✠✠✠✠✠✠ ASTO TEMPLER-BLOG ✠✠✠✠✠✠

Für unsere älteren Ordensbrüder

Vom Sinn des Dienstes, wenn die Kräfte schwinden

Geschrieben aus der Stimme eines Templers

Brüder, die ihr viele Winter gesehen habt,
die Narben tragt – nicht nur am Leib, sondern auch im Herzen –,
dieser Text ist für euch.

Es gibt Tage, da liegt die Decke schwer wie Blei. Der Morgen ruft, doch der Ruf verhallt. Der Leib gehorcht langsamer, der Geist fragt leiser, wozu er sich noch regen soll. Wer das nicht kennt, hat noch nicht lange genug gelebt. Und wer es kennt, muss sich nicht schämen.

Auch wir Templer wissen: Der Dienst endet nicht, wenn die Kraft nachlässt – aber er verändert seine Gestalt.

In solchen Stunden hilft kein Schönreden. Der Glaube ist kein warmes Tuch, das man über Müdigkeit legt. Er ist eher wie ein kühler Stein in der Hand: schwer, real, tragfähig. Hier berühren sich unsere Ordensregel und die Lehre jenes Arztes und Denkers Viktor Frankl, der den Sinn des Lebens ins Zentrum stellte – als Kern der Dritten Wiener Schule der Psychotherapie.

Frankl lehrte: Der Mensch lebt nicht vom Glück, nicht von der Lust, nicht vom Erfolg allein. Er lebt vom Sinn. Und Sinn ist nichts Abstraktes. Er ist konkret, fordernd, manchmal unbequem.

Wenn also der Tag dunkel beginnt, lauten die Fragen nicht:
Was habe ich verloren?
sondern:
Was ist mir geblieben – und wofür bin ich noch gebraucht?

Frankl fragte:
Was sind meine Stärken?
Wo bin ich am wenigsten ersetzbar?
Was soll durch mich noch gelebt werden?

Das sind keine Fragen nur für die Jugend. Im Gegenteil. Erst wer viel gelebt hat, kann sie mit Wahrheit beantworten.

Freiheit, so lehrte Frankl, ist ohne Verantwortung bloße Willkür. Auch wir im Orden wissen: Ein Gelübde bindet nicht, es richtet aus. Verantwortung endet nicht mit dem Alter. Sie wird tiefer, stiller, aber auch klarer. Vielleicht ist dein Beitrag heute kein Schwert mehr, sondern ein Wort zur rechten Zeit. Kein Marsch, sondern Standhaftigkeit. Kein Befehl, sondern ein Beispiel.

Frankl sprach vom „Monanthropismus“ – vom Glauben an die eine Menschheit. So wie der Monotheismus den einen Gott bekennt, ruft der Monanthropismus dazu auf, die Menschheit als unteilbare Einheit zu sehen. Keine Trennung nach Herkunft, Rang oder Vergangenheit. Brüderlichkeit nicht als Ideal, sondern als Aufgabe.

Das ist uns Templern nicht fremd. Wir wussten immer: Wenn wir gemeinsam im Boot sitzen, dann fehlt der Welt etwas, wenn einer seinen Platz verlässt. Und sei dieser Platz noch so unscheinbar.

Ihr, unsere älteren Brüder, seid nicht austauschbar. Nicht, weil ihr stark seid – sondern weil ihr ihr seid. Eure Geschichte, euer Scheitern, euer Durchhalten: Das alles kann kein Junger ersetzen.

Der Sinn ruft nicht irgendwann. Er ruft jetzt.
Nicht morgen. Nicht „wenn es wieder besser geht“.
Sondern im Hier und Heute.

Was kannst du gut?
Was fehlt – vielleicht gerade jetzt – in der Welt um dich?
Wo braucht es deine Geduld, deine Klarheit, deinen langen Atem?

Der Sinn will nicht nur erkannt werden. Er will getan werden.

So steht auf, Brüder – nicht hastig, nicht heroisch.
Steht auf in dem Maß, das euch möglich ist.
Und wenn es nur heißt, den Tag bewusst anzunehmen und ihn nicht zu verleugnen.

Denn solange ein Mensch Verantwortung trägt, lebt er nicht vergebens.
Und solange Sinn gelebt wird – und sei es leise –,
ist der Orden nicht alt.

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