Der eigene Ordensstaat
Betrachtungen eines Bruders vom Tempel über das Beispiel Preußens und unsere Berufung im Abendland
Im Namen unseres Herrn Jesu Christi ✠
Wir Brüder vom Orden der Armen Ritterschaft Christi und des Salomonischen Tempels sind berufen worden, nicht für uns selbst zu leben, sondern für das Heilige Grab, für den Schutz der Pilger und für die Verteidigung des Glaubens gegen die Feinde der Christenheit. Doch die Wege Gottes führen den Orden bisweilen an Kreuzungen, an denen nicht allein Mut, sondern auch Weisheit und Vorsicht verlangt werden.
So ist es verständlich, dass viele Brüder mit Aufmerksamkeit auf das Werk unserer Mitstreiter, der Brüder des Deutschen Ordens, blicken, welche im Laufe des 13. Jahrhunderts in den Ländern Preußens ein eigenes Ordensgebiet errichtet haben. Dort haben sie, gestützt auf Schwert, Kreuz und Ordnung, einen Ritterstaat gegründet, der ihnen nicht nur Schutz gewährt, sondern auch Freiheit von weltlicher Einmischung.
Das Beispiel des Deutschen Ordens
Was die Brüder des Deutschen Ordens im Norden vollbrachten, erschien vielen als Zeichen, dass ein geistlicher Ritterorden nicht allein im Dienst fremder Fürsten stehen müsse, sondern selbst Herrschaft ausüben könne – zur Mehrung des Glaubens und zur Sicherung seines Werkes.
Ein eigener Ordensstaat bedeutet:
- Unabhängigkeit von wechselnden Launen weltlicher Herren,
- sichere Einkünfte zur Unterhaltung von Burgen, Brüdern und Waffen,
- feste Ordnung unter eigener Gerichtsbarkeit,
- und die Möglichkeit, die Mission des Ordens ohne fremde Einmischung zu erfüllen.
Solche Gedanken konnten nicht ohne Wirkung auf unsere Gemeinschaft bleiben.
Die Lage nach den Verlusten im Heiligen Land
Seit dem Verlust vieler unserer Stützpunkte im Heiligen Land mussten wir erkennen, dass unsere ursprüngliche Aufgabe schwer erschüttert worden war. Zwar bleibt Jerusalem unser geistiges Ziel, doch die Wirklichkeit zwingt uns, nach neuen Wegen zu suchen, um unsere Kraft sinnvoll einzusetzen.
Manche Brüder hielten daher Ausschau nach einem neuen Ort, an dem der Orden seine Stärke sammeln und in Freiheit wirken könne. Denn ein Orden ohne festen Boden ist wie ein Heer ohne Lager.
Südfrankreich als möglicher Raum der Ordnung
In dieser Lage richtete sich der Blick einiger Brüder auf das Land der Provence und die angrenzenden Gebiete Südfrankreichs. Dort besitzt unser Orden seit langem Güter, Burgen und treue Unterstützer. Zahlreiche edle Familien stehen uns nahe, viele ihrer Söhne tragen unser weißes Gewand mit dem roten Kreuz. ✠
Ein solcher Raum bot mehrere Vorteile:
- reicher Besitz des Ordens,
- enge Bindung an den regionalen Adel,
- günstige Lage zwischen Meer und Gebirge,
- starke wirtschaftliche Grundlagen durch Landwirtschaft und Handel.
Zudem war bekannt, dass in diesen Ländern viele Menschen lebten, die dem Papsttum mit Skepsis begegneten, insbesondere unter den sogenannten Katharern. Manche hofften daher, dort leichter Unterstützung gegen königlichen und kurialen Druck zu finden.
Warnung vor falschem Stolz
Doch wir müssen als Brüder des Tempels erkennen: Reichtum allein ist kein Auftrag Gottes. Stolz ist kein Fundament eines christlichen Reiches. Und ein Ordensstaat darf niemals aus Ehrgeiz entstehen, sondern allein aus Notwendigkeit im Dienst Christi.
Unser Orden wurde nicht gegründet, um Fürstentümer zu errichten, sondern um zu dienen.
Wenn wir je nach eigener Herrschaft streben sollten, dann nur:
- zur Verteidigung der Christenheit,
- zur Sicherung unserer Mission,
- und niemals gegen die Einheit der Kirche.
Denn ein Ritter Christi darf nicht zum Herrn seiner eigenen Ehre werden, sondern bleibt Knecht Gottes – auch wenn er Burgen besitzt und Heere führt.
Schlussbetrachtung
Das Beispiel Preußens zeigt, was ein Orden vermag, wenn ihm Land, Auftrag und Gelegenheit gegeben werden. Doch es erinnert uns zugleich daran, dass jede Machtprüfung auch eine Prüfung des Geistes ist.
Ein eigener Ordensstaat mag Stärke verleihen.
Doch wahre Stärke liegt im Gehorsam gegenüber Christus.
So bleibt unsere Aufgabe unverändert:
Nicht ein Reich für uns selbst zu errichten,
sondern das Reich Gottes zu verteidigen. ✠
