Der Mann, der Hitler die Ideen gab
Ein Templer spricht über Hochstapelei, falsche Orden und die Saat des Hasses
Ich schreibe als Bruder des Ordens vom Tempel. Und ich schreibe diese Zeilen nicht aus Neugier am Skandal, sondern aus Pflicht zur Wahrheit. Denn unser Name – der der Templer – wurde im 20. Jahrhundert von einem Mann missbraucht, der mit uns nichts gemein hatte außer der Anmaßung, sich unseres Zeichens zu bedienen: Jörg Lanz von Liebenfels.
Ein Titel ohne Grund, ein Name ohne Wahrheit
„Baron“, „Doktor“, „von Liebenfels“ – an diesem klingenden Gebälk war kaum etwas echt. Geboren als Adolf Josef Lanz in Wien-Penzing, ohne Adel, ohne akademischen Grad, ohne Stand, formte er sich eine Herkunft, wie andere sich ein Wappen malen. Geburtsdaten wurden verschoben, Orte erfunden, Elternnamen romanisiert. Nicht aus Unschuld, sondern aus Methode. Hochstapelei war bei ihm keine Randerscheinung, sondern Kern.
Wer ihn deshalb für einen harmlosen Spinner hält, verkennt die Gefahr. Denn aus der Mischung aus Selbstüberschätzung, Mystifikationslust und fanatischem Sendungsbewusstsein wuchs eine Ideologie, die den Mord rationalisierte. Hier zeigt sich jene „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt später beschrieb – eine Banalität, die sich in der Praxis in Gestalten wie Adolf Eichmann materialisierte.
Kloster, Traum und Abfall
Lanz trat 1893 in das Zisterzienserstift Heiligenkreuz ein, nahm den Ordensnamen Georg an – „Schurl“, wie ihn die Brüder nannten. Dort, so behauptete er später, habe ein Grabstein mit einer kämpfenden Figur eine „Offenbarung“ ausgelöst. In Wahrheit war es der Beginn einer Wahnkonstruktion: Er erklärte die Templer zu Hütern „rassischer Reinheit“ und deutete Bild und Geschichte nach eigenem Bedarf. Historisch ist das haltlos.
Der Austritt aus dem Kloster erfolgte 1899 – nicht, wie er glauben machen wollte, aus prophetischem Eifer, sondern, wie das Klosterverzeichnis nüchtern festhält, aus Verfallenheit an die „vanitas saeculi“ und an fleischliche Liebe. Mit dem Habit legte er auch Maß und Bindung ab.
Der Ordo Novi Templi – ein falscher Orden
Kurz darauf gründete Lanz den Ordo Novi Templi (ONT). Ein Orden dem Namen nach, eine Sekte der Sache nach. Weiße Gewänder, Kreuze, Ränge, Liturgie – alles entlehnt, nichts verstanden. Der Zweck: Rassenideologie, Auslese, Ausgrenzung. Wohltätigkeit nur für „Asische“, Preise für „arische Schönheit“, Kolonien der „Reinzucht“. Christus wurde umgedeutet, das Evangelium pervertiert, die Schrift zur Chiffre des Hasses gemacht.
Dass Lanz hierfür lieber das Kruckenkreuz als das Hakenkreuz führte, ändert nichts am Geist. Symbole mögen wechseln – der Wille zur Ausrottung blieb.
Werfenstein und die Saat des Nationalsozialismus
Mit der Burg Werfenstein im Strudengau schuf Lanz eine Bühne. Dort hisste er 1907 erstmals in Österreich eine Hakenkreuzfahne. Dort zelebrierte er Kulthandlungen. Und dort verband sich esoterischer Wahn mit politischem Gift. Dass Adolf Hitler den Einfluss Lanz’ stets leugnete, ändert nichts daran, dass Gedanken wandern. Hass braucht keine Fußnote, nur Anschlussfähigkeit.
„Theozoologie“ – Vernichtung als Lehre
1904 erschien Lanz’ Hauptwerk Theozoologie. Darin erklärte er Frauen zu Trägerinnen des Verderbens, „Mischlinge“ zu Dämonen, Gewalt zur Pflicht. Bibelworte wurden umcodiert, Geschichte umgeschrieben, Mord moralisiert. Es ist unerquicklich, dies zu lesen – und notwendig. Denn hier wurde Vernichtung zur Tugend erhoben.
Dichter im Bann
Erschreckend ist, wer sich in Lanz’ Umkreis bewegte. Guido von List beeinflusste ihn früh. August Strindberg trat dem ONT als „Familiar“ bei; seine Schriften zeigen bedenkliche Nähe zu ariosophischem Denken. Auch Fritz von Herzmanovsky-Orlando und Alfred Kubin bewegten sich in dieser Gedankenwelt – ein dunkler Winkel der Moderne, in dem Kunst und Menschenverachtung ein gefährliches Bündnis eingingen.
Ein Templer spricht Klartext
Nichts an Lanz von Liebenfels ist templarisch. Wir kannten weder Rassenwahn noch Geheimlehren der Vernichtung. Unsere Regel band uns an Kirche und Gewissen. Lanz band sich an den Abgrund – und zog andere mit.
Darum widerspreche ich, wo unser Name missbraucht wird. Der Mann, der Hitler die Ideen gab, war kein Ritter, kein Mönch, kein Lehrer des Guten. Er war ein Hochstapler mit Wirkung, ein Fanatiker mit Druckerschwärze, ein Mahnmal dafür, wie leicht sich Symbole entweihen lassen – und wie teuer die Welt dafür bezahlt.
Die Pflicht der Erinnerung ist klar: Nicht alles, was sich Orden nennt, dient dem Guten. Und nicht jeder, der sich auf Geschichte beruft, spricht Wahrheit.

