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Ukraine zwischen Gegenwart und Vergangenheit

Heute stehen wir – mit gutem Grund – auf der Seite der Ukraine, die von Russland brutal überfallen wurde. Die Ukraine verteidigt nicht nur ihre staatliche Souveränität, sondern auch die Werte von Freiheit und Selbstbestimmung. Russland seinerseits begründet den Krieg unter anderem mit dem Wunsch nach einem „Puffer“ zur NATO – ein Sicherheitsdenken, das sich auch in anderen Regionen der Welt findet. So schützt Nordkorea in gewisser Weise China und Russland vor amerikanischem Einfluss, ähnlich wie es Moskau für sich selbst gegenüber der NATO beansprucht.

Doch wenn wir in die Geschichte zurückblicken, begegnet uns eine andere Ukraine – eine, die durch den Zweiten Weltkrieg und die Schrecken des Holocaust auf ihrem Gebiet zutiefst belastet ist.

Holocaust in der Ukraine

Während der deutschen Besatzung in den Jahren 1941–1944 wurden in der Ukraine rund 1,4 bis 1,6 Millionen Jüdinnen und Juden ermordet. Der Großteil dieser Verbrechen geschah als sogenannter „Holocaust durch Kugeln“ – Massenerschießungen vor Ort, durchgeführt von Einsatzgruppen, SS, unter Mitwirkung lokaler Hilfspolizisten.

Diese Hilfskräfte hatten unterschiedliche Aufgaben:

  • Zusammentreiben der jüdischen Bevölkerung,

  • Organisation der Transporte,

  • Ausheben von Massengräbern,

  • und auch die direkte Beteiligung an den Erschießungen.

Forschung und Fallstudien zeigen, dass lokale Hilfspolizei in zahlreichen Orten eine zentrale Rolle spielte. In kleineren Gemeinden übernahmen sie die Tötungen selbstständig.

Exemplarische Tatorte

  • Babyn Jar (Kyiv), 29.–30. September 1941:
    Innerhalb von zwei Tagen wurden 33.771 Juden erschossen. Die Aktion wurde von deutschen Polizeieinheiten verübt, unterstützt durch lokale Hilfskräfte. Bis 1943 blieb Babyn Jar ein zentraler Hinrichtungsplatz.

  • Kamjanez-Podilskyj, 26.–28. August 1941:
    Hier wurden 23.600 Juden von Einsatzgruppen und zugeordneten Polizeieinheiten ermordet – eine der ersten großangelegten Massenaktionen der „Endlösung“ im Gebiet.

  • Lwiw/Lemberg, Juni–Juli 1941:
    Nach dem deutschen Einmarsch kam es zu Pogromen und Folgemorden, bei denen auch ukrainische Milizen und Hilfspolizisten beteiligt waren. Die Opferzahlen variieren je nach Quelle, bewegen sich jedoch im mehrtausendfachen Bereich.

Gegenwart im Lichte der Geschichte

Diese Vergangenheit darf nicht verschwiegen oder relativiert werden. Sie zeigt die Tragik der Ukraine als Schauplatz des Holocaust und die Rolle, die lokale Kollaborateure dabei spielten.

Doch ebenso klar ist: Die Ukraine von heute ist nicht die Ukraine von damals. Die Generationen haben gewechselt, das Land ist demokratisch geprägt und hat sich nach der Unabhängigkeit 1991 auf einen eigenen Weg gemacht – mit dem Wunsch nach Freiheit, Sicherheit und europäischer Zukunft.

So stehen wir heute in Solidarität mit der Ukraine, wohl wissend, dass Geschichte immer komplex ist und auch dunkle Kapitel enthält. Die Erinnerung an die Opfer des Holocaust bleibt untrennbar mit der Ukraine verbunden – und ist zugleich eine Mahnung, dass Völker, die einst Schauplätze von Hass und Vernichtung waren, heute selbst zu Opfern von Aggression und Gewalt geworden sind.

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