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Päpste, die gewaltsam starben

Wer heute an den Papst denkt, sieht meist einen weiß gekleideten Mann auf dem Petersplatz, umgeben von Schweizergarde, Sicherheitsbeamten, Kardinälen und den Mauern des Vatikans. Das Amt erscheint geschützt, beinahe entrückt von den gewöhnlichen Gefahren des Lebens. Doch dieses Bild ist historisch jung. Über viele Jahrhunderte bedeutete die Wahl zum Bischof von Rom keineswegs Sicherheit. Im Gegenteil: Es gab Zeiten, in denen der Stuhl Petri einer der gefährlichsten Plätze Europas war. Die Geschichte des Papsttums ist deshalb nicht nur eine Geschichte von Glauben, Theologie, Heiligen und Konzilien. Sie ist zugleich eine Geschichte von Verfolgung, Macht, Intrige, Gefangenschaft, Verrat und Blut. Manche Päpste starben als Märtyrer unter staatlicher Verfolgung, andere gerieten in die Auseinandersetzungen römischer Adelsfamilien, Kaiser und Könige. Wieder andere wurden abgesetzt, eingesperrt oder ins Exil geschickt. Und bei einigen wissen wir bis heute nicht mit Sicherheit, ob sie eines natürlichen Todes starben oder ob Menschen nachgeholfen haben. Ihre Geschichte zeigt, dass auch das höchste geistliche Amt nicht außerhalb menschlicher Schwäche, politischer Interessen und weltlicher Gewalt stand.

Für einen Templer ist diese dunkle Seite der Kirchengeschichte nicht deshalb wichtig, weil wir uns an Gewalt, Mord und Intrigen ergötzen sollten. Sie erinnert uns vielmehr daran, dass keine menschliche Institution dadurch vollkommen wird, dass sie sich auf Gott beruft. Wo Menschen handeln, wirken neben Glaube, Opferbereitschaft und Hingabe auch Ehrgeiz, Angst, Besitzstreben, Machtwille und persönliche Eitelkeit. Das gilt für Staaten und Orden ebenso wie für Kirchen. Ein geistliches Amt kann den Menschen verpflichten, aber es verwandelt ihn nicht automatisch. Ein Titel macht den Menschen nicht heilig, eine Mitra macht ihn nicht weise, und ein Kreuz auf dem Gewand schützt nicht vor Hochmut und Versuchung.

In den ersten Jahrhunderten des Christentums war das Papstamt noch weit entfernt von jener weltlichen Macht, die es später entwickeln sollte. Christen bildeten zeitweise eine verfolgte Minderheit im Römischen Reich, und auch die Bischöfe von Rom konnten Opfer dieser Verfolgungen werden. Petrus, den die katholische Tradition als ersten Bischof von Rom und damit als ersten Papst betrachtet, soll während der Herrschaft Neros den Märtyrertod erlitten haben. Nach alter christlicher Überlieferung wurde er gekreuzigt und bat darum, mit dem Kopf nach unten ans Kreuz geschlagen zu werden, weil er sich nicht für würdig hielt, auf dieselbe Weise wie Christus zu sterben. Die Einzelheiten dieser Erzählung gehören zur kirchlichen Tradition, doch sein Tod in Rom unter Nero wurde schon früh überliefert. Ähnlich verhält es sich mit Clemens I. Eine spätere Tradition berichtet, er sei mit einem Anker um den Hals ins Meer geworfen worden. Gerade dieses Bild wurde so mächtig, dass der Anker bis heute zu seinen bekanntesten Attributen gehört. Historisch lassen sich die genauen Todesumstände jedoch nicht zweifelsfrei belegen.

Hier zeigt sich bereits eine wichtige Regel im Umgang mit alter Kirchengeschichte: Überlieferung und gesicherte Geschichte sind nicht dasselbe. Das macht eine religiöse Überlieferung nicht wertlos, doch wir sollten zwischen Glaubenszeugnis, späterer Legende und historisch belegbarem Geschehen unterscheiden. Auch Telesphorus wird traditionell als Märtyrer verehrt. Bei anderen frühen Päpsten wie Pius I. oder Anicetus ist die Quellenlage noch unsicherer. In späteren Jahrhunderten wurden viele frühe Bischöfe Roms als Märtyrer angesehen, obwohl sich die konkreten Umstände ihres Todes heute kaum noch rekonstruieren lassen. Die Vorlage, die uns vorliegt, führt zahlreiche solcher Fälle an und zeigt damit, wie eng das frühe Papstamt mit Verfolgung und Unsicherheit verbunden war.

Deutlicher wird die historische Lage bei Papst Pontian. Unter Kaiser Maximinus Thrax wurde er im Jahr 235 nach Sardinien verbannt. Dort mussten Verbannte unter äußerst harten Bedingungen leben und arbeiten. Pontian verzichtete während seiner Verbannung auf sein Amt, damit die römische Gemeinde einen neuen Bischof wählen konnte und nicht ohne Leitung blieb. Er starb später infolge der schweren Haftbedingungen. Darin liegt eine bemerkenswerte Form von Verantwortung: Er hielt nicht um jeden Preis am Amt fest, sondern gab es auf, damit die Gemeinschaft weiterbestehen konnte. Gerade für einen Templer liegt darin eine wichtige Lehre. Ein Amt ist kein persönlicher Besitz. Wer Verantwortung trägt, muss im äußersten Fall bereit sein, selbst zurückzutreten, wenn dadurch die Gemeinschaft geschützt wird.

Besonders gut überliefert ist das Schicksal von Papst Fabianus. Unter Kaiser Decius begann im Jahr 249 eine schwere Christenverfolgung. Von den Bewohnern des Reiches wurden öffentliche Opferhandlungen für die römischen Götter und das Wohlergehen des Kaisers verlangt. Christen, die dies aus Glaubensgründen verweigerten, gerieten in Gefahr. Fabianus wurde verhaftet und starb am 20. Januar 250 als Märtyrer. Auch Sixtus II. gehört zu den bekanntesten Märtyrerpäpsten. Unter Kaiser Valerian wurde die christliche Führung gezielt verfolgt. Sixtus wurde im August 258 festgenommen und getötet. Diese frühen Päpste erinnern daran, dass das Christentum zunächst nicht von Thronen und Palästen aus regierte. Seine Gemeinden trafen sich in Häusern, auf Friedhöfen und an verborgenen Orten. Viele ihrer Führer besaßen weder politischen Einfluss noch Rechtssicherheit. Gerade aus dieser Erfahrung der Bedrängnis entwickelte das frühe Christentum später eine ungeheure moralische Autorität.

Mit der Christianisierung des Römischen Reiches veränderte sich die Lage grundlegend. Aus einer verfolgten Kirche wurde allmählich eine anerkannte und schließlich privilegierte Institution. Damit veränderten sich auch die Gefahren für das Papstamt. Nun wurde ein Papst nicht mehr hauptsächlich bedroht, weil er Christ war. Er konnte in Gefahr geraten, weil er Teil eines politischen Machtgefüges geworden war. Ein eindrucksvolles Beispiel ist Johannes I. Im 6. Jahrhundert geriet er zwischen die Interessen des ostgotischen Königs Theoderich und des oströmischen Kaisers. Nach einer Mission nach Konstantinopel wurde Johannes von Theoderich festgesetzt und starb schließlich in Gefangenschaft. Auch Silverius wurde in einen Konflikt hineingezogen, in dem Religion und byzantinische Machtpolitik kaum voneinander zu trennen waren. Er wurde im Jahr 537 abgesetzt und ins Exil gebracht, wo er unter schweren Bedingungen starb. Martin I. wiederum geriet im 7. Jahrhundert wegen theologischer Streitigkeiten in Konflikt mit der kaiserlichen Macht. Er wurde verhaftet, nach Konstantinopel gebracht, gedemütigt und schließlich auf die Krim verbannt, wo er 655 starb.

Man kann diese Ereignisse heute leicht als ferne theologische Kämpfe betrachten. Doch damals ging es keineswegs nur um abstrakte Glaubensfragen. Theologische Einheit war zugleich eine Frage politischer Einheit. Wer eine kirchliche Lehrentscheidung traf, konnte damit die Interessen von Kaisern, Königen und Herrscherhäusern berühren. Religion und Macht waren eng miteinander verflochten. Genau dort entsteht Gefahr. Wo geistliche Autorität politische Macht gewinnt und politische Macht sich religiöser Legitimation bedient, verschwimmen die Grenzen. Dann können Glaubensfragen zu Machtfragen werden und Machtfragen den Glauben für ihre eigenen Zwecke benutzen.

Besonders düster wurde die Geschichte des Papsttums in Teilen des 9. und 10. Jahrhunderts. Rom war damals Schauplatz heftiger Kämpfe zwischen Adelsfamilien. Päpste konnten gewählt, abgesetzt, eingesperrt und durch Gegenpäpste ersetzt werden. Das Amt war nicht mehr nur eine geistliche Würde, sondern zugleich ein politischer Preis. Papst Johannes VIII. starb 882 unter gewaltsamen Umständen. Mittelalterliche Quellen berichten, er sei zunächst vergiftet und anschließend erschlagen worden. Nur wenige Jahre später ereignete sich eine der groteskesten Szenen der Kirchengeschichte: die sogenannte Leichensynode oder Kadaversynode. Papst Stephan VI. ließ den bereits verstorbenen Papst Formosus aus seinem Grab holen. Der Leichnam wurde in päpstliche Gewänder gekleidet, auf einen Thron gesetzt und vor Gericht gestellt. Formosus wurde nachträglich verurteilt, seine päpstlichen Handlungen wurden für ungültig erklärt, und dem Leichnam wurden die Finger der Schwurhand abgetrennt. Schließlich wurde er in den Tiber geworfen. Die Empörung über dieses Schauspiel trug zum Sturz Stephans VI. bei. Er wurde eingekerkert und 897 im Gefängnis erwürgt.

Was für ein Bild bietet uns die Geschichte hier: Ein Papst lässt seinen toten Vorgänger richten und endet kurze Zeit später selbst erwürgt in einer Zelle. Für einen Templer liegt darin eine ernste Lehre über die Natur der Macht. Wer ein Amt zur persönlichen Rache benutzt, beschädigt nicht nur den Gegner, sondern das Amt selbst. Macht, die nicht durch Selbstbeherrschung begrenzt wird, richtet sich irgendwann gegen ihren Träger. Das gilt für geistliche ebenso wie für weltliche Herrschaft.

Auch bei Leo V., Johannes X., Benedikt VI. und Johannes XIV. begegnen uns gewaltsame Absetzungen, Gefangenschaft und Tod. Leo V. wurde nach kurzer Amtszeit festgesetzt, und sein endgültiges Schicksal ist bis heute nicht völlig geklärt. Johannes X. wurde im Jahr 928 gestürzt und eingekerkert; spätere Überlieferungen berichten, dass er im Gefängnis getötet worden sei. Benedikt VI. wurde nach einem Aufstand in Rom inhaftiert und im Jahr 974 erdrosselt. Johannes XIV. wurde vom Gegenpapst Bonifatius VII. in die Engelsburg eingesperrt und starb nach Monaten der Gefangenschaft, vermutlich an Hunger oder Misshandlung. Die Vorlage zeigt deutlich, wie sehr der Stuhl Petri in dieser Epoche zum Spielball politischer Gruppierungen geworden war.

Man muss sich klar machen, was dies bedeutet. Die päpstliche Tiara war kein Schutzschild. Je größer das politische Gewicht des Papsttums wurde, desto stärker wurde das Amt selbst zum Gegenstand weltlicher Interessen. Adelsfamilien wollten Einfluss, Kaiser wollten Einfluss, Könige wollten Einfluss, kirchliche Parteien wollten Einfluss. Wer den Papst kontrollierte, konnte eine der mächtigsten religiösen Institutionen des Abendlandes beeinflussen. Der Kampf um das Heilige konnte dadurch sehr unheilig werden.

Bei mehreren Päpsten berichten Chronisten oder spätere Überlieferungen von Vergiftungen. Ein Beispiel ist Clemens II., der 1047 plötzlich starb. Historiker haben immer wieder über einen möglichen Giftmord spekuliert, doch ein eindeutiger Mordnachweis existiert nicht. Auch Damasus II., der nur wenige Wochen Papst war und 1048 starb, wurde später mit Vergiftungsgerüchten in Verbindung gebracht. Gerade bei bedeutenden Persönlichkeiten wurden unerwartete Todesfälle im Mittelalter schnell als Giftmorde interpretiert. Wo medizinisches Wissen begrenzt war, erschien ein plötzlicher Tod rasch verdächtig. Zugleich kam Giftmord tatsächlich vor, weshalb wir uns bei manchen Fällen bis heute in einer Grauzone zwischen realer politischer Gewalt und späterer Legendenbildung bewegen. Ein ernsthafter Umgang mit Geschichte verlangt, diese Unsicherheit auszuhalten. Wir müssen nicht jede dramatische Erzählung glauben, nur weil sie eindrucksvoll ist.

Besonders bemerkenswert ist auch der Tod von Lucius II. Im Rom des 12. Jahrhunderts entstand eine kommunale Bewegung, die die weltliche Macht des Papstes einschränken wollte. Lucius geriet mit dieser Bewegung in einen offenen Machtkampf. Der Überlieferung nach zog er mit bewaffneten Kräften gegen das Kapitol, wurde durch Steinwürfe schwer verletzt und starb wenig später. Selbst wenn die Einzelheiten nicht in allen Punkten sicher sind, zeigt die Episode, wie weit sich das Papstamt inzwischen von der Lage der frühen Märtyrer entfernt hatte. Der Papst war nun nicht mehr nur geistlicher Hirte. Er war Landesherr, politischer Akteur und mitunter Teilnehmer bewaffneter Auseinandersetzungen. Der Stuhl Petri war längst Teil der europäischen Machtpolitik geworden.

Eine ganz andere Tragik findet sich bei Coelestin V. Pietro da Morrone war ein Einsiedler und tief religiöser Mann. 1294 wurde er nach einer langen Sedisvakanz überraschend zum Papst gewählt. Doch für die politische Welt des Papsttums war er kaum vorbereitet. Nach wenigen Monaten trat er zurück. Sein Nachfolger Bonifatius VIII. ließ ihn anschließend festsetzen, weil er befürchtete, Gegner könnten den ehemaligen Papst als Gegenpapst benutzen. Coelestin starb 1296 in Gefangenschaft. Später entstanden Gerüchte, er sei ermordet worden, doch gesichert ist dies nicht. Sein Schicksal trägt eine andere Botschaft: Manchmal ist Macht für denjenigen, der sie erhält, keine Belohnung, sondern eine Last. Coelestin wollte zurück in die Einfachheit des geistlichen Lebens, doch die Politik ließ ihn nicht mehr frei.

Besonders bedeutsam für uns Templer ist Papst Bonifatius VIII. Sein Konflikt mit König Philipp IV. von Frankreich gehört unmittelbar in jene politische Vorgeschichte, die wenige Jahre später auch für den Templerorden verhängnisvoll wurde. Bonifatius vertrat einen weitgehenden Anspruch auf päpstliche Autorität. Philipp dagegen war entschlossen, die Macht der französischen Krone gegenüber Rom zu stärken. Der Konflikt eskalierte, und im Jahr 1303 drangen Gegner des Papstes nach Anagni vor und nahmen ihn fest. Bonifatius wurde gedemütigt und zeitweise gefangen gehalten. Zwar wurde er später befreit, doch er starb wenige Wochen danach. Es wäre zu einfach, seinen Tod unmittelbar als Mord zu bezeichnen. Aber der Anschlag von Anagni zeigte, dass selbst ein Papst dem Zugriff einer entschlossenen weltlichen Macht ausgeliefert sein konnte. Wenige Jahre später traf dieselbe französische Krone den Templerorden. Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, ließ Philipp IV. die Templer in Frankreich verhaften. Politische Macht, finanzielle Interessen, juristische Anklagen und religiöse Vorwürfe verschmolzen zu einem einzigen Instrument. Gerade deshalb sollte ein Templer die Geschichte Bonifatius’ VIII. aufmerksam betrachten.

Man könnte aus all diesen Fällen eine sensationelle Sammlung von Mordgeschichten machen. Gift, Gefängnis, Erwürgung, Steinwürfe, Intrigen und Verrat bieten dafür genügend Stoff. Doch damit würden wir die eigentliche Bedeutung dieser Geschichten verfehlen. Denn die tiefere Geschichte handelt nicht vom Tod, sondern von Macht. Die frühen Päpste starben teilweise, weil sie als Christen einer feindlichen Staatsmacht gegenüberstanden. Spätere Päpste starben teilweise, weil das Papsttum selbst politische Macht besaß. Zuerst bedrohte die Macht die Kirche. Später besaß die Kirche selbst Macht. Schließlich bedrohten sich geistliche und weltliche Mächte gegenseitig. Darin liegt eine universelle Warnung.

Keine Institution darf glauben, sie sei gegen menschliche Schwächen immun. Kein Orden, keine Kirche, kein Staat und keine Bruderschaft. Auch kein geistliches Amt. Wir Templer kennen die Bedeutung äußerer Zeichen: Mantel, Kreuz, Schwert, Siegel, Rang und Amt. Doch kein einziges davon macht den Menschen, der es trägt, automatisch besser. Ein weißer Mantel macht keinen reinen Menschen. Ein Kreuz macht keinen guten Christen. Eine Mitra macht keinen Heiligen, und ein Großmeistertitel macht noch keinen weisen Großmeister. Das Amt stellt vielmehr höhere Anforderungen an den Menschen. Je größer die Macht, desto größer sollte die Selbstbeherrschung sein. Je höher der Rang, desto tiefer sollte die Demut sein. Je größer die Verantwortung, desto geringer sollte das persönliche Ego werden.

Die Geschichte zeigt leider häufig das Gegenteil. Menschen steigen auf und beginnen, ihr Amt mit ihrer Person zu verwechseln. Dann wird Kritik zum Angriff, Widerspruch zum Verrat und Macht zum vermeintlichen Recht. Dort beginnt der Niedergang. Wer Geschichte ernst nimmt, sollte diese Lektion nicht nur auf längst verstorbene Päpste anwenden. Er sollte sie auf jede Institution und auch auf sich selbst beziehen.

Wer die dunklen Kapitel der Kirchengeschichte betrachtet, könnte versucht sein zu sagen, diese Ereignisse widerlegten den christlichen Glauben. Doch das Christentum behauptet gerade nicht, dass der Mensch vollkommen sei. Es spricht von Versuchung, Schuld, Hochmut, Habgier und Machtmissbrauch. Wenn sich diese Dinge innerhalb der Kirche zeigen, widerspricht das daher nicht der christlichen Sicht des Menschen. Es zeigt vielmehr, wie notwendig moralische Selbstprüfung ist. Eine Kirche wird nicht dadurch glaubwürdig, dass sie behauptet, in ihrer Geschichte seien niemals Fehler geschehen. Glaubwürdig wird sie dort, wo sie bereit ist, diese Fehler anzuerkennen. Auch wir Templer sollten diesen Maßstab an uns selbst anlegen. Unsere Geschichte besitzt Licht und Schatten. Es wäre töricht, nur das Licht zu erzählen. Wer Geschichte zur Heiligenlegende umformt, lernt nichts aus ihr.

Gerade deshalb müssen wir auch vorsichtig mit dem Wort Märtyrer umgehen. Nicht jeder Papst, der unter ungewöhnlichen Umständen starb, wurde ermordet. Nicht jede mittelalterliche Vergiftungslegende ist wahr. Nicht jede spätere Chronik ist ein Augenzeugenbericht. Selbst bei den frühen Päpsten unterscheiden sich kirchliche Tradition und moderne historische Rekonstruktion teilweise erheblich. Ein ernsthafter Suchender muss nicht auf jede Frage eine sichere Antwort besitzen. Er muss nur bereit sein, zwischen dem zu unterscheiden, was wir wissen, dem, was wahrscheinlich ist, und dem, was lediglich erzählt wird. Auch das ist Erkenntnis.

Was also soll ein moderner Templer aus diesen dunklen Kapiteln lernen? Zunächst Demut. Wir sollten niemals glauben, unsere eigene Gemeinschaft könne nicht denselben menschlichen Schwächen erliegen, die andere Institutionen getroffen haben. Dann Wachsamkeit. Macht braucht Kontrolle, Rang braucht Verantwortung und Tradition braucht Wahrheit. Und schließlich braucht es Mut. Denn unter all den düsteren Geschichten stehen auch Menschen, die tatsächlich bereit waren, für ihre Überzeugungen Gefängnis, Verbannung und Tod auf sich zu nehmen.

Der Templer sollte daher weder zum blinden Verehrer noch zum zynischen Ankläger werden. Er soll prüfen, unterscheiden und aus der Vergangenheit lernen. Die Kirchengeschichte ist weder ausschließlich die Geschichte von Heiligen noch ausschließlich die Geschichte von Verbrechern. Sie ist die Geschichte von Menschen auf der Suche nach Gott und von Menschen, die dabei immer wieder an sich selbst scheiterten. Vielleicht liegt gerade darin ihre größte Lehre.

Denn der eigentliche Kampf des Templers wird niemals ausschließlich vor den Mauern einer Stadt geführt. Er findet im Inneren statt: zwischen Pflicht und Ehrgeiz, zwischen Wahrheit und Bequemlichkeit, zwischen Dienst und Macht, zwischen Demut und Hochmut. Die blutigen Geschichten mancher Päpste erinnern uns daran, wohin es führen kann, wenn dieser innere Kampf verloren geht. Die Märtyrer erinnern uns zugleich daran, was möglich wird, wenn ein Mensch seinem Gewissen treu bleibt, selbst wenn der Preis dafür hoch ist. Der Templer betrachtet daher auch die dunklen Seiten der Geschichte – nicht um zu richten, sondern um zu erkennen. Denn nur wer die Schatten kennt, versteht den Wert des Lichts.

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