Sind wir heute alle Häretiker, wenn wir nicht glauben, was gegen die Natur zu stehen scheint?
Eine templerische Betrachtung über Dogma, Vernunft und Glauben
Ein moderner Christ steht heute vor einem Problem, das frühere Generationen in dieser Form kaum kannten. Er lebt in einer Welt, die von Naturwissenschaft, Medizin, Astronomie, Biologie und historisch-kritischer Forschung geprägt ist. Gleichzeitig begegnet ihm eine Kirche, die Glaubenssätze verbindlich festhält, die sich dem gewöhnlichen Naturverständnis entziehen: die jungfräuliche Empfängnis Jesu, seine Göttlichkeit, die Auferstehung, die leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel oder die päpstliche Unfehlbarkeit unter bestimmten Bedingungen. Was aber geschieht, wenn ein katholischer Christ sagt: „Ich kann das nicht glauben“? Ist er dann noch Christ? Ist er bereits Häretiker? Oder ist er vielleicht nur ein Mensch, der seinen Glauben mit seinem Verstand in Einklang bringen möchte?
Aus Sicht der römisch-katholischen Kirche ist die Rechtslage erstaunlich eindeutig. Das Kirchenrecht bezeichnet als Häresie die beharrliche Leugnung oder den beharrlichen Zweifel an einer Wahrheit, die mit göttlichem und katholischem Glauben zu glauben ist. Es geht also nicht um einen vorübergehenden Zweifel oder um die Aussage „Ich verstehe dieses Dogma nicht“, sondern um die bewusste und dauerhafte Zurückweisung einer als verbindlich geoffenbart verstandenen Glaubenswahrheit.
Damit entsteht eine bemerkenswerte Spannung zwischen moderner Glaubenspraxis und kirchlichem Dogma. Viele Menschen, die sich selbstverständlich als katholisch verstehen, würden bei genauer Nachfrage möglicherweise sagen: „Ich glaube nicht, dass Jesus ohne menschlichen Vater gezeugt wurde.“ Andere würden erklären: „Ich kann mir eine leibliche Aufnahme Mariens in den Himmel nicht vorstellen.“ Wieder andere glauben an Jesus als außergewöhnlichen religiösen Lehrer, Propheten oder Sohn Gottes in einem symbolischen Sinn, aber nicht daran, dass er im metaphysischen Sinn wahrer Gott war. Und nicht wenige Katholiken haben Schwierigkeiten mit der Vorstellung, dass ein Papst unter bestimmten Voraussetzungen unfehlbar lehren könne.
Nach dem heutigen katholischen Katechismus ist die jungfräuliche Empfängnis Jesu jedoch keineswegs nur eine fromme Legende, über deren historische Wahrheit jeder frei entscheiden könne. Die Kirche lehrt ausdrücklich, dass Jesus „einzig durch die Kraft des Heiligen Geistes, ohne Zutun eines Mannes“ empfangen worden sei. Ebenso bekennt sie Jesus als „wahren Gott und wahren Menschen“. Wer diese Aussagen bewusst und beharrlich als Glaubenswahrheiten zurückweist, widerspricht damit tatsächlich der verbindlichen katholischen Lehre.
Ähnlich verhält es sich mit der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel. Dieses Dogma wurde keineswegs in der Antike in seiner heutigen verbindlichen Form definiert. Erst Papst Pius XII. erklärte am 1. November 1950 feierlich, Maria sei nach Vollendung ihres irdischen Lebens mit Leib und Seele in die himmlische Herrlichkeit aufgenommen worden. Die apostolische Konstitution bezeichnet dies ausdrücklich als „von Gott geoffenbartes Dogma“. Bemerkenswert ist dabei, dass die Kirche selbst nicht verbindlich festgelegt hat, ob Maria zuvor tatsächlich gestorben war. Johannes Paul II. erklärte später ausdrücklich, dass Pius XII. diese Frage bei der Dogmendefinition offenließ.
Auch die päpstliche Unfehlbarkeit ist kein Glaubenssatz aus der Zeit Jesu. Sie wurde 1870 auf dem Ersten Vatikanischen Konzil dogmatisch definiert. Dabei bedeutet sie keineswegs, dass jeder Satz eines Papstes unfehlbar wäre. Die Lehre bezieht sich auf sehr bestimmte Situationen, in denen der Papst als oberster Hirte und Lehrer der gesamten Kirche eine Glaubens- oder Sittenlehre endgültig festlegt. Wer jedoch genau dieses Dogma grundsätzlich zurückweist, widerspricht wiederum einer verbindlichen katholischen Glaubenslehre.
Die schwierigste Frage betrifft wahrscheinlich die Göttlichkeit Jesu. Denn hier geht es nicht um ein spätes römisch-katholisches Sonderdogma, sondern um einen der Grundpfeiler des klassischen Christentums. Das Nicänische Glaubensbekenntnis bezeichnet Christus als „Gott von Gott, Licht vom Licht, wahrer Gott vom wahren Gott“ und als wesensgleich mit dem Vater. Der katholische Katechismus bezeichnet den Glauben an die Menschwerdung des Sohnes Gottes ausdrücklich als ein Unterscheidungsmerkmal des christlichen Glaubens.
Was aber tun wir mit einem Menschen, der sagt: „Ich folge Jesus, ich halte seine Botschaft für wahr und wichtig, ich versuche nach seinem Beispiel zu leben, aber ich glaube nicht, dass Jesus selbst Gott war“? Kirchenrechtlich lässt sich diese Position relativ leicht einordnen. Philosophisch und religiös ist die Sache sehr viel schwieriger. Denn dieser Mensch könnte Christus möglicherweise ernster nachfolgen als jemand, der jeden Satz des Glaubensbekenntnisses aufsagt, dessen Leben aber keinerlei Spuren der Bergpredigt erkennen lässt.
Hier beginnt für einen Templer die eigentliche Frage. Ist Rechtgläubigkeit dasselbe wie rechter Glaube? Und ist rechter Glaube dasselbe wie ein rechtes Leben?
Die Geschichte des Christentums zeigt, dass Glaubenswahrheiten in immer präziseren Formulierungen festgelegt wurden. Jesus selbst hat jedoch keine Dogmatik verfasst. Er hinterließ kein theologisches Lehrbuch über die Trinität, keine Definition zweier Naturen in einer Person und keine Abhandlung über die päpstliche Unfehlbarkeit. Vieles davon entstand erst Jahrhunderte später, weil Christen darum rangen, wie die Person Jesu und die überlieferten Texte richtig zu verstehen seien.
Das bedeutet keineswegs, dass spätere Dogmen deshalb automatisch falsch wären. Aber es bedeutet, dass zwischen der Botschaft Jesu und ihrer späteren theologischen Systematisierung unterschieden werden muss. Genau diese Unterscheidung sollte ein Templer nicht fürchten.
Was bedeutet beispielsweise „Jungfrauengeburt“? Der Gläubige kann sie als konkretes biologisches Wunder verstehen. Ein anderer sieht darin eine theologische Aussage darüber, dass Jesu Ursprung letztlich in Gott liege. Die katholische Kirche lässt diese rein symbolische Deutung allerdings nicht ausreichen; sie versteht die jungfräuliche Empfängnis als reales Glaubensgeheimnis.
Ähnlich verhält es sich mit der Himmelfahrt Mariens. Wer sie als historisch-physikalisches Ereignis versteht, muss akzeptieren, dass hier etwas behauptet wird, das außerhalb unserer gewöhnlichen Naturerfahrung liegt. Die Kirche würde allerdings erwidern, dass genau darin das Wesen eines übernatürlichen Glaubensgeheimnisses liegt: Es soll nicht aus den Naturgesetzen ableitbar sein.
Deshalb ist die Formulierung „gegen die Natur“ nicht ganz unproblematisch. Die Kirche würde nicht sagen, dass Gott gegen seine eigene Schöpfung handelt. Sie würde vielmehr von einem übernatürlichen Ereignis sprechen, das die gewöhnliche Naturordnung überschreitet. Für den naturwissenschaftlich denkenden Menschen bleibt jedoch dieselbe Frage bestehen: Welche Gründe habe ich, ein solches Ereignis tatsächlich für wahr zu halten?
Hier begegnen wir wieder David Hume und seiner Frage nach der Wahrscheinlichkeit von Wunderberichten. Der moderne Mensch ist gewohnt, außergewöhnliche Behauptungen besonders sorgfältig zu prüfen. Wenn wir lesen, dass jemand ohne biologischen Vater gezeugt wurde, ein Toter auferstanden ist oder ein menschlicher Körper in eine jenseitige Wirklichkeit aufgenommen wurde, dürfen wir fragen: Handelt es sich um historische Tatsachen, theologische Bilder, Glaubenszeugnisse oder spätere Traditionen?
Eine solche Frage macht einen Menschen noch nicht zum Feind des Glaubens. Vielleicht ist sie sogar ein Zeichen dafür, dass er seinen Glauben ernst nimmt.
Ein Templer sollte deshalb zwischen drei Haltungen unterscheiden.
Der erste Mensch sagt: „Die Kirche hat es gesagt, also darf ich nicht darüber nachdenken.“
Der zweite sagt: „Naturwissenschaft kann es nicht erklären, also muss es Unsinn sein.“
Der dritte sagt: „Ich weiß nicht, ob ich es glauben kann. Deshalb prüfe ich, frage, lese und suche weiter.“
Der dritte Weg scheint mir der templerische.
Denn ein Templer braucht weder blinden Glauben noch blinden Unglauben. Er braucht Erkenntniswillen.
Damit kommen wir zur provokanten Frage unserer Überschrift: Sind wir heute vielleicht alle Häretiker?
Natürlich nicht alle. Aber wahrscheinlich leben sehr viele nominelle Katholiken mit Überzeugungen, die mit einzelnen verbindlichen Dogmen ihrer Kirche nicht vollständig übereinstimmen. Viele wissen es möglicherweise gar nicht. Andere betrachten Dogmen eher symbolisch. Wieder andere wählen bewusst aus, was sie für glaubwürdig halten.
Kirchenrechtlich ist die Lage klarer als im Alltag. Wer nach der Taufe eine als göttlich geoffenbart zu glaubende Wahrheit bewusst und beharrlich leugnet, erfüllt grundsätzlich die kirchenrechtliche Definition von Häresie. Aber daraus folgt nicht, dass jeder Zweifelnde sofort als „Ketzer“ abgestempelt werden sollte. Die Kirche selbst unterscheidet zwischen mangelndem Verständnis, Zweifel, Unwissenheit und beharrlicher Leugnung.
Und vor allem sagt der kirchenrechtliche Begriff zunächst etwas über das Verhältnis eines Menschen zur Lehre einer bestimmten Kirche aus. Er beantwortet noch nicht die größere Frage nach seinem Verhältnis zu Gott.
Vielleicht sollte ein Templer deshalb vorsichtig sein, Menschen anhand eines dogmatischen Kataloges in Gläubige und Ungläubige einzuteilen. Jesus selbst stellte im Evangelium erstaunlich häufig nicht die Frage nach theologischer Präzision, sondern nach dem Menschen und seinem Handeln. Er sprach von Barmherzigkeit, Vergebung, Nächstenliebe, Gerechtigkeit, Demut und der Liebe zu Gott und zum Mitmenschen.
Damit entsteht eine unbequeme Frage: Was wiegt schwerer – ein Mensch, der jedes Dogma korrekt bekennt, aber ohne Liebe handelt, oder ein Mensch, der an Dogmen zweifelt, aber versucht, nach der Botschaft Jesu zu leben?
Die institutionelle Kirche kann darauf dogmatisch antworten. Der einzelne Templer muss darüber hinaus auch sein Gewissen befragen.
Wir dürfen dabei nicht in den gegenteiligen Fehler verfallen. Es wäre zu einfach zu behaupten, Dogmen seien bedeutungslose Erfindungen späterer Kirchenmänner. Sie sind Ergebnisse jahrhundertelanger theologischer Auseinandersetzungen und Versuche, die christliche Botschaft verbindlich zu verstehen und vor widersprüchlichen Deutungen zu schützen. Gerade die frühen christologischen Dogmen entstanden aus äußerst ernsthaften Fragen: Wer war Jesus? Mensch? Gott? Beides? Wie kann Gott einer und zugleich Vater, Sohn und Heiliger Geist sein?
Doch wir dürfen ebenso fragen, ob ein Glaubenssatz dadurch wahr wird, dass ein Konzil oder ein Papst ihn verbindlich erklärt.
Das ist die Schwelle, an der Glaube und kirchliche Autorität zusammentreffen.
Wer katholisch glaubt, kann sagen: Jesus hat der Kirche die Autorität gegeben, Glaubenswahrheiten verbindlich auszulegen, und der Heilige Geist bewahrt sie dabei vor Irrtum. Wer diese Voraussetzung akzeptiert, kann auch Dogmen anerkennen, deren Inhalt sich weder historisch noch naturwissenschaftlich beweisen lässt.
Wer aber gerade diese Voraussetzung nicht teilt, steht vor einer anderen Situation. Für ihn reicht der Satz „Die Kirche hat es dogmatisch definiert“ als Wahrheitsbeweis nicht aus.
Und genau hier befindet sich vermutlich ein großer Teil moderner Christen.
Sie glauben an Gott, aber nicht alles, was Kirchen über Gott sagen.
Sie verehren Jesus, sind aber unsicher über metaphysische Aussagen über seine Natur.
Sie achten Maria, können sich aber eine leibliche Aufnahme in den Himmel nicht vorstellen.
Sie gehören zur katholischen Kirche, bezweifeln aber die päpstliche Unfehlbarkeit.
Sind diese Menschen Häretiker?
Nach streng kirchenrechtlicher Definition kann eine bewusste und beharrliche Leugnung verbindlicher Glaubenswahrheiten tatsächlich Häresie sein.
Aber vielleicht sollten wir eine zweite Frage stellen:
Sind sie deshalb schlechte Christen?
Darauf kann kein Kirchenrechtsparagraph eine vollständige Antwort geben.
Ein moderner Templer sollte deshalb weder die Glaubensüberlieferung verächtlich machen noch seinen Verstand am Eingang der Kirche abgeben. Er darf fragen. Er darf zweifeln. Er darf sich mit der Entstehung der Dogmen beschäftigen. Er darf untersuchen, welche Aussagen auf Jesus selbst zurückgehen, welche aus dem Neuen Testament stammen und welche Jahrhunderte später verbindlich formuliert wurden.
Vielleicht besteht reifer Glaube gerade darin, diese Spannung auszuhalten.
Denn Glaube ist nicht dasselbe wie Wissen.
Und Dogma ist nicht dasselbe wie Beweis.
Der Templer sucht deshalb nicht nach einer möglichst langen Liste dessen, was er glauben muss. Er sucht nach Wahrheit.
Wenn ihn diese Suche manchmal in Konflikt mit einer überlieferten Formel bringt, sollte er nicht leichtfertig rebellieren. Aber ebenso wenig sollte er aus Angst vor dem Wort „Häretiker“ aufhören zu denken.
Ein französischer Konservativer warf, laut Karl Rahner, auf dem Zweiten vatikanischen Konzil sogar den Papst Benedikt Häresie vor, weil er die Hölle leugnete.
Vielleicht brauchen wir heute sogar wieder etwas von jenem Mut, den viele große Sucher der Geschichte besaßen: den Mut, eine Frage auszusprechen, obwohl die Antwort noch nicht feststeht.
Denn Gott, wenn er Wahrheit ist, kann durch eine ehrliche Frage nicht bedroht werden.
Und vielleicht ist der gefährlichste Häretiker nicht jener, der zweifelt. Vielleicht ist es jener, der niemals mehr fragt, weil er überzeugt ist, bereits die ganze Wahrheit zu besitzen.

