✠✠✠✠✠✠ Logen Blog ✠✠✠✠✠✠

Zwischen Erinnerung und Möglichkeit

Der Templer im Hier und Jetzt

Man lebt nicht wahrhaft in der Gegenwart, indem man die Vergangenheit vergisst. Man lebt im Hier und Jetzt, wenn man aus ihr gelernt hat.

Für einen Templer besitzt die Vergangenheit deshalb eine besondere Bedeutung. Wir tragen ein Kreuz, erinnern an eine jahrhundertealte Tradition und beschäftigen uns mit Menschen, die lange vor uns gelebt, gekämpft, geglaubt, gehofft und oftmals auch geirrt haben. Doch Tradition darf niemals bedeuten, dass wir die Vergangenheit einfach kopieren. Der Templer des 21. Jahrhunderts lebt nicht im Mittelalter. Er muss keine Pilgerstraße mit dem Schwert bewachen und keine Burg gegen einen Angreifer verteidigen. Seine Welt ist eine andere. Geblieben sind jedoch jene grundlegenden Fragen, mit denen sich Menschen zu allen Zeiten auseinandersetzen mussten: Was ist richtig? Wofür übernehme ich Verantwortung? Wem kann ich vertrauen? Welchen Werten möchte ich treu bleiben? Und welchen Menschen möchte ich aus mir selbst machen?

Gerade darin liegt die Bedeutung der Geschichte. Sie ist kein Museum, in dem wir ehrfürchtig vor alten Gegenständen stehen. Sie ist ein gewaltiges Erfahrungsarchiv der Menschheit. Generationen vor uns haben Entscheidungen getroffen und deren Folgen erlebt. Reiche sind entstanden und untergegangen, Gesellschaften haben Wohlstand geschaffen und wieder verloren, Menschen haben Frieden aufgebaut und Kriege begonnen. Immer wieder begegnen uns Mut und Feigheit, Treue und Verrat, Weisheit und Torheit, Nächstenliebe und Machtgier. Wer daraus nichts lernen möchte, muss viele Erfahrungen erneut und oft schmerzhaft machen.

Ein Templer versucht deshalb, aus der Vergangenheit das zu bewahren, was sich als wertvoll erwiesen hat. Nicht jede alte Vorstellung ist allein deshalb richtig, weil sie alt ist. Ebenso wenig ist jede neue Vorstellung automatisch besser, nur weil sie modern erscheint. Entscheidend ist die Prüfung. Welche Werte haben Menschen über Generationen hinweg getragen? Welche Grundsätze schaffen Vertrauen? Welche Haltungen stärken Gemeinschaften? Was hilft dem Menschen, verantwortungsvoller, freier und menschlicher zu werden? Was diese Prüfung besteht, darf zu einer Wurzel werden, aus der Neues wachsen kann.

Wurzeln sind keine Ketten

Ein Baum ohne Wurzeln wird vom ersten stärkeren Sturm entwurzelt. Doch ein Baum, der nur aus Wurzeln bestünde und keine neuen Zweige hervorbrächte, wäre ebenso wenig lebendig. Dieses Bild beschreibt sehr gut das Verhältnis des Templers zu Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Unsere Wurzeln geben uns Halt. Sie sagen uns, woher wir kommen, welche Werte uns geprägt haben und welche Erfahrungen wir nicht vergessen sollten. Aber sie dürfen uns nicht daran hindern, uns weiterzuentwickeln.

Tradition ist deshalb nicht die Verpflichtung, gestern zu wiederholen. Wahre Tradition besteht darin, den geistigen Kern einer Überlieferung zu erkennen und ihn unter veränderten Bedingungen neu zum Leben zu erwecken. Ein mittelalterlicher Ritter bewies seinen Mut vielleicht auf einem Schlachtfeld. Der heutige Mensch braucht manchmal ebenso viel Mut, um gegen eine Mehrheit eine unbequeme Wahrheit auszusprechen, einen Fehler einzugestehen, einem Schwächeren beizustehen oder eine Entscheidung zu treffen, die zwar richtig, aber persönlich nachteilig ist. Die äußeren Situationen verändern sich. Die Tugenden dahinter bleiben erstaunlich ähnlich.

Deshalb sollten wir auch unsere eigene Vergangenheit nicht als Gefängnis betrachten. Jeder von uns trägt Erinnerungen mit sich. Gute und schlechte Entscheidungen, Erfolge, Enttäuschungen, Menschen, denen wir begegnet sind, Gelegenheiten, die wir genutzt oder versäumt haben. Wir können daran nichts mehr ändern. Doch wir können entscheiden, welche Bedeutung wir diesen Erfahrungen heute geben. Eine Niederlage kann uns verbittert machen oder lehren. Eine Enttäuschung kann unser Vertrauen zerstören oder unsere Menschenkenntnis vertiefen. Ein Fehler kann zur lebenslangen Last werden oder zu einem Wegweiser, der verhindert, dass wir ihn erneut begehen.

Die Vergangenheit ist unveränderlich. Unsere Beziehung zu ihr ist es nicht.

Die Zukunft ist kein geschriebenes Buch

Ebenso wichtig ist eine zweite Erkenntnis: Die Zukunft steht nicht bereits vollständig fest. Kein Mensch kennt alle Ereignisse, Begegnungen und Entscheidungen, die ihm noch bevorstehen. Gerade deshalb besitzt die Gegenwart eine so große Bedeutung. In ihr treffen wir jene Entscheidungen, aus denen unsere Zukunft entsteht.

Viele Menschen leben jedoch geistig entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Die einen denken ständig darüber nach, was gewesen ist. Die anderen warten auf einen späteren Zeitpunkt: Wenn ich mehr Geld habe. Wenn ich weniger Arbeit habe. Wenn die Kinder größer sind. Wenn ich pensioniert bin. Wenn sich die politischen Verhältnisse ändern. Wenn endlich die richtige Gelegenheit kommt. Auf diese Weise kann ein ganzes Leben vergehen, während man auf den Augenblick wartet, in dem das eigentliche Leben beginnen soll.

Der Templerweg erinnert uns daran, dass wir nur an einem einzigen Ort handeln können: hier und jetzt. Gestern können wir nichts mehr verändern. Morgen können wir noch nichts tun. Aber heute können wir einen Menschen anrufen, dem wir lange nicht geschrieben haben. Heute können wir eine falsche Entscheidung korrigieren. Heute können wir lernen, vergeben, helfen, beten, arbeiten oder den ersten Schritt zu etwas Neuem unternehmen.

Damit wird die Zukunft zu einem offenen Horizont. Freiheit bedeutet dabei nicht, ohne jede Bindung zu leben. Wahre Freiheit bedeutet, bewusst wählen zu können, welchen Werten wir folgen und welchen Menschen wir aus uns machen wollen. Der Templer versteht Freiheit deshalb immer gemeinsam mit Verantwortung. Wer nur seine Möglichkeiten sieht, aber nicht die Folgen seines Handelns, verwechselt Freiheit mit Beliebigkeit.

Zwischen Bewahren und Erneuern

Gerade unsere heutige Zeit stellt uns vor diese Aufgabe. Technischer Fortschritt verändert innerhalb weniger Jahre Bereiche, die über Generationen nahezu unverändert geblieben waren. Digitalisierung, künstliche Intelligenz, weltweite Kommunikation und neue gesellschaftliche Entwicklungen eröffnen ungeahnte Möglichkeiten. Manche Menschen reagieren darauf mit Begeisterung, andere mit Angst. Der Templer sollte weder das Neue grundsätzlich ablehnen noch ihm blind folgen.

Unsere Aufgabe lautet vielmehr: prüfen, unterscheiden und verantwortlich entscheiden.

Auch ein Orden, der sich auf eine jahrhundertealte Tradition beruft, darf moderne Möglichkeiten nutzen. Ein Lehrbrief, der früher mit der Post versandt wurde, kann heute innerhalb von Sekunden ein Mitglied auf einem anderen Kontinent erreichen. Menschen, die früher aufgrund großer Entfernungen niemals miteinander gesprochen hätten, können heute gemeinsam lernen. Alte Schriften können digital bewahrt und einer neuen Generation zugänglich gemacht werden. Technik kann Wissen verbreiten und Gemeinschaft ermöglichen.

Doch Technik beantwortet uns nicht die entscheidenden Fragen des Lebens. Kein Computer kann uns die Verantwortung für unsere Entscheidungen abnehmen. Kein Algorithmus kann festlegen, was unserem Leben Sinn gibt. Je größer die technischen Möglichkeiten des Menschen werden, desto wichtiger wird daher seine geistige und ethische Entwicklung. Denn ein mächtiges Werkzeug in den Händen eines verantwortungslosen Menschen bleibt gefährlich.

Vielleicht brauchen wir deshalb gerade in einer Zeit rasanten Fortschritts besonders starke Wurzeln.

Das Erbe auswählen

Dabei dürfen wir uns allerdings nicht der Illusion hingeben, alles Überlieferte bewahren zu müssen. Geschichte enthält nicht nur Weisheit. Sie enthält ebenso Irrtümer, Vorurteile und Grausamkeiten. Ein geistiger Weg verlangt deshalb Unterscheidungsvermögen.

Wir übernehmen von unseren Vorfahren nicht alles. Wir suchen nach dem, was wesentlich und wahrhaftig geblieben ist. Mut. Treue. Verantwortung. Mitgefühl. Wahrhaftigkeit. Selbstbeherrschung. Dienstbereitschaft. Die Achtung vor der Würde des Menschen. Die Bereitschaft, das eigene Denken immer wieder zu prüfen.

Diese Tugenden benötigen keine mittelalterliche Kulisse. Sie können in einem Büro ebenso gelebt werden wie in einer Familie, in einer Komturei, in einem Krankenhaus, in einem Unternehmen oder in einer Begegnung zwischen zwei Menschen.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Templers: das Zeitlose vom Zeitbedingten zu unterscheiden.

Das Schwert gehörte zu einer bestimmten Epoche. Mut gehört zu allen Zeiten. Die Burg war eine historische Form des Schutzes. Verantwortung für Schwächere bleibt. Der mittelalterliche Ordensmantel war ein äußeres Zeichen. Die Verpflichtung, nach bestimmten Werten zu leben, ist sein innerer Sinn.

Wer nur die äußeren Formen bewahrt, besitzt irgendwann ein Museum. Wer den inneren Sinn bewahrt und immer wieder neu verwirklicht, besitzt eine lebendige Tradition.

Der Mensch als Baumeister seiner Zukunft

So stehen wir zwischen zwei großen Räumen. Hinter uns liegt die Erinnerung. Vor uns liegt die Möglichkeit. Und wir selbst stehen dazwischen.

Wir sind Erben und Baumeister zugleich.

Wir haben uns nicht ausgesucht, in welche Familie, welches Land oder welche Zeit wir geboren wurden. Viele Voraussetzungen unseres Lebens wurden uns gegeben. Doch innerhalb dieser Bedingungen besitzen wir einen bemerkenswerten Handlungsspielraum. Jeden Tag treffen wir Entscheidungen, und jede Entscheidung legt einen weiteren Stein in jenes Bauwerk, das wir unser Leben nennen.

Der Templer kennt das Bild des Tempelbaus. Doch der wichtigste Tempel, an dem wir arbeiten, besteht nicht aus Stein. Es ist der Mensch selbst. Gedanken, Gewohnheiten, Entscheidungen und Handlungen werden zu seinem Baumaterial. Manche Steine müssen neu gesetzt werden. Andere müssen entfernt werden. Manche Mauern, die wir über Jahre um uns herum errichtet haben, müssen vielleicht sogar niedergerissen werden, damit wieder Licht hineinfallen kann.

Niemand kann dieses Werk für uns übernehmen.

Andere Menschen können uns lehren. Sie können uns unterstützen, warnen und ermutigen. Bücher können Erkenntnisse vermitteln. Ein Orden kann einen Weg zeigen. Doch gehen muss jeder Mensch selbst.

Die Freiheit zwischen Erinnerung und Möglichkeit

Darin liegt der wahre Reichtum unseres Lebens. Wir sind nicht dazu verdammt, die Fehler der Vergangenheit endlos zu wiederholen. Ebenso wenig müssen wir alles zerstören, was frühere Generationen geschaffen haben, um uns für modern zu halten.

Wir dürfen auswählen.

Wir dürfen bewahren, was trägt.

Wir dürfen verändern, was nicht mehr trägt.

Und wir dürfen etwas schaffen, das vor uns noch nicht existiert hat.

Bewusst zu leben bedeutet deshalb, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart miteinander zu verbinden. Wir nehmen die Erfahrungen der Menschen vor uns ernst, ohne ihre Gefangenen zu werden. Wir betrachten die Möglichkeiten der Zukunft mit Offenheit, ohne unsere Werte dafür preiszugeben.

Vielleicht ist genau dies die Haltung eines Templers im 21. Jahrhundert: mit festen Wurzeln und offenem Blick zu leben.

Die Vergangenheit gibt uns Weisheit. Die Gegenwart gibt uns die Möglichkeit zu handeln. Die Zukunft gibt uns den Raum, etwas daraus zu machen.

Und jeden Morgen erhalten wir erneut die Gelegenheit, zwischen diesen drei Dimensionen eine Entscheidung zu treffen.

Nicht darüber, was gestern geschehen ist.

Nicht darüber, was morgen geschehen wird.

Sondern darüber, wer wir heute sein wollen.

Denn unsere Zukunft beginnt nicht irgendwann.

Sie beginnt mit der nächsten Entscheidung.

Schreibe einen Kommentar