Komturei Aurschinewes
Eine vergessene Komturei vor den Toren Prags
Ich schreibe diese Zeilen als Bruder des Ordens vom Tempel, und mein Blick richtet sich nach Böhmen, an einen Ort, der heute im Leib der Stadt Prag aufgegangen ist, einst jedoch unter den Namen Aurinowes, Aurzimowes oder Aurschinewes bekannt war. Im Mittelalter lag dieser Platz noch jenseits der Mauern, in jenem Grenzraum zwischen Land und Stadt, wie er für viele unserer Niederlassungen bezeichnend war: nah genug am städtischen Leben, doch frei genug für Ordnung, Wirtschaft und Gebet.
Wann die Komturei von Aurschinewes gegründet wurde, entzieht sich unserem Wissen. Die Quellen schweigen über ihre Anfänge, als hätten Wind und Zeit die ersten Spuren verweht. Erstmals tritt die Niederlassung im Jahr 1292 aus dem Dunkel der Geschichte hervor. In einer Schenkungsurkunde überträgt Gräfin Maria von Hardek, die verwitwete Frau von Neuhaus, gemeinsam mit ihrem Sohn Ulrich den Brüdern des Templerorden von Aurinowes das Patronatsrecht über die Kirche von Stodolek.
Diese Gabe war nicht gering. Sie wurde feierlich bestätigt durch den Prager Erzbischof Tobias von Prag, ein deutliches Zeichen dafür, dass unser Orden in Böhmen nicht nur geduldet, sondern geachtet war. Geistliche Verantwortung und weltliche Verwaltung gingen hier Hand in Hand.
Spätestens in den 1290er Jahren war Aurschinewes Sitz eines Komturs. Damit hatte die Niederlassung den Rang einer vollwertigen Komturei erlangt und war nicht länger nur ein abhängiger Wirtschaftshof oder eine kleine Station am Wege. Von hier aus wurden geistliche Rechte wahrgenommen und wirtschaftliche Güter verwaltet, die dem Orden im Umland von Prag gehörten. In der Stille dieses Ortes spannte sich ein Faden des großen Netzes, das unsere Brüderschaft durch Europa zog.
Doch über das weitere Schicksal der Kommende schweigen die Chroniken erneut. Die Schrift bricht ab, Namen und Taten verlieren sich. Wie so viele kleinere Häuser des Ordens verschwindet auch Aurschinewes im Schatten der großen Ereignisse, die bald folgen sollten und das Antlitz der Christenheit erschütterten.
Nach dem Ende unseres Ordens ist anzunehmen, dass die Besitzungen von Aurschinewes an die Brüder des Johanniterorden übergingen, wie es in Böhmen und in vielen anderen Ländern Europas geschah. Beweise dafür sind nicht erhalten, doch der Gang der Geschichte weist in diese Richtung.
So bleibt Aurschinewes ein stiller Ort der Erinnerung. Keine mächtige Burg, kein ruhmreiches Kapitel, sondern eine Komturei am Rand der Stadt, getragen von adliger Förderung und kirchlicher Anerkennung. Für uns Templer ist sie Sinnbild all jener Häuser, die dem Vergessen anheimgefallen sind – und doch einst lebendige Knotenpunkte eines Ordens waren, der von Jerusalem bis an die Moldau wirkte.
