegium bildete Priester aus, die später in Gebieten wirken sollten, in denen der katholische Glaube unter starkem Druck stand. Die Bilder sollten sie daran erinnern, dass Glaubenstreue Opfer verlangen konnte. Sie waren daher nicht als makabre Unterhaltung gedacht, sondern als geistige Vorbereitung auf Verfolgung, Leiden und möglicherweise sogar den Tod.

Für den heutigen Besucher bleibt der Zyklus dennoch schwer erträglich. Man darf fragen, ob die ausführliche Darstellung menschlicher Qual den Glauben wirklich vertieft oder ob sie das Leiden zum Schauspiel macht. Christliches Martyrium besteht schließlich nicht in der Grausamkeit der Hinrichtung, sondern in der Treue des Menschen, der sich trotz Drohung und Gewalt weigert, seinen Glauben zu verleugnen.

Ein Märtyrer ist kein Mensch, der den Tod sucht. Er ist auch kein Krieger, der andere für seine Überzeugung sterben lässt. Das griechische Wort martys bedeutet zunächst „Zeuge“. Der Märtyrer bezeugt die Wahrheit seines Glaubens, selbst wenn ihn dieses Zeugnis das Leben kostet. Nicht seine Wunden machen ihn heilig, sondern seine Standhaftigkeit, sein Vertrauen und seine Weigerung, Hass mit Hass zu beantworten.

Gerade der heilige Stephanus verkörpert diese Haltung. Während er gesteinigt wurde, betete er für seine Verfolger. Darin folgte er Christus, der am Kreuz um Vergebung für seine Peiniger bat. Stephanus besiegte seine Feinde nicht durch Gewalt, sondern dadurch, dass er sich von ihrer Gewalt nicht in Hass verwandeln ließ.

Auch für einen Templer ist das entscheidend. Tapferkeit zeigt sich nicht allein darin, einer Gefahr entgegenzutreten. Die größere Prüfung besteht häufig darin, das eigene Herz vor Verbitterung, Rachsucht und Menschenverachtung zu bewahren. Der wahre Ritter verteidigt das Gute, ohne selbst dem Bösen ähnlich zu werden.

Die Cathedra Gregors des Großen

Links vom Eingang befindet sich ein alter Marmorsessel, der vermutlich aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert stammt. Nach der Überlieferung soll Papst Gregor der Große gegen Ende des sechsten Jahrhunderts auf dieser Cathedra gepredigt haben. Ob sich jedes Einzelstück der Überlieferung historisch zweifelsfrei beweisen lässt, ist weniger bedeutend als das, wofür der Sitz steht.

Eine Cathedra ist nicht bloß ein bequemer Sessel. Sie ist das Zeichen des Lehramtes und der Verantwortung. Wer auf ihr Platz nimmt, soll nicht seine eigene Eitelkeit pflegen, sondern das Wort Gottes verkünden und der Gemeinschaft dienen. Macht erhält ihren Sinn erst durch Verantwortung. Das gilt für einen Papst ebenso wie für jeden Ordensführer und für jeden Menschen, dem andere anvertraut sind.

Papst Gregor der Große verstand sein Amt als Dienst. Von ihm stammt die bis heute verwendete Bezeichnung des Papstes als Servus servorum Dei, als „Diener der Diener Gottes“. Ein solcher Titel erinnert daran, dass christliche Führung nicht über den Menschen stehen, sondern für sie wirken soll. Auch der Templerorden darf Rang und Würde niemals mit persönlicher Erhöhung verwechseln. Je höher der Rang, desto größer ist die Pflicht zum Dienst.

Die heilige Ursula und der Kölner Dom

Unter den 34 Fresken befindet sich eine Darstellung des Martyriums der heiligen Ursula und ihrer Gefährtinnen. Nach der mittelalterlichen Legende war Ursula eine christliche Königstochter, die mit einer großen Schar von Jungfrauen nach Rom pilgerte. Auf der Rückreise sollen sie bei Köln von den Hunnen getötet worden sein, weil sie sich weigerten, ihrem Glauben und ihrer Keuschheit abzuschwören.

Die historische Grundlage dieser Legende ist unsicher. Wahrscheinlich entwickelte sich die Erzählung aus der Erinnerung an eine kleinere Gruppe frühchristlicher Märtyrerinnen. Im Laufe der Jahrhunderte wurde daraus die berühmte Geschichte von Ursula und den 11.000 Jungfrauen. Für die Menschen des Mittelalters war Ursula ein Sinnbild für Glaubenstreue, Reinheit und den Mut, einer übermächtigen Gewalt zu widerstehen.

Wer das entsprechende Fresko in Santo Stefano Rotondo aufmerksam betrachtet, entdeckt im Hintergrund den Rhein, zahlreiche Schiffe und die Stadt Köln. Besonders bemerkenswert ist die Darstellung des damals noch unvollendeten Kölner Doms. So befindet sich mitten in Rom, in einem Freskenzyklus über die Märtyrer der frühen Christenheit, ein Stück deutscher Bau- und Glaubensgeschichte.

Der Bau des Kölner Doms hatte 1248 begonnen, kam aber im 16. Jahrhundert weitgehend zum Stillstand. Zur Zeit Pomarancios ragten der vollendete Chor und der unvollständige Südturm über die Stadt, während große Teile der heutigen Kathedrale noch fehlten. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Bau wiederaufgenommen und 1880 vollendet.

Auch darin liegt ein schönes Sinnbild. Der Dom überdauerte Jahrhunderte als unvollendetes Werk. Generationen von Menschen sahen ihn, ohne seine Vollendung erleben zu können. Dennoch blieb die ursprüngliche Idee erhalten, bis spätere Generationen sie aufgriffen und weiterführten. Nicht jeder Mensch vollendet selbst, was er begonnen hat. Manche legen das Fundament, andere errichten die Mauern, und wieder andere setzen den Schlussstein.

Diese Erkenntnis ist gerade für einen Orden von großer Bedeutung. Ein geistiges Werk darf nicht allein von einer einzigen Person abhängen. Es muss so geordnet und weitergegeben werden, dass kommende Generationen daran weiterbauen können. Der einzelne Bruder und die einzelne Schwester sind Glieder einer Kette, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verbindet.

Was uns die Märtyrer heute sagen

Wir leben in Europa nicht mehr in jener Welt, in der Christen in Arenen geführt oder wegen ihres Bekenntnisses öffentlich hingerichtet werden. Dennoch werden auch heute Menschen in verschiedenen Ländern wegen ihres Glaubens verfolgt, vertrieben oder getötet. Gleichzeitig begegnen wir in unseren Gesellschaften einer anderen Gefahr: der Gleichgültigkeit. Nicht immer wird der Glaube gewaltsam bekämpft; manchmal verdunstet er einfach, weil Bequemlichkeit, Ablenkung und materielle Interessen wichtiger erscheinen.

Die Fresken von Santo Stefano Rotondo stellen daher eine unbequeme Frage: Was ist uns unsere Überzeugung tatsächlich wert? Es geht nicht darum, das Martyrium herbeizuwünschen oder Leiden zu verherrlichen. Gefragt ist vielmehr, ob wir bereit sind, für Wahrheit und Gerechtigkeit Nachteile in Kauf zu nehmen, einem Schwachen beizustehen, obwohl es unbequem wird, oder unserem Gewissen treu zu bleiben, wenn die Mehrheit einen anderen Weg einschlägt.

Der moderne Templer führt keinen Kampf gegen Andersgläubige. Sein Kampf richtet sich gegen Lüge, Feigheit, Gleichgültigkeit und Unrecht – vor allem im eigenen Inneren. Die Märtyrer erinnern ihn daran, dass ein Glaube ohne Standhaftigkeit leicht zu einer bloßen Gewohnheit wird. Sie mahnen aber ebenso, dass Standhaftigkeit niemals Fanatismus bedeuten darf. Wahrer Glaube zwingt nicht, foltert nicht und tötet nicht. Er bezeugt, dient und erträgt.

Wer Santo Stefano Rotondo nach einem Rundgang wieder verlässt, tritt aus der gedämpften Kühle zurück in das gleißende Licht Roms. Die Fresken bleiben im Gedächtnis, ebenso die Granitsäulen, die alte Cathedra und der unvollendete Kölner Dom im Hintergrund des Ursula-Bildes. Was zunächst nur als Flucht vor der Sommerhitze begann, kann so zu einer Begegnung mit den ernsten Fragen des eigenen Lebens werden: Wofür stehe ich ein? Welcher Wahrheit bleibe ich treu? Und was hinterlasse ich jenen, die nach mir weiterbauen werden?

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