Templecombe und das Geheimnis des Kopfes
Als Bruder des Ordens des Tempels erinnere ich mich an viele unserer Niederlassungen im heiligen Dienst – und eine davon war Templecombe im englischen Somerset. Im Jahre des Herrn 1185 wurde dort eine Komturei gegründet, hervorgegangen aus der Schenkung eines Serlo Fitz Odo. Unsere Kirche diente nicht allein uns Rittern, sondern auch den Dorfbewohnern als Pfarrkirche – ein sichtbares Zeichen dafür, dass unser Wirken stets Gemeinschaft und Glauben umfasste.
Streit und Recht
Im Jahre 1256 kam es zu einem Streitfall, der bis heute in den Aufzeichnungen überliefert ist. Ein gewisser William de Stures of Worle erhob Klage gegen uns Brüder von Combe und beschuldigte uns, ihn zur Besiegelung einer großen Schenkung gezwungen zu haben. Doch das Urteil bestätigte die Rechtmäßigkeit unserer Ansprüche. Das Land blieb im Besitz des Ordens, wie es auch gerecht war – denn unsere Aufgabe war nicht persönlicher Gewinn, sondern die Sicherung der Mittel für die Verteidigung des Glaubens.
Gefangenschaft und Ende der Komturei
Die dunklen Tage brachen auch über Templecombe herein, als im Jahre 1308 unsere Brüder im Reich des englischen Königs wie überall in Europa verhaftet und nach London gebracht wurden. Der letzte Komtur von Templecombe, William de Burton, gemeinsam mit zwei Rittern, wurde nach der Aufhebung des Ordens zu lebenslanger Einkerkerung im Tower verurteilt. Ein bitteres Los für Männer, die ihr Leben im Dienst des Kreuzes verbracht hatten. Nach der Zerschlagung des Tempels gingen unsere Güter 1332 an die Johanniter über, bei denen sie bis zur Säkularisierung durch Heinrich VIII. verblieben.
Das Rätsel des Templecombe-Kopfes
Templecombe aber erlangte noch Jahrhunderte später eine rätselhafte Berühmtheit. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges entdeckte man in einem Schuppen ein bemaltes Holzpanel mit einer geheimnisvollen Kopfdarstellung – das sogenannte „Templecombe-Portrait“. Manche Forscher, wie Baima Bollone (1985) und Frale (2009), deuteten darin gar das Antlitz Christi oder eine Verbindung zum Grabtuch von Turin und nahmen an, das Bild stamme aus unserer Kirche. Doch die Nachforschungen der Archäologen ergaben anderes: Unsere Komturei lag rund dreihundert Schritte entfernt, und die Tafel befand sich niemals innerhalb der Mauern unserer Kirche, die noch im 18. Jahrhundert stand.
Das Holz selbst wurde mit der Radiocarbonmethode auf die Zeit zwischen 1280 und 1440 datiert. Doch dies sagt wenig aus – das Gemälde konnte auch später aufgetragen worden sein. Ikonographisch jedenfalls weist nichts auf Christus oder das Grabtuch von Turin hin. Ob es sich bei dem Kopf also um ein Werk aus unserer Zeit oder gar um ein Überbleibsel unserer Frömmigkeit handelt, bleibt ungeklärt.
Vermächtnis
So steht Templecombe bis heute zwischen Geschichte und Legende. Was unbestreitbar bleibt: Hier lebten, beteten und kämpften Brüder des Ordens, deren Schicksal schließlich in Kerker und Enteignung mündete. Der „Templecombe-Kopf“ aber ist ein Rätsel, das die Jahrhunderte überdauerte – vielleicht ein Symbol dafür, dass das wahre Geheimnis des Tempels nicht in Holz oder Stein liegt, sondern im unauslöschlichen Geist, der unsere Bruderschaft trägt.
