Albenga – Eine Niederlassung des Ordens im Zeichen der Donaten
Ich schreibe als Bruder des Ordens vom Tempel und richte den Blick auf Albenga, eine Küstenstadt im Nordwesten Italiens, gelegen zwischen Nizza und Genua. Sie war nie eine große Bastion unseres Ordens, kein weithin bekannter Stützpunkt. Und doch ist Albenga von besonderem Interesse, weil sich hier zeigt, wie sehr der Orden auf die Frömmigkeit und das Vertrauen der Donaten gegründet war – jener Männer und Frauen, die sich uns übergaben, ohne selbst das volle Ordensgelübde abzulegen.
Wann unsere Niederlassung in Albenga ihren Anfang nahm, wissen wir nicht. Die älteste erhaltene Urkunde stammt aus dem Jahr 1143. In ihr wird dem Orden eine Liegenschaft „bei der Kirche des heiligen Calozerius“ übertragen, eines frühchristlichen Märtyrers, den man auch als Calocero oder Calogero kennt. Bemerkenswert ist, dass dieses Dokument bereits „Land der Templer und der Johanniter“ im Stadtbezirk erwähnt. Offenbar waren beide Orden früh präsent – wenn auch zunächst ohne festes Haus.
Die Schenkung von 1143 wurde von einem Mann namens Oberto entgegengenommen, der sich selbst als missus de templo de Jerusalem bezeichnete, also als Beauftragter des Tempels von Jerusalem. Zu dieser Zeit scheint es in Albenga noch kein dauerhaftes Ordenshaus gegeben zu haben. Im selben Jahr tritt Oberto erneut in Erscheinung, diesmal als conversus, also als Laienbruder oder Donat. In den folgenden Jahren überließen weitere Bürger von Albenga dem Orden Besitz, wiederum entgegengenommen von missis de casa Templi. Noch immer deutet nichts auf eine ständige Gemeinschaft von Brüdern vor Ort hin.
Ein Wendepunkt kam 1167. Die Eheleute Robaldo und Giusta Marabotto übergaben sich dem Orden als Donaten – ad honorem Dei et servicium Templi – und vermachten ihm eine bedeutende Schenkung. Als Gegenleistung überließ ihnen der Provinzmeister von Norditalien die gesamte Niederlassung mit Kirche und allen zugehörigen Immobilien zur Nutzung. Selbst für den Fall des Todes eines Ehepartners war vorgesorgt: Der Überlebende durfte weiterhin dort wohnen. Robaldo verwaltete den gesamten Besitz im Namen des Ordens und nahm, mit voller Autorisation, weitere Schenkungen entgegen, zuletzt 1179. Dennoch scheint er nie die eigentliche Profess abgelegt zu haben. In den folgenden Jahren werden in den Quellen ministri der Templer in Albenga genannt – ob es sich dabei bereits um Komture im strengen administrativen Sinn handelt, bleibt unter Gelehrten umstritten.
1191 änderte sich die Lage grundlegend. Fast der gesamte Besitz in Albenga wurde an den Ortsbischof verkauft, das Haus und weitere Liegenschaften an ihn verpachtet. Ein möglicher Grund war die angespannte finanzielle Situation des Ordens nach den schweren Niederlagen und Verlusten im Heiligen Land. Zu diesem Zeitpunkt lebten offenbar fünf Brüder, darunter ein Priester, in der Niederlassung. Der Bischof verpflichtete sich zu regelmäßigen Pachtzahlungen – doch er kam diesen nicht immer nach.
So kam es 1224 zu einem Streit zwischen dem Orden und dem Bischof von Albenga. Die Templer klagten über ausstehende Zahlungen und verlangten die Rückgabe ihres Besitzes. Der Fall wurde dem Papst vorgetragen und endete mit einer Verpflichtung des Bischofs zur Zahlung. Doch die Probleme blieben bestehen. In einer weiteren Auseinandersetzung gegen Ende der 1260er Jahre scheint sich der Orden schließlich zur vollständigen Aufgabe des Besitzes entschlossen zu haben. Danach verlieren sich die Spuren der Niederlassung. Auch in den Dokumenten des Johanniterhauses von Albenga taucht sie nicht mehr auf.
Der genaue Standort der Kirche S. Calocero ist bis heute unklar. Nach Bellomo (2007) lässt er sich nicht sicher bestimmen. Manche Forscher und touristische Darstellungen identifizieren sie mit der heutigen Kirche San Giorgio Martire, doch die Quellenlage ist dafür unsicher. Jenseits des Flusses Centa, außerhalb der mittelalterlichen Stadtmauern, liegt der archäologische Komplex S. Calocero al Monte, der der Überlieferung nach über dem Grab des Märtyrers errichtet wurde und spätrömische sowie frühmittelalterliche Zeugnisse birgt. Dort befand sich jedoch ein Benediktinerkloster, nicht eine Niederlassung unseres Ordens.
Albenga zeigt uns, wie vielfältig die Gestalt des Templerordens war. Nicht jede Niederlassung war eine feste Komturei mit dauerhaftem Konvent. Mancher Ort lebte von der Hingabe einzelner Donaten, von Vertrauen, Verwaltung und zeitweiliger Präsenz. Auch darin bestand der Orden – im stillen Wirken jenseits der großen Schlachtfelder.
