Wenn jemand nicht von neuem geboren wird …
Betrachtung eines Bruders des Tempels
Ich schreibe diese Zeilen als ein Bruder des Ordens, gebunden durch Gelübde, Schweigen und Suche. Nicht an die Menge richte ich mich, sondern an jene, die hören können. Denn auch der Herr sprach diese Worte nicht öffentlich:
„Wenn jemand nicht von neuem geboren wird, kann er das Himmelreich nicht sehen.“
Dies war keine Mahnung zu besserem Benehmen. Kein Ruf zu bloßer Frömmigkeit. Es war die Verkündigung eines verborgenen Gesetzes, das älter ist als unsere Chroniken und tiefer reicht als das sichtbare Leben.
Nicht Moral, sondern Gesetz
Viele hören in diesen Worten eine moralische Forderung: Werde besser, reiner, gehorsamer. Doch Moral betrifft das Handeln des alten Menschen. Christus aber sprach vom Ende des Alten selbst.
Neugeboren zu werden heißt nicht, etwas hinzuzufügen – sondern etwas zu verlieren: das alte Selbst, gebunden an Angst, Besitz, Namen und Zeit.
Ein Gesetz ist unerbittlich. Es verhandelt nicht. So wie kein Mensch ohne Atem lebt, so kann keiner ohne diese Neugeburt das Reich Gottes sehen – nicht betreten, nicht begreifen, nicht einmal wahrnehmen.
Warum nicht zur Menge?
Der Herr sprach diese Wahrheit nicht zu den Vielen, denn die Vielen hören mit den Ohren des Körpers. Dieses Wort aber richtet sich an den inneren Menschen.
Wer noch ganz im Äußeren lebt, hört darin nur Rätsel oder Ärgernis. Darum wurde es im Verborgenen gesprochen, wie man Feuer nur dem anvertraut, der gelernt hat, es zu hüten.
Auch in unserem Orden ist nicht jeder gerufen, diesen Weg zu gehen. Schwerter kann man lehren. Sterben muss man selbst.
Die zweite Geburt
Diese Neugeburt geschieht nicht aus Fleisch, nicht aus Blut, nicht aus menschlichem Willen. Sie geschieht im Innersten, dort, wo der Mensch aufhört, sich selbst zu rechtfertigen.
Es ist ein Übergang:
vom Wissen zum Erkennen,
vom Glauben zum Sehen,
vom Ich zum Sein.
Der alte Mensch fragt: Was muss ich tun?
Der neue Mensch fragt nicht mehr – er ist.
Das Himmelreich
Christus sagte nicht: er kann nicht hineingehen, sondern:
„… er kann es nicht sehen.“
Das Reich ist nicht fern. Es ist nicht jenseits der Welt. Es ist gegenwärtig, aber verborgen. Wie Licht für den Blinden oder Klang für den Tauben bleibt es unsichtbar, solange die innere Geburt nicht geschehen ist.
Darum kämpfen wir Templer nicht nur mit Waffen, sondern mit uns selbst. Die wahre Schlacht ist die gegen das falsche Ich. Wer sie nicht führt, mag Kirchen bauen und Gebete sprechen – er bleibt draußen.
Schlusswort
Diese Worte Christi sind kein Trost und keine Drohung. Sie sind Wirklichkeit.
Wer nicht von neuem geboren wird, dem fehlt nicht die Erlaubnis – ihm fehlt das Vermögen zu sehen.
Möge der Leser prüfen, nicht mit dem Verstand allein, sondern mit dem Herzen, das sterben kann. Denn erst wer stirbt, wird geboren.

