Das waren noch Zeiten …
als sich die Zehn Gebote mit kaum mehr als dem Atem eines Gebets begnügten. Ein göttliches Gesetz, in wenige Sätze gefasst, und doch stark genug, ganze Völker zu tragen. Ebenso die große Erklärung der Freiheit jenseits des Ozeans – dreihundert Worte, nicht mehr – und sie vermochte ein Reich zu erschüttern und eine neue Ordnung zu begründen.
Heute aber, so scheint es mir, hat der Mensch die Kunst verloren, Wahrheit in Kürze zu fassen.
Stattdessen türmt er Worte auf Worte wie Steine ohne Mörtel. Ich hörte von einem einzelnen Paragraphen weltlicher Gesetzgebung, der mehr als eintausendachthundert Worte zählt – und dies, wohlgemerkt, nicht ein ganzes Gesetz, sondern nur ein Abschnitt davon. Er regelt, so sagt man, die Teilhabe von Arbeitern an Vermögen. Eine gerechte Sache, gewiss – doch in ein Dickicht aus Formeln, Verweisen und Klauseln gehüllt, dichter als jeder Dornenwall vor einer belagerten Festung.
Was sagt uns das?
Der Krieger weiß: Wenn ein Befehl zu lang ist, wird er im Lärm der Schlacht vergessen. Wenn ein Eid zu verschlungen formuliert ist, wird er gebrochen, weil ihn keiner versteht. Klarheit ist eine Form der Wahrheit – und Wahrheit bedarf keiner Ausschmückung.
In unserem Orden galt: Ein Gelübde, ein Satz. Armut. Keuschheit. Gehorsam. Drei Worte – und ein ganzes Leben war daran gebunden.
Je länger jedoch ein Gesetz wird, desto mehr Schlupfwinkel birgt es. Wo viele Worte sind, finden sich viele Wege, sie zu umgehen. Der Unehrliche versteckt sich im Nebel der Formulierungen, während der Redliche strauchelt, weil er den Pfad nicht mehr erkennt.
So gleicht überbordende Bürokratie einem Pergament, das so oft überschrieben wurde, daß die ursprüngliche Schrift nicht mehr zu lesen ist. Der Sinn geht verloren, und übrig bleibt nur die Last.
Der Templer aber liebt die Einfachheit – nicht aus Unwissenheit, sondern aus Disziplin. Denn wer gezwungen ist, sich kurz zu fassen, muß zuvor klar gedacht haben.
Vielleicht liegt darin die eigentliche Prüfung unserer Zeit: Nicht neue Gesetze zu schmieden, sondern den Mut zu finden, sie wieder in die Klarheit eines Schwertstrichs zu bringen.
Denn ein gerechtes Gesetz sollte sein wie eine gute Klinge – gerade, scharf und ohne Zierrat.
