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Was soll so ein „armer Bischof“ tun, wenn die Triebe über ihn kommen?

Eine templarische Betrachtung über Zölibat, Macht, Verantwortung und Missbrauch

Man könnte die Frage zunächst zynisch stellen: Was soll so ein armer Bischof denn tun, wenn ihn plötzlich die Triebe überkommen? Doch genau hier muss jeder Spott enden. Denn sobald ein Mensch einen anderen sexuell missbraucht, sprechen wir nicht mehr über einen unglücklichen Kampf mit Sexualität, nicht über einen kleinen Fehltritt und auch nicht über die Belastungen des Zölibats. Wir sprechen über Machtmissbrauch, Grenzverletzung und Gewalt.

Der Fall des ehemaligen Bischofs von Broome, Christopher Saunders, zeigt dies in erschreckender Deutlichkeit. Eine Jury in Western Australia befand den 76-Jährigen in 13 von 19 Anklagepunkten für schuldig. Die Verurteilungen betreffen eine sexuelle Penetration ohne Zustimmung und zwölf unsittliche beziehungsweise unrechtmäßige sexuelle Übergriffe auf zwei junge indigene Männer zwischen 2008 und 2019. In sechs Anklagepunkten wurde er freigesprochen. Das Strafmaß soll im September verkündet werden; Saunders bestreitet weiterhin ein Fehlverhalten und kann Rechtsmittel einlegen.

Aus templarischer Sicht ist die entscheidende Frage deshalb nicht: Wie konnte ein Bischof sexuelle Bedürfnisse haben? Natürlich hat ein Geistlicher einen menschlichen Körper. Natürlich verschwinden Sexualität, Begehren und Versuchung nicht mit einer Priesterweihe oder dem Anlegen eines Bischofskreuzes. Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Was macht ein Mensch mit seinen Trieben, wenn er zugleich Macht über andere besitzt?

Der Trieb entschuldigt nichts

Jeder Mensch kennt Begierden. Der eine kämpft mit Sexualität, der andere mit Zorn, Gier, Eitelkeit, Alkohol, Macht oder Anerkennungssucht. Gerade deshalb sprechen geistige Wege seit Jahrtausenden von Selbstbeherrschung. Nicht weil der Mensch keine Triebe haben dürfe, sondern weil er nicht jeder Regung folgen darf, nur weil sie in ihm entsteht.

Ein Ritter, der in Wut gerät, darf deshalb nicht das Schwert ziehen und anschließend sagen: „Was hätte ich tun sollen? Der Zorn kam über mich.“

Ein verheirateter Mensch kann nicht jeden Ehebruch mit den Worten entschuldigen: „Die Leidenschaft war stärker.“

Und ein Geistlicher kann sexuelle Übergriffe erst recht nicht damit erklären, er sei nun einmal auch nur ein Mann.

Genau darin besteht der Unterschied zwischen Trieb und Charakter. Der Trieb sagt: Ich will. Der Charakter fragt: Darf ich?

Geistige Reife beginnt dort, wo diese beiden Sätze nicht miteinander verwechselt werden.

Was hätte ein Bischof also tun sollen?

Die Antwort ist erstaunlich unspektakulär: Abstand halten. Hilfe suchen. Verantwortung übernehmen. Sein Amt niederlegen, wenn er seine Grenzen nicht beherrschen kann.

Ein Bischof ist kein Gefangener seines Amtes. Niemand zwingt ihn, bis zum Lebensende Bischof zu bleiben. Wenn ein Geistlicher erkennt, dass der Zölibat für ihn dauerhaft unerträglich geworden ist, besitzt er Möglichkeiten, Konsequenzen zu ziehen. Was er nicht besitzt, ist ein Recht, andere Menschen zum Objekt seiner Bedürfnisse zu machen.

Gerade ein Amtsträger trägt hier eine größere Verantwortung als ein gewöhnlicher Bürger. Denn zu seiner persönlichen Autorität kommen institutionelle Macht, religiöses Vertrauen und häufig soziale Abhängigkeiten hinzu. Im Fall Saunders hörte das Gericht Beweise dazu, dass junge indigene Männer bei alkoholreichen Zusammenkünften in seinem kirchlichen Wohnhaus Zugang zu Alkohol und Zigaretten erhielten; die Staatsanwaltschaft argumentierte, Saunders habe solche Situationen genutzt, um Zugang zu jungen Männern zu erhalten.

Damit wird aus persönlicher Schwäche etwas anderes. Wenn Macht, Vertrauen und Abhängigkeit gezielt zur Befriedigung eigener Bedürfnisse eingesetzt werden, ist die Grenze zum Missbrauch überschritten.

Das eigentliche Problem heißt Macht

Wir sollten deshalb vorsichtig sein, solche Fälle ausschließlich auf den Zölibat zurückzuführen. Man kann über den Sinn des verpflichtenden Zölibats innerhalb der katholischen Kirche diskutieren. Man kann fragen, ob er für jeden Priester sinnvoll ist und ob freiwilliger Zölibat nicht ehrlicher wäre. Doch sexuelle Gewalt entsteht nicht einfach dadurch, dass jemand keinen Ehepartner haben darf.

Millionen unverheiratete Menschen missbrauchen niemanden.

Millionen Menschen erleben sexuelle Frustration und werden trotzdem nicht übergriffig.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Grenze, die der Mensch sich selbst setzt.

Hinzu kommt bei kirchlichen Amtsträgern eine gefährliche Konstellation: moralische Autorität plus gesellschaftliche Macht plus persönliches Vertrauen. Ein Bischof wird nicht wie irgendein fremder Mann wahrgenommen. Menschen begegnen ihm als geistlichem Vater, Lehrer und Repräsentanten einer Institution, der sie vertrauen.

Wer dieses Vertrauen benutzt, begeht deshalb einen doppelten Verrat. Er verletzt den Menschen. Und er beschädigt das Amt, das ihm anvertraut wurde.

Der Bischof und der Ritter

Hier lohnt der Vergleich mit dem Ritterideal. Auch ein Ritter besitzt Macht. Sein Schwert verschafft ihm einen Vorteil gegenüber einem Wehrlosen. Gerade deshalb braucht er einen Ehrenkodex.

Die Größe des Ritters besteht nicht darin, dass er das Schwert besitzt. Sie besteht darin, wann er es nicht zieht.

Dasselbe gilt für jede Form von Autorität. Der wirkliche Beweis moralischer Reife zeigt sich nicht darin, was ich tun kann, sondern darin, worauf ich freiwillig verzichte, obwohl ich die Gelegenheit hätte.

Ein geistlicher Amtsträger, der seine Stellung ausnutzt, um sich sexuelle Vorteile zu verschaffen, handelt deshalb genau entgegen jener Selbstbeherrschung, die ein geistiges Amt voraussetzt.

Eine Institution darf sich nicht selbst schützen

Positiv ist zumindest, dass Australiens katholische Führung den Schuldspruch nicht relativiert. Die katholische Bischofskonferenz bezeichnete die Verbrechen als Verrat am Evangelium und an dem, wofür die Kirche stehe. Schon während der früheren Ermittlungen hatte ihr Vorsitzender Timothy Costelloe erklärt, die Kirche werde mit den Behörden zusammenarbeiten.

Doch für eine Institution genügt es nicht, einen Täter nach einer gerichtlichen Verurteilung zu verurteilen. Die schwierigere Frage lautet immer: Was geschah vorher?

Wer wusste etwas? Wer hörte Beschwerden? Wer glaubte den Betroffenen? Wer schwieg? Wer wollte den Ruf der Institution schützen?

Gerade religiöse Gemeinschaften müssen sich davor hüten, ihre eigene Ehre mit dem Vertuschen von Fehlverhalten zu verwechseln. Eine Institution bewahrt ihre Würde nicht dadurch, dass sie Skandale versteckt. Sie bewahrt ihre Würde dadurch, dass sie bereit ist, Wahrheit auch dann anzuerkennen, wenn diese Wahrheit schmerzt.

Der besondere Verrat an Schutzbedürftigen

Im Fall Saunders kommt ein weiterer Aspekt hinzu. Die Opfer, auf die sich die Verurteilungen beziehen, waren junge indigene Männer. Die Vorwürfe und Gerichtsberichte zeichneten ein Umfeld, in dem Saunders über viele Jahre Zugang zu jungen Aboriginal-Männern hatte.

Wer sich als Geistlicher besonders für benachteiligte Menschen engagiert, erwirbt dadurch Vertrauen. Gerade dieses Vertrauen darf niemals zum Werkzeug persönlicher Befriedigung werden.

Es gehört zum Kern jeder ritterlichen Ethik, den Schwächeren zu schützen und nicht seine Schwäche auszunutzen.

Ein Machtgefälle verpflichtet den Stärkeren. Es berechtigt ihn nicht.

Vielleicht sollten wir auch über den Zölibat sprechen

Damit ist nicht gesagt, dass die katholische Kirche die Frage des Zölibats ignorieren sollte. Eine Institution, die von Menschen lebenslange sexuelle Enthaltsamkeit verlangt, muss offen darüber sprechen, wie realistisch, freiwillig und psychologisch tragfähig diese Lebensform für den Einzelnen ist.

Zölibat kann eine ernsthafte geistige Lebensform sein, wenn ein Mensch ihn frei wählt und tatsächlich leben kann.

Er darf aber nicht zur Fassade werden.

Ein Geistlicher, der merkt, dass er dieses Versprechen nicht mehr tragen kann, sollte einen ehrlichen Ausweg haben, ohne gesellschaftlich oder wirtschaftlich ins Bodenlose zu fallen. Die bessere Lösung ist ein ehemaliger Priester oder Bischof, der ein normales partnerschaftliches Leben führt, als ein Amtsträger, der öffentlich Enthaltsamkeit predigt und heimlich Grenzen verletzt.

Aber auch hier gilt: Selbst ein problematisches kirchliches System entschuldigt keinen Missbrauch.

„Was soll der arme Bischof tun?“

Also beantworten wir die eingangs ironisch gestellte Frage ernsthaft. Was soll ein „armer Bischof“ tun, wenn die Triebe über ihn kommen?

Er soll genau dasselbe tun wie jeder erwachsene Mensch: Verantwortung für sich übernehmen. Er kann beten, sich zurückziehen, professionelle Hilfe suchen, seine Lebensweise ändern oder sein Amt aufgeben.

Was er niemals tun darf, ist einen anderen Menschen für seinen inneren Konflikt bezahlen zu lassen.

Wer seine Triebe nicht beherrschen kann, ist für ein Amt mit besonderer Macht und besonderem Vertrauen möglicherweise nicht geeignet. Das klingt hart.

Aber ein geistliches Amt ist kein Anspruch. Es ist eine Verpflichtung.

Eine Lehre auch für unseren eigenen Orden

Wir sollten solche Ereignisse allerdings nicht dazu benutzen, selbstgefällig auf eine andere Kirche zu zeigen. Jede Organisation, die mit Vertrauen, Hierarchie und geistiger Autorität arbeitet, trägt dieselbe Gefahr in sich.

Auch ein Orden muss deshalb klare Grenzen kennen. Ein Großmeister, Komtur oder anderer Amtsträger darf seine geistige Stellung niemals zur persönlichen Bereicherung, sexuellen Annäherung oder psychischen Abhängigkeit benutzen. Je höher der Rang, desto größer die Pflicht zur Selbstkontrolle.

Ein Rang ist keine Erlaubnis. Ein Rang ist eine zusätzliche Verantwortung. Gerade darin liegt die alte ritterliche Vorstellung von Ehre.

Schlussbetrachtung

Christopher Saunders war jahrzehntelang Bischof. Er galt früher auch als engagierter Vertreter der Interessen indigener Menschen. Nun hat eine Jury ihn wegen schwerer sexueller Straftaten an zwei jungen indigenen Männern verurteilt. Das zeigt eine unangenehme Wahrheit: Öffentliches Ansehen und moralische Sprache beweisen noch keinen moralischen Charakter.

Darum sollte ein geistiger Weg niemals nur danach fragen, was jemand predigt. Wir müssen danach fragen, wie er handelt, wenn niemand hinsieht.

Selbstbeherrschung ist keine altmodische Tugend. Sie gehört zum Fundament menschlicher Würde. Jeder Mensch besitzt Triebe, Wünsche und dunkle Seiten. Das macht ihn menschlich. Entscheidend ist, ob er Verantwortung dafür übernimmt.

Der Tempelritter kennt dafür ein starkes Bild: Das Schwert wird nicht deshalb getragen, damit es bei jeder Gelegenheit gezogen wird. Es wird getragen von einem Menschen, der gelernt hat, seine Kraft zu beherrschen.

So sollte es auch mit jeder anderen Kraft des Menschen sein – mit Zorn, Geld, Macht und Sexualität. Denn wer über andere Menschen führen will, muss zunächst lernen, sich selbst zu führen.

Und wer dazu nicht in der Lage ist, sollte niemals verlangen, dass andere ihm ihre Seele, ihren Körper oder ihr Vertrauen anvertrauen.

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