Streng vertraulich: Die Kathedrale von Chartres
Ein uralter geheiligter Ort der Jungfrau
Die Kathedrale von Chartres gilt zu Recht als eine der erhabensten Schöpfungen gotischer Baukunst. Doch wer mit den Augen eines Eingeweihten blickt, erkennt, dass dieser Ort eine Geschichte trägt, die weit über das 12. Jahrhundert hinausreicht. Chartres wurde nicht zufällig zum Herzstück marianischer Verehrung im Abendland – es ist ein Platz, der schon in uralten Zeiten ein Zentrum des Sakralen war.
Das keltische Heiligtum und die Prophezeiung des Druiden
Lange bevor das Christentum in Gallien Wurzeln schlug, verehrten die Kelten hier eine heilige Stätte. Über einem Dolmen – einem uralten Steinheiligtum – stand ein Druidenheiligtum, in dem die Kräfte von Himmel und Erde verbunden wurden. Überliefert ist die Weissagung eines Druiden um das Jahr 100 vor Christus: „Eine Jungfrau wird ein Kind gebären.“
Diese Prophezeiung bereitete den Boden für die spätere Verehrung der Gottesmutter und war wohl ein Grund dafür, warum dieser Ort in christlicher Zeit als Marienheiligtum übernommen wurde. Der Kult der Jungfrau Maria überlagerte so die vorchristliche Tradition, ohne sie gänzlich zu verdrängen. In Wahrheit verschmolzen beide Ströme – die Weisheit der Kelten und die christliche Verkündigung – zu einer geheimnisvollen Einheit.
Die Weihe an Notre-Dame
Chartres gehört zu jenen gotischen Kathedralen Nordfrankreichs, die im 12. und 13. Jahrhundert errichtet und Notre Dame – Unserer Lieben Frau – geweiht wurden. Neben Chartres tragen auch die Kathedralen von Paris, Reims, Amiens, Rouen, Bayeux, Laon, L’Épine und Évreux diesen Namen.
Das Mysterium der „Notre-Dame“ erschöpft sich jedoch nicht allein in der offiziellen Marienverehrung der Kirche. Für die Eingeweihten – zu denen auch wir Templer zählen – verbarg sich in dieser Bezeichnung eine tiefere Bedeutung, die auf die wahre Braut Christi hinweist: Maria Magdalena.
Bernhard von Clairvaux und die Templer
Der Zisterzienser-Abt Bernhard von Clairvaux (1090–1153) war nicht nur Mystiker, Prediger und Vorkämpfer der Kreuzzüge, sondern auch der geistige Vater unseres Ordens. In seinen Schriften erhob er Maria zur „Braut Christi“. Zugleich wandte er sich gegen die Vorstellung eines zölibatären Christus und widersprach der Lehre von der unbefleckten Empfängnis.
Als Patron der Tempelritter schwor er uns im Jahre 1129 ausdrücklich auf Maria Magdalena ein. Er sah in ihr nicht die Sünderin, als die sie die offizielle Kirche zu brandmarken suchte, sondern die wahre Gefährtin und geistige Partnerin Christi. Für uns Ritter des Tempels bedeutete dies, dass wir nicht nur einem irdischen, sondern einem geistlichen Rittertum dienten, das in der Verehrung des Weiblich-Göttlichen seine Mitte fand.
In seiner berühmten Lobrede auf die Tempelritter erhob Bernhard das geistliche Rittertum über das weltliche. Er brandmarkte die weltlichen Ritter als verfallen an Eitelkeit und Laster, während er in unserem Orden die Verwirklichung des wahren, gottgeweihten Rittertums sah.
Das Geheimnis von Chartres
Die Kathedrale von Chartres ist deshalb weit mehr als ein Bauwerk. Sie ist ein Stein gewordener Ausdruck des Mysteriums von Maria und Magdalena. Errichtet auf einem keltischen Heiligtum, durchdrungen von der Weissagung eines Druiden und von Bernhard von Clairvaux in die marianische Strömung des Ordens gestellt, ist Chartres ein Ort, an dem Himmel und Erde sich berühren.
Wer durch ihre Tore tritt, betritt nicht nur ein christliches Gotteshaus, sondern einen uralten Wallfahrtsort, in dem sich das Licht des Christentums mit der Weisheit der alten Völker vereint. Für uns Templer ist Chartres ein Sinnbild des lebendigen Bundes zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen dem ewigen Weiblichen und dem ewigen Christus.
