Wenn aus Trauer Verherrlichung wird – die Kirche und das Erbe Ratko Mladićs
Der Tod eines Menschen beendet sein irdisches Leben. Er beendet jedoch nicht die Verantwortung für seine Taten. Und ein kirchliches Begräbnis darf nicht dazu dienen, diese Verantwortung unter Weihrauch, Gebeten und nationalen Fahnen verschwinden zu lassen.
Ratko Mladić starb am 27. August 2026 im Alter von 84 Jahren in einem Gefängniskrankenhaus in Den Haag. Dort verbüßte er eine lebenslange Freiheitsstrafe. Internationale Richter hatten ihn wegen Völkermordes, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen verurteilt. Zu seinen schwersten Verbrechen gehörten seine Verantwortung für das Massaker von Srebrenica sowie für die jahrelange Belagerung Sarajevos. In Srebrenica wurden im Juli 1995 mehr als 8.000 bosniakische Männer und Jungen ermordet.
Am 7. September wurde Mladić in Belgrad unter großer öffentlicher Anteilnahme und mit militärischen Ehren beigesetzt. Der Gottesdienst wurde vom serbisch-orthodoxen Patriarchen Porfirije geleitet. Regierungsvertreter und kirchliche Würdenträger nahmen daran teil; Tausende Menschen erwiesen dem Verstorbenen die letzte Ehre.
Das Gebet für einen Verstorbenen ist christlich. Die Verherrlichung eines verurteilten Kriegsverbrechers ist es nicht.
Das Gebet kennt keine hoffnungslosen Menschen
Eine christliche Kirche darf für jeden Menschen beten – auch für einen Mörder, einen Gewaltherrscher oder einen Kriegsverbrecher. Denn die Kirche verkündet, dass kein Mensch außerhalb der Reichweite der göttlichen Barmherzigkeit steht. Das letzte Urteil über eine Seele liegt tatsächlich bei Gott.
Doch daraus folgt keineswegs, dass die Kirche über die nachgewiesenen Taten eines Menschen schweigen oder ihn zum Vorbild erklären dürfte. Zwischen einem Gebet um Erbarmen und einer öffentlichen Ehrung besteht ein gewaltiger Unterschied.
Man kann beten:
Herr, erbarme Dich seiner Seele und aller Seelen, die durch seine Befehle ihr Leben verloren haben.
Man darf aber nicht so sprechen, als sei der Verstorbene lediglich ein aufopferungsvoller Führer gewesen, der für die Freiheit seines Volkes gekämpft habe. Eine solche Darstellung löst den Menschen von seinen Taten und stellt die nationale Erinnerung über die historische Wahrheit.
Patriarch Porfirije erklärte, Mladić werde vielen orthodoxen Serben als ein Befehlshaber in Erinnerung bleiben, dem sie Dankbarkeit entgegenbrächten. Zugleich betete er für alle Menschen, deren Leben in jener schrecklichen Zeit ausgelöscht wurde. Gerade diese Verbindung ist jedoch problematisch: Die Opfer werden allgemein und namenlos erwähnt, während der Verurteilte mit Rang, Würde und persönlicher Anerkennung bedacht wird.
Die Würde des Toten löscht die Würde der Opfer nicht aus
Auch ein Schuldiger besitzt Menschenwürde. Sie darf ihm weder im Leben noch im Tod genommen werden. Aber dieselbe Würde besitzen auch jene, die ermordet, vertrieben, gefoltert oder jahrelang beschossen wurden.
In Srebrenica wurden nicht einfach Menschen „vom Krieg hinweggerafft“. Männer und Jungen wurden systematisch von ihren Familien getrennt, ermordet und in Massengräbern verscharrt. In Sarajevo lebten Zivilisten jahrelang unter Granaten- und Scharfschützenbeschuss. Hinter den Zahlen stehen Mütter, Ehefrauen, Kinder und Eltern, die bis heute mit dem Verlust leben müssen.
Wer bei einem solchen Begräbnis ausführlich von Opferbereitschaft, Führung und nationaler Freiheit spricht, müsste daher ebenso deutlich sagen, worin die Schuld bestand. Andernfalls entsteht ein falsches Bild: Der Täter erhält Namen, Rang und Heldenerzählung; die Ermordeten bleiben eine anonyme Begleiterscheinung des Krieges.
Christliche Versöhnung beginnt aber nicht mit dem Verschweigen der Schuld. Sie beginnt mit ihrem Bekenntnis.
Ein General ist nicht nur für seine Absichten verantwortlich
Mladić wird von seinen Anhängern bis heute als Verteidiger des serbischen Volkes dargestellt. Doch selbst wenn ein Befehlshaber behauptet, sein Volk schützen zu wollen, rechtfertigt dies keine Massentötungen, Vertreibungen und Angriffe auf Zivilisten.
Ein Soldat – und erst recht ein General – trägt Verantwortung für die Mittel, die er einsetzt. Das Ziel der nationalen Freiheit heiligt nicht jedes Mittel. Kein Volk wird dadurch geehrt, dass man Verbrechen, die in seinem Namen begangen wurden, leugnet oder beschönigt.
Wahre Vaterlandsliebe besteht nicht darin, jeden eigenen Befehlshaber zum Helden zu erklären. Sie zeigt sich in der Kraft, auch die Schuld der eigenen Seite anzuerkennen. Ein Volk verliert seine Würde nicht durch ein ehrliches Schuldbekenntnis. Es gewinnt dadurch moralische Größe.
Die Kirche darf nicht zur Dienerin des Nationalismus werden
Kirchen geraten immer wieder in die Versuchung, sich mit nationaler Macht zu verbinden. Das Kreuz wird dann neben Fahnen, Uniformen und militärischen Ehren aufgestellt. Aus dem Glauben an Christus entsteht eine religiöse Bestätigung der eigenen Volksgemeinschaft.
Doch Christus gehört keinem Volk allein.
Eine Kirche, die einen militärischen Führer hauptsächlich als Verteidiger der eigenen Nation würdigt, muss sich fragen lassen, welchen Platz die Opfer anderer Religionen und Volksgruppen in ihrer Verkündigung besitzen. Sind auch die muslimischen Mütter von Srebrenica Kinder Gottes? Sind die getöteten bosniakischen Jungen unsere Brüder? Gehören die serbischen, kroatischen und bosniakischen Zivilisten, die während dieses Krieges litten, zur einen Menschheitsfamilie?
Wenn wir diese Fragen mit Ja beantworten, dürfen wir keine religiöse Sprache verwenden, die den Täter erhöht und die Opfer in den Hintergrund treten lässt.
Ein Patriarch ist nicht nur der geistliche Repräsentant seines Volkes. Er ist Bischof der Kirche Christi. Seine Worte werden deshalb nicht allein als persönliche Trauerrede verstanden, sondern als moralische Orientierung.
Vergebung setzt Wahrheit voraus
Manche werden einwenden, ein Begräbnis sei nicht der Ort für eine Anklage. Das ist richtig. Niemand verlangt, dass ein Priester am offenen Sarg eine Gerichtsrede hält. Doch zwischen einer Anklage und einer Heldenrede liegt ein weiter Raum.
Eine verantwortungsvolle Predigt hätte sagen können:
Ratko Mladić steht nun vor Gott. Wir beten um Erbarmen für seine Seele. Wir verschweigen jedoch nicht die Verbrechen, für die er rechtskräftig verurteilt wurde. Wir gedenken besonders der Ermordeten von Srebrenica, der Opfer von Sarajevo und aller Leidtragenden des Bosnienkrieges. Möge unser Volk den Mut finden, die Wahrheit anzunehmen und gemeinsam mit seinen Nachbarn den Weg der Versöhnung zu gehen.
Das wäre christliche Barmherzigkeit gewesen – ohne Geschichtsfälschung und ohne Hass.
Vergebung bedeutet nicht, dass etwas niemals geschehen sei. Versöhnung bedeutet nicht, dass Täter und Opfer unterschiedslos nebeneinandergestellt werden. Und Barmherzigkeit bedeutet nicht, ein rechtskräftiges Urteil moralisch zu entwerten.
Serbiens Weg nach Europa
Die Beisetzung löste auch eine politische Krise aus. EU-Erweiterungskommissarin Marta Kos sagte einen geplanten Besuch in Serbien ab. Sie erklärte, die Verherrlichung Mladićs sei mit den Werten unvereinbar, auf denen der Weg in die Europäische Union beruhe. Dieser Weg verlange die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, wirkliche Versöhnung und Respekt vor den Opfern von Kriegsverbrechen.
Dabei geht es nicht darum, Serbien von außen eine bestimmte Geschichtsschreibung aufzuzwingen. Jedes europäische Land trägt dunkle Kapitel in seiner Geschichte. Deutschland musste sich mit den Verbrechen des Nationalsozialismus auseinandersetzen. Österreich musste lernen, sich nicht nur als Opfer, sondern auch als mitverantwortlicher Teil des nationalsozialistischen Systems zu betrachten. Andere Länder haben ihre kolonialen Verbrechen, Bürgerkriege und Diktaturen aufzuarbeiten.
Europa kann nicht auf gemeinsamer Verdrängung aufgebaut werden. Es braucht eine gemeinsame Anerkennung der Tatsachen.
Wer Mitglied einer europäischen Wertegemeinschaft werden möchte, muss keine nationale Selbstverachtung betreiben. Er muss jedoch bereit sein, rechtskräftig festgestellte Kriegsverbrechen anzuerkennen und ihre Täter nicht staatlich oder kirchlich zu Helden zu erheben.
Die Haltung eines modernen Templers
Der mittelalterliche Templer trug ein Schwert. Der moderne Templer muss vor allem die Wahrheit tragen.
Unser Schwert ist nicht aus Stahl. Es ist das klare Wort, das zwischen Barmherzigkeit und Verharmlosung, zwischen Vaterlandsliebe und Nationalismus, zwischen Totengebet und Heldenkult unterscheidet.
Wir verweigern keinem Toten das Gebet. Aber wir verweigern auch keinem Opfer die Wahrheit.
Ratko Mladić durfte als Mensch bestattet werden. Seine Angehörigen durften um ihn trauern. Die Kirche durfte für seine Seele beten. Doch weder eine Kirche noch ein Staat durfte aus diesem Begräbnis eine nachträgliche Reinwaschung machen.
Ein christlicher Würdenträger hätte nicht nur von der Opferbereitschaft eines Generals sprechen dürfen. Er hätte auch von dessen Verantwortung sprechen müssen. Er hätte die Ermordeten von Srebrenica beim Namen nennen und ihren Angehörigen öffentlich sein Mitgefühl aussprechen müssen.
Denn vor Gott stehen nicht Nationen mit ihren Fahnen, sondern Menschen mit ihren Taten.
Die Toten von Srebrenica verlangen keine Rache. Sie verlangen Erinnerung. Die Überlebenden verlangen keine Demütigung Serbiens. Sie verlangen die Anerkennung ihres Leidens. Und der Friede auf dem Balkan verlangt keine neuen Heldenlegenden, sondern den Mut zur Wahrheit.
Non nobis, Domine, non nobis, sed nomini tuo da gloriam.
Nicht uns, Herr, nicht uns, sondern Deinem Namen gib Ehre. Kein General, kein Patriarch und keine Nation darf jene Ehre für sich beanspruchen, die allein Gott gebührt.
