Evrard de Barres – Ein Großmeister zwischen Schwert und Schweigen
Ich schreibe diese Zeilen als Bruder des Ordens vom Tempel, um an einen Mann zu erinnern, dessen Weg uns bis heute mahnt und lehrt: Evrard de Barres, Großmeister in einer entscheidenden Zeit – und doch einer, der freiwillig ging.
Evrard entstammte dem mittleren französischen Adel, vermutlich aus der Champagne oder aus Burgund. Er trat früh in unseren Orden ein und bewies rasch jene Eigenschaften, die einen Templer auszeichnen sollten: Pflichtbewusstsein, Tapferkeit und innere Disziplin. Sein Aufstieg war kein Zufall. Zunächst diente er als Provinzmeister von Frankreich, wo er sich sowohl als fähiger Organisator wie auch als erfahrener Krieger erwies. Es ist gut möglich, dass er an Feldzügen gegen die Mauren in Kastilien teilnahm – ein Dienst, der für führende Brüder jener Zeit nicht ungewöhnlich war. Sicher ist: Im Westen genoss er hohes Ansehen.
Ein Höhepunkt seines Wirkens war das große Generalkapitel von Paris im Jahr 1147, das er leitete. Dort verlieh Papst Eugen III. unserem Orden das rote Kreuz für unser Habit. Dieses Zeichen – Symbol des Martyriums und der Bereitschaft, Blut für Christus zu vergießen – wurde fortan unser sichtbares Kennzeichen und zugleich eine schwere Verpflichtung. Wer es trug, wusste, dass er sein Leben nicht mehr sich selbst gehörte.
In enger Zusammenarbeit mit König Ludwig VII. von Frankreich und dem Papst bereitete Evrard den Zweiten Kreuzzug vor. Er begleitete das Heer 1147/48 auf dem Weg ins Heilige Land. Besonders auf dem gefährlichen Marsch durch die kleinasiatischen Gebirge zeigte sich seine militärische Erfahrung. Mehrfach rettete er Männer und Ausrüstung vor dem Untergang. König Ludwig selbst würdigte dies in einem Brief und erkannte offen den Wert der templarischen Führung an.
Im Jahr 1149 wurde Evrard de Barres zum Großmeister des Templerordens gewählt. Noch im selben Jahr begleitete er König Ludwig VII. zurück nach Frankreich. Doch die Ruhe währte nicht lange. Anfang 1152 zwang ihn die Lage zur Rückkehr in den Orient. Nach der schweren Niederlage der Christen vor Antiochia hatte der Orden erhebliche Verluste erlitten – seine Führung wurde dringend gebraucht.
Was dann geschah, unterscheidet Evrard von vielen anderen Großmeistern. Schon bald kehrte er erneut nach Frankreich zurück, legte sein Amt nieder und verließ den Orden. Kein Sturz, kein Streit ist überliefert. Stattdessen zog er sich in das Zisterzienserkloster Clairvaux zurück – jenen Ort, der unter dem geistigen Einfluss Bernhards von Clairvaux stand, des großen Förderers und geistigen Vaters unseres Ordens.
Dort lebte Evrard fortan als einfacher Mönch, fern von Waffen, Macht und Verantwortung. Er tauschte das Schwert gegen das Schweigen, den Befehl gegen das Gebet. Im Jahr 1176 starb er als Zisterzienser. Im Zisterziensermenologium wird er als Seliger geführt.
Für uns Templer bleibt Evrard de Barres eine besondere Gestalt:
ein Großmeister, der das Schwert führte,
das Kreuz trug,
und sich schließlich für den stillen Dienst entschied.
Sein Leben erinnert uns daran, dass der Dienst an Gott viele Formen kennt. Nicht jeder Kampf wird bis zum Ende mit der Waffe geführt. Manche Siege werden im Verzicht, im Gehorsam gegenüber dem eigenen Gewissen und im Loslassen errungen.
Evrard de Barres lehrt uns:
Wahre Ritterlichkeit endet nicht auf dem Schlachtfeld –
sie bewährt sich auch im Schweigen.
