Treue – Die tragende Säule des Templerweges
Unter den ritterlichen Tugenden gehört die Treue, mittelhochdeutsch triuwe, zu den tragenden Säulen des Templerweges. Sie bedeutet Loyalität, Aufrichtigkeit, Verlässlichkeit und das Einhalten von Versprechen. Für einen Templer ist Treue deshalb weit mehr als persönliche Sympathie oder gefühlsmäßige Verbundenheit. Sie ist eine bewusste Entscheidung: zu sich selbst, zu seinen Überzeugungen, zu seinem Glauben, zu seinen Brüdern und Schwestern und zu übernommenen Verpflichtungen zu stehen – auch dann, wenn dies unbequem wird.
Treue beginnt im Inneren. Wer sich selbst untreu ist, wird auf Dauer auch anderen gegenüber nicht treu sein können. Ein Mensch, der heute das eine vertritt und morgen das Gegenteil, nur weil sich daraus ein Vorteil ergibt, besitzt keine feste Grundlage. Der Templer sollte deshalb zuerst prüfen, woran er wirklich glaubt und wofür er bereit ist einzustehen. Treue verlangt innere Klarheit.
Sich selbst treu bleiben
Sich selbst treu zu sein bedeutet nicht, an jedem einmal gefassten Gedanken starr festzuhalten. Menschen lernen, reifen und können ihre Meinung ändern. Das ist kein Verrat, sondern kann Ausdruck von Erkenntnis sein.
Untreue beginnt dort, wo jemand seine Überzeugungen nicht aus besserem Wissen, sondern aus Bequemlichkeit, Angst oder Eigennutz aufgibt.
Der Templer sollte sich fragen:
Stehe ich auch dann zu meinen Grundsätzen, wenn niemand mir dafür Beifall spendet?
Sage ich meine Meinung auch dann, wenn sie mir Nachteile bringen könnte?
Oder passe ich mich immer jener Seite an, von der ich mir gerade den größten Nutzen verspreche?
Treue zu sich selbst bedeutet, einen inneren Kern zu besitzen, der nicht bei jeder äußeren Veränderung verschwindet.
Treue zum Glauben
Für den Templer besitzt Treue auch eine geistige Dimension.
Glaube ist leicht, wenn das Leben unseren Wünschen entspricht. Schwieriger wird er in Zeiten von Krankheit, Verlust, Enttäuschung oder Zweifel.
Gerade dann zeigt sich die Tiefe eines Glaubens.
Treue zu Gott bedeutet nicht, niemals zu zweifeln. Zweifel gehören zum menschlichen Leben. Auch große Glaubende haben gefragt, gerungen und manchmal verzweifelt.
Treue bedeutet vielmehr, den Weg trotz solcher Fragen nicht leichtfertig aufzugeben.
Der Templer darf fragen.
Er darf suchen.
Er darf mit seinem Glauben ringen.
Aber er sollte versuchen, aus dieser Auseinandersetzung tiefer hervorzugehen.
Ein Glaube, der niemals geprüft wurde, ist vielleicht nur Gewohnheit. Ein Glaube, der Prüfung bestanden hat, kann zur inneren Kraft werden.
Treue zum gegebenen Wort
Ein zentraler Ausdruck der Treue ist das Versprechen.
Wer etwas zusagt, übernimmt Verantwortung.
Deshalb sollte ein Templer mit Versprechen vorsichtig umgehen. Er sollte nicht leichtfertig Ja sagen, nur um einen guten Eindruck zu machen.
Aber wenn er sein Wort gibt, sollte es Gewicht besitzen.
Das gilt in Freundschaften.
In der Familie.
Im Beruf.
Im Orden.
Und in Verträgen.
Ein treuer Mensch bemüht sich, Zusagen einzuhalten. Wenn dies unverschuldet unmöglich wird, verschwindet er nicht, sondern informiert den anderen und sucht nach einer Lösung.
Treue bedeutet nicht, niemals zu scheitern.
Sie bedeutet, Verantwortung für das eigene Wort zu übernehmen.
Gegenseitige Hilfsverpflichtung
Zur ritterlichen Treue gehört auch die Bereitschaft, einander beizustehen.
Ein Orden ist keine lose Ansammlung von Menschen, die denselben Namen tragen. Eine echte Gemeinschaft zeigt sich darin, ob ihre Mitglieder füreinander Verantwortung empfinden.
Wenn ein Bruder oder eine Schwester in Not gerät, sollte man nicht sofort fragen:
„Was bekomme ich dafür?“
Sondern:
„Was kann ich tun?“
Das bedeutet nicht, jeden Menschen aus jeder Schwierigkeit retten zu müssen. Auch Hilfe braucht Maß und Vernunft.
Aber die grundsätzliche Haltung sollte lauten:
Du bist nicht allein.
Gerade in schweren Zeiten zeigt sich, ob Gemeinschaft nur ein schönes Wort oder gelebte Wirklichkeit ist.
Treue gegenüber der Gemeinschaft
Wer einem Orden beitritt, übernimmt nicht nur Rechte, sondern auch Pflichten.
Treue zur Gemeinschaft bedeutet, ihre Grundsätze zu achten, ihre Interessen nicht aus Eigennutz zu beschädigen und vertrauliche Dinge nicht leichtfertig nach außen zu tragen.
Doch auch hier darf Treue niemals zu blindem Gehorsam werden.
Ein Templer muss zwischen Loyalität und Unterwerfung unterscheiden.
Eine Gemeinschaft kann irren.
Ein Vorgesetzter kann irren.
Auch eine Mehrheitsentscheidung kann falsch sein.
Wahre Treue bedeutet deshalb nicht, jedes Verhalten kritiklos mitzutragen.
Manchmal ist gerade der offene Widerspruch ein Zeichen tiefer Loyalität.
Wer schweigt, obwohl er erkennt, dass eine Gemeinschaft Schaden nimmt, handelt nicht unbedingt treu.
Ein wahrer Bruder sagt auch unbequeme Dinge, wenn sie notwendig sind.
Treue gegenüber Vorgesetzten
Auch gegenüber einer übergeordneten Instanz verlangt der Templer Loyalität.
Eine Hierarchie kann nur funktionieren, wenn Entscheidungen respektiert werden. Doch dieser Gehorsam besitzt moralische Grenzen.
Kein Templer sollte sich mit dem Satz herausreden:
„Ich habe nur Befehle befolgt.“
Verantwortung bleibt persönlich.
Ein Befehl, der eindeutig gegen Recht, Gewissen oder die Grundwerte des Ordens verstößt, darf nicht allein deshalb ausgeführt werden, weil er von oben kommt.
Der treue Templer dient seiner Führung.
Aber er dient nicht ihrer Willkür.
Treue in Freundschaft
Freundschaft ist vielleicht einer der Bereiche, in denen Treue besonders sichtbar wird.
Viele Menschen sind Freunde, solange alles angenehm ist.
Solange man gemeinsam lachen kann.
Solange kein Konflikt entsteht.
Solange der andere nützlich oder erfolgreich ist.
Doch wahre Freundschaft zeigt sich meist erst in schwierigen Zeiten.
Wenn jemand krank wird.
Wenn er scheitert.
Wenn er an Ansehen verliert.
Wenn er Hilfe braucht.
Dann trennt sich Nähe von echter Treue.
Der Templer sollte versuchen, nicht nur ein Freund der guten Tage zu sein.
Treue in der Partnerschaft
Auch in einer Partnerschaft besitzt Treue eine besondere Bedeutung.
Sie besteht nicht nur in körperlicher Treue. Sie umfasst auch Ehrlichkeit, Respekt, Verlässlichkeit und die Bereitschaft, Schwierigkeiten gemeinsam zu tragen.
Untreue beginnt oft lange vor einem offensichtlichen Bruch.
Sie kann beginnen, wenn Vertrauen bewusst missbraucht wird.
Wenn Geheimnisse entstehen.
Wenn der andere selbstverständlich geworden ist.
Wenn man sich innerlich bereits verabschiedet, aber nach außen noch den Schein wahrt.
Treue verlangt daher Aufmerksamkeit.
Eine Beziehung bleibt nicht stark, weil man sich irgendwann einmal etwas versprochen hat.
Sie bleibt stark, weil dieses Versprechen im Alltag immer wieder neu gelebt wird.
Treue ist keine Abhängigkeit
Ein wichtiger Punkt darf nicht übersehen werden.
Treue bedeutet nicht, sich misshandeln oder dauerhaft ausnutzen zu lassen.
Ein Mensch kann einem anderen vergeben und trotzdem eine Beziehung beenden.
Er kann einem Bruder wünschen, dass er seinen Weg findet, und dennoch Abstand nehmen.
Er kann einer Gemeinschaft lange treu gewesen sein und trotzdem erkennen, dass er einen falschen Weg nicht weiter mitgehen kann.
Treue darf niemals zur Rechtfertigung von Selbstaufgabe werden.
Wahre Treue braucht Freiheit.
Nur wer frei ist zu gehen, kann wirklich frei entscheiden zu bleiben.
Das Laster der Untreue
Der Gegenpol zur Treue ist die Untreue, mittelhochdeutsch untriuwe. Im weiteren Sinn können auch Zweifel und mangelnde Verlässlichkeit dazugehören, wobei Zweifel für sich genommen keineswegs moralisch verwerflich sind.
Untreue zeigt sich dort, wo Vertrauen bewusst gebrochen wird.
Wo ein Versprechen nichts mehr gilt.
Wo ein Mensch heute Nähe zeigt und morgen aus Vorteilssuche die Seite wechselt.
Wo vertrauliche Informationen weitergegeben werden.
Wo man einen Freund fallen lässt, sobald er keinen Nutzen mehr bringt.
Das Schlimme an der Untreue ist nicht nur die einzelne Handlung.
Sie zerstört die Grundlage, auf der menschliches Zusammenleben beruht:
Vertrauen.
Eifersucht, Missgunst und Neid
Auch Eifersucht, Missgunst und Neid können Beziehungen zerstören.
Sie entstehen oft aus innerer Unsicherheit.
Der Neidische kann sich über den Erfolg eines anderen nicht freuen, weil er ihn als eigenen Verlust empfindet.
Der Missgünstige möchte lieber sehen, dass ein anderer scheitert, als dass dieser weiterkommt.
Der Eifersüchtige glaubt, Besitzansprüche auf Nähe oder Aufmerksamkeit zu haben.
Alle drei Haltungen gefährden Treue.
Denn Treue bedeutet auch, dem anderen sein Glück zu gönnen.
Ein wahrer Bruder freut sich, wenn ein Bruder wächst.
Eine wahre Schwester freut sich über die Anerkennung einer anderen Schwester.
Wer nur dann loyal ist, solange niemand neben ihm größer erscheint, war niemals wirklich loyal.
Treue und Neid vertragen sich nicht
Gerade in hierarchischen Gemeinschaften kann Neid gefährlich werden.
Ein anderer erhält eine Aufgabe.
Eine Auszeichnung.
Einen Rang.
Anerkennung.
Und sofort beginnt das innere Rechnen:
Warum er?
Warum nicht ich?
Hier zeigt sich Charakter.
Ein Templer sollte sich fragen, ob er die Größe besitzt, einem anderen Erfolg zu gönnen.
Vielleicht ist der andere tatsächlich besser geeignet.
Vielleicht ist seine Zeit gerade gekommen.
Vielleicht liegt meine eigene Aufgabe an anderer Stelle.
Treue zur Gemeinschaft bedeutet auch, das Ganze wichtiger zu nehmen als die eigene Stellung.
Blindes Vertrauen – mit Vernunft
Man sagt manchmal, man müsse sich „blind aufeinander verlassen können“.
Ich verstehe, was damit gemeint ist: Ein Bruder sollte nicht ständig prüfen müssen, ob der andere sein Wort hält.
Doch vollständige Blindheit ist keine Tugend.
Vertrauen sollte tief sein, aber nicht gedankenlos.
Ein Templer darf prüfen.
Er darf Fragen stellen.
Er darf beobachten.
Vertrauen wächst durch Erfahrung.
Treue macht Vertrauen möglich, aber Vernunft schützt Vertrauen vor Missbrauch.
Der Idealzustand ist daher nicht Blindheit, sondern eine so oft bewiesene Verlässlichkeit, dass Zweifel kaum noch nötig erscheinen.
Treue zeigt sich, wenn es etwas kostet
Solange Treue bequem ist, besitzt sie wenig Aussagekraft.
Die eigentliche Prüfung beginnt, wenn sie einen Preis fordert.
Vielleicht verliere ich eine Gelegenheit.
Vielleicht muss ich auf einen Vorteil verzichten.
Vielleicht muss ich einem Freund beistehen, obwohl es mich Zeit kostet.
Vielleicht muss ich eine unangenehme Wahrheit sagen.
Vielleicht muss ich eine Entscheidung verteidigen, die unpopulär ist.
Hier zeigt sich, ob Treue nur ein Wort oder eine Haltung ist.
Der Unterschied zwischen Treue und Starrsinn
Auch Treue braucht Maß.
Wer an jeder einmal getroffenen Entscheidung festhält, obwohl sie offensichtlich falsch ist, ist nicht treu, sondern starrsinnig.
Ein Templer sollte bereit sein, neue Tatsachen anzuerkennen.
Er darf seine Meinung ändern.
Er darf einen Irrtum eingestehen.
Aber er sollte erklären können, warum.
Treue bezieht sich nicht auf jede einzelne Meinung.
Sie bezieht sich auf tiefere Grundsätze.
Wahrhaftigkeit.
Gerechtigkeit.
Verantwortung.
Glaube.
Menschlichkeit.
Diese Grundlagen sollten nicht bei jeder Gelegenheit verkauft werden.
Treue und Vergebung
Wo Menschen zusammenleben, wird es Verletzungen geben.
Auch treue Menschen machen Fehler.
Deshalb braucht Treue Vergebung.
Nicht jede Enttäuschung muss sofort zum endgültigen Bruch führen.
Ein Templer sollte bereit sein, eine zweite Chance zu geben, wenn echte Einsicht vorhanden ist.
Manchmal auch eine dritte.
Doch Vergebung setzt nicht voraus, immer wieder dasselbe Verhalten hinzunehmen.
Wenn Vertrauen dauerhaft missbraucht wird, darf man Konsequenzen ziehen.
Treue darf barmherzig sein.
Aber sie muss nicht blind sein.
Der treue Templer
Wie erkennt man einen treuen Templer?
Nicht an großen Beteuerungen.
Nicht daran, wie oft er von Loyalität spricht.
Sondern daran, wie er sich verhält, wenn niemand ihn dazu zwingt.
Hält er sein Wort?
Bleibt er in schwierigen Zeiten?
Spricht er ehrlich?
Bewahrt er Vertrauliches?
Unterstützt er andere auch dann, wenn es ihm nichts bringt?
Kann er sich über den Erfolg eines Bruders freuen?
Steht er zu seiner Überzeugung, wenn Gegenwind kommt?
Das sind die Prüfsteine der Treue.
Die tägliche Frage
Ein Templer könnte sich regelmäßig fragen:
Wem gegenüber habe ich heute Treue bewiesen?
Habe ich ein Versprechen gehalten?
Habe ich schlecht über jemanden gesprochen, dem ich eigentlich Loyalität schulde?
War ich neidisch auf den Erfolg eines anderen?
Habe ich mich aus Angst angepasst?
Habe ich einem Menschen geholfen, der auf mich vertraut?
Und habe ich vielleicht dort zu lange festgehalten, wo ein ehrlicher Neuanfang notwendig gewesen wäre?
Solche Fragen sind unbequem.
Aber Treue ist keine bequeme Tugend.
Treue ist ein Fundament
Am Ende ist Treue vielleicht die Tugend, die alle Gemeinschaft überhaupt erst möglich macht.
Ohne Treue gibt es kein tiefes Vertrauen.
Ohne Vertrauen gibt es keine echte Gemeinschaft.
Ohne Gemeinschaft gibt es keinen Orden.
Ein Templer sollte deshalb versuchen, ein Mensch zu sein, auf den andere bauen können.
Nicht unfehlbar.
Nicht ohne Zweifel.
Nicht ohne Fehler.
Aber aufrichtig und verlässlich.
Treue bedeutet nicht, niemals zu fallen. Sie bedeutet, nicht beim ersten Gegenwind davonzulaufen.
Sie bedeutet, sich selbst treu zu bleiben, um anderen treu sein zu können.
Sie bedeutet, den Glauben nicht nach Bequemlichkeit zu wechseln.
Sie bedeutet, das gegebene Wort ernst zu nehmen.
Und sie bedeutet, dem anderen nicht nur in guten Tagen zur Seite zu stehen.
Vielleicht lässt sich diese Tugend deshalb in einem einfachen Satz zusammenfassen:
Ein Templer soll so leben, dass sein Wort Vertrauen schafft und seine Treue auch dann Bestand hat, wenn sie etwas kostet.

