Seit wann gibt es Himmel und Hölle?
Stammt diese Vorstellung von der katholischen Kirche?
Kaum eine religiöse Vorstellung hat das Denken der Menschen über Jahrtausende so geprägt wie die Frage nach Himmel und Hölle. Fast jeder Mensch kennt diese Begriffe. Doch nur wenige fragen sich, woher sie eigentlich stammen.
Hat die katholische Kirche Himmel und Hölle erfunden?
Die Antwort lautet eindeutig: Nein.
Die Vorstellung eines Lebens nach dem Tod ist wesentlich älter als das Christentum und sogar älter als das Judentum. Bereits die ältesten Hochkulturen glaubten, dass mit dem Tod nicht alles endet.
Die ersten Vorstellungen vom Jenseits
Schon vor mehr als 5.000 Jahren glaubten die alten Ägypter an ein Weiterleben der Seele. Ihre Pyramiden waren keine bloßen Grabstätten, sondern Tore in eine andere Welt.
Nach dem Tod musste sich der Verstorbene vor Osiris verantworten. Sein Herz wurde gegen die Feder der Göttin Maat gewogen. War das Herz leicht und frei von Schuld, durfte die Seele in das Reich des ewigen Lebens eintreten. War sie jedoch voller Bosheit, wurde sie vernichtet.
Hier begegnen wir bereits einer Idee, die später in vielen Religionen wiederkehrt: Der Mensch trägt Verantwortung für sein Leben.
Das Alte Testament kennt noch keinen Himmel
Viele Menschen sind überrascht, wenn sie erfahren, dass das Alte Testament zunächst gar keinen Himmel im späteren christlichen Sinn kennt.
Die frühen Israeliten glaubten an den Scheol, das Reich der Toten. Dort gelangten alle Menschen – Gerechte und Ungerechte gleichermaßen. Es war kein Ort der Belohnung oder der Strafe, sondern vielmehr ein Schattenreich.
Erst mehrere Jahrhunderte später entwickelte sich unter dem Einfluss persischer Vorstellungen die Hoffnung auf eine Auferstehung der Toten und ein göttliches Gericht.
Jesus spricht vom Reich Gottes
Jesus Christus sprach weit häufiger vom Reich Gottes als vom Himmel.
Er verkündete eine neue Wirklichkeit, die bereits hier auf Erden beginnen sollte. Das Reich Gottes war für ihn kein fernes Paradies, sondern eine Lebensweise, die durch Liebe, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit sichtbar wird.
Wenn Jesus von der Hölle sprach, verwendete er meist den Begriff Gehenna.
Gehenna war ursprünglich das Hinnomtal südlich von Jerusalem. Dort wurden in früheren Zeiten Kinderopfer dargebracht, später galt der Ort als Sinnbild der Gottesferne und des Gerichts.
Jesus benutzte dieses Bild, um eindringlich vor den Folgen eines Lebens ohne Liebe und ohne Gott zu warnen.
Entstand die Hölle erst durch die katholische Kirche?
Auch diese Behauptung hält einer historischen Prüfung nicht stand.
Bereits die ersten Christen glaubten an ein göttliches Gericht.
Die Kirchenväter des zweiten und dritten Jahrhunderts schrieben ausführlich über das ewige Leben und über die Folgen menschlicher Entscheidungen.
Allerdings entwickelte die mittelalterliche Kirche die Vorstellungen von Himmel, Hölle und Fegefeuer immer genauer.
Besonders eindrucksvoll geschah dies in Kunst und Literatur. Fresken zeigten die Qualen der Verdammten. Prediger schilderten die Hölle oft in dramatischen Bildern. Das berühmteste Werk dieser Zeit ist Dantes Göttliche Komödie aus dem 14. Jahrhundert, die das europäische Bild von Himmel und Hölle nachhaltig geprägt hat.
Dabei vermischten sich biblische Aussagen häufig mit dichterischer Fantasie.
Wurden Menschen durch die Angst vor der Hölle gelenkt?
Leider muss diese Frage mit Ja beantwortet werden.
Im Mittelalter wurde die Angst vor der ewigen Verdammnis vielfach als Mittel religiöser Erziehung eingesetzt.
Viele Menschen glaubten, bereits ein kleiner Fehler könne sie für alle Ewigkeit ins Feuer der Hölle bringen.
Dadurch entstand ein Gottesbild, das von Furcht geprägt war.
Doch wer die Evangelien aufmerksam liest, erkennt ein anderes Bild.
Jesus begegnet den Menschen mit Barmherzigkeit. Er vergibt der Ehebrecherin, isst mit Zöllnern und Sündern und verspricht dem reuigen Schächer am Kreuz noch am selben Tag das Paradies.
Die Liebe Gottes steht im Mittelpunkt seiner Botschaft.
Wie sahen die Templer diese Frage?
Die Tempelritter waren überzeugte Christen.
Sie glaubten an Auferstehung, Gericht und ewiges Leben. Gleichzeitig verstanden sie ihren Glauben als Weg der Nachfolge Christi.
Für sie war entscheidend, bereits auf Erden nach den Idealen des Evangeliums zu leben.
Mut, Treue, Demut, Gerechtigkeit und Dienst am Nächsten waren keine Voraussetzungen, um den Himmel zu verdienen. Sie waren Ausdruck eines Lebens, das sich an Christus orientierte.
Himmel und Hölle als innere Wirklichkeit
Die christliche Mystik eröffnet noch eine weitere Perspektive.
Viele Mystiker sahen Himmel und Hölle nicht nur als zukünftige Orte, sondern auch als gegenwärtige Erfahrungen.
Ein Mensch, der von Hass, Neid, Gier oder Verzweiflung beherrscht wird, trägt seine Hölle bereits in sich.
Ein Mensch hingegen, der Liebe, Frieden, Hoffnung und Gottes Nähe erfährt, lebt schon jetzt einen Vorgeschmack des Himmels.
Diese Sichtweise widerspricht der christlichen Hoffnung auf das ewige Leben nicht. Sie ergänzt sie.
Der wahre Kampf des Tempelritters
Für einen Tempelritter ist die entscheidende Frage daher nicht:
„Wo werde ich nach meinem Tod sein?“
Sondern:
„Wie lebe ich heute?“
Jede Entscheidung bringt uns dem Licht näher oder entfernt uns davon.
Jedes Wort kann heilen oder verletzen.
Jede Tat kann Liebe oder Leid vermehren.
Vielleicht beginnt der Himmel dort, wo ein Mensch lernt, Gott und seinen Mitmenschen aus ganzem Herzen zu dienen.
Und vielleicht beginnt die Hölle dort, wo der Mensch sich von Liebe, Wahrheit und Mitgefühl trennt.
Der Ritter des Lichts entscheidet sich jeden Tag neu.
Nicht aus Angst vor der Hölle.
Sondern aus Liebe zum Guten.
Denn das größte Ziel des geistigen Weges ist nicht, der Strafe zu entgehen, sondern Christus immer ähnlicher zu werden. Dort, wo seine Liebe unser Denken und Handeln erfüllt, beginnt bereits auf Erden ein Stück des Himmels.
