✠✠✠✠✠✠ ASTO TEMPLER-BLOG ✠✠✠✠✠✠

Vom Mangel an Grundfertigkeiten

Eine Betrachtung aus der Sicht eines Templers

Ich schreibe als Bruder des Ordens vom Tempel, einer Gemeinschaft, die einst Disziplin, Übung und Verantwortung als Grundlage allen Handelns verstand. Mit Staunen – und nicht ohne Sorge – vernehme ich die Kunde aus der Neuen Welt: Eine Lehrerin aus den Vereinigten Staaten sorgt für Aufsehen, weil sie offen ausspricht, womit ihre Drittklässler kämpfen. Nicht mit hohen Künsten oder gelehrter Theologie, sondern mit jenen Grundfertigkeiten, die einst als selbstverständlich galten. Sie ruft dabei nicht nur die Schule, sondern auch die Eltern in die Pflicht.

Was sie benennt, ist eine Liste von zehn Fähigkeiten, deren Fehlen sinnbildlich für eine tiefere Unordnung steht.

Erstens: Die Uhr lesen – nicht ein leuchtendes Kästchen, sondern eine analoge Uhr mit Zeigern. Zeit zu begreifen heißt, Ordnung zu verstehen. Auch wir Templer lebten nach festen Stunden von Gebet, Arbeit und Ruhe.

Zweitens: Schreiben in Schreibschrift. Nicht bloß Buchstaben, sondern die Fähigkeit, Gedanken fließend und verbunden niederzulegen – ein Zeichen innerer Sammlung.

Drittens und viertens: Die Telefonnummern der Eltern und die eigene Adresse sind unbekannt. Wie aber soll ein Kind Sicherheit finden, wenn es die Grundlagen seiner Herkunft nicht kennt?

Fünftens: Geld zählen. Münzen erkennen, benennen, ihren Wert verstehen – dies ist nicht Gier, sondern Teil der Weltkenntnis. Auch unser Orden verwaltete Besitz mit großer Sorgfalt.

Sechstens: Schuhe binden. Eine kleine Handlung, gewiss – doch sie steht für Selbständigkeit. Ein Knappe, der sein Rüstzeug nicht selbst ordnen konnte, war kein verlässlicher Gefährte.

Siebtens und achtens: Die Namen der Eltern und das eigene Geburtsjahr sind unbekannt. Wer seine Wurzeln nicht kennt, steht haltlos im Leben.

Neuntens: Ein Wörterbuch benutzen. Wissen suchen, statt es nur geliefert zu bekommen – eine Fähigkeit, die jedem Novizen abverlangt wurde.

Zehntens schließlich: Zuhören. Zwei Handlungen in einem Satz zu erfassen, Zusammenhänge zu verstehen – das ist die Grundlage von Gehorsam und Urteilskraft. Ohne Zuhören zerfällt jede Gemeinschaft.

Als Templer erkenne ich hierin kein bloßes Schulproblem. Es ist ein Spiegel der Zeit. Bildung ist mehr als Technik, mehr als Geräte und Programme. Sie ist Einübung, Wiederholung, Vorbild. Eltern, Lehrer und Gemeinschaft tragen gemeinsam Verantwortung.

Auch wir wussten: Tugenden und Fertigkeiten wachsen nicht von selbst. Sie müssen gelehrt, vorgelebt und eingefordert werden. Wo dies unterbleibt, verliert die nächste Generation nicht nur Wissen, sondern Halt.

Mögen diese Worte der Lehrerin als Mahnung dienen – nicht nur jenseits des Meeres, sondern überall dort, wo man glaubt, Grundlegendes erlerne sich von allein. Denn ohne Fundament trägt kein Bau, weder eine Schule noch eine Gesellschaft.

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