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War Jesus ein illegaler Einwanderer?

Jedes Jahr zur Weihnachtszeit tauchen weltweit unzählige Krippen auf, die Jesus als zerbrechliches Neugeborenes im Kreise seiner Familie, Hirten und himmlischer Wesen zeigen. Diese Krippen werden auf Marktplätzen, in Kirchen und anderen stark frequentierten Orten aufgestellt

Doch bei genauer Lektüre der biblischen Erzählungen entdeckt man ein oft übersehenes Weihnachtsmotiv mit Parallelen zu einem brisanten Thema unserer Zeit: der Einwanderung. 

Die Heilige Familie reist, zieht um, flieht, kehrt zurück und durchquert Gebiete, die nicht gänzlich ihr Eigentum sind.

Es stellt sich also die Frage: War Jesus ein Einwanderer? Und hat er die Grenzen legal überschritten oder hat er dabei gegen Regeln verstoßen? 

Werfen wir einen Blick auf die Geschichte. 

Von Nazareth nach Bethlehem

Die Weihnachtsgeschichte beginnt mit einer Reise. Dem Lukasevangelium zufolge verlassen Maria und Josef ihre Heimatstadt Nazareth aufgrund einer römischen Volkszählung, die die Registrierung der Untertanen in ihren angestammten Gebieten vorschrieb. Dies war alles andere als einfach; Reisen unter römischer Besatzung bedeutete, Kontrollpunkte zu passieren, Erpressung, Banditen und die Launen lokaler Beamter zu ertragen. 

Die Reise von Nazareth nach Bethlehem war keine Einwanderung im modernen Sinne, da beide Städte Teil desselben imperialen Systems waren. Man könnte sie aber durchaus als erzwungene Migration unter staatlicher Autorität bezeichnen. 

Hier in Bethlehem wurde Jesus laut Bibel geboren. 

Flucht nach Ägypten: Eine Grenzübertrittsgeschichte

Die Heilige Familie flieht nach Ägypten
Die Heilige Familie auf der Flucht nach Ägypten – (Jakob Jordaens, 1647).

Nach Christi Geburt nimmt die Geschichte eine dramatische Wendung. Laut dem Matthäusevangelium war König Herodes – der damalige Herrscher der Region – schockiert, als er von der Geburt eines neuen „Königs der Juden“ erfuhr. Aus Angst vor Machtverlust befahl Herodes, Jesus zu töten, um einen möglichen Thronräuber zu verhindern.

Als Reaktion darauf floh die Heilige Familie eilig über die Grenze nach Ägypten. Die Flucht aus Judäa nach Ägypten kann durchaus als Einwanderung betrachtet werden, da Ägypten eine eigenständige Provinz mit eigener Regierung und eigenen kulturellen Gepflogenheiten war. 

Wissenschaftler bemerken zudem, dass sich die Geschichte wie ein klassisches Asylthema liest: Eine schutzbedürftige Familie, die vor einem gewalttätigen Herrscher flieht, sucht Zuflucht in einem fremden Land. Modern ausgedrückt: Sie flohen vor religiöser und politischer Verfolgung.

Ob man dies nun „Einwanderung“, „Asylsuche“ oder „Zwangsvertreibung“ nennt, der Punkt ist klar: Jesus verbringt seine frühesten Jahre als Flüchtling. 

Hat die Heilige Familie „das Gesetz gebrochen“?

Hier wird die moderne Debatte kompliziert. Manche argumentieren, da es in der Antike keine strengen nationalen Grenzen gab, könne die Heilige Familie nicht „illegal“ gewesen sein. Andere halten dagegen, dass das Überschreiten von Reichsgrenzen ohne Genehmigung sehr wohl geregelt war.

Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen.

Antike Regierungen kontrollierten die Bewegungsfreiheit primär aus Gründen der Besteuerung, der Arbeitskräftegewinnung und des Militärs (nicht der nationalen Identität). „Illegale Einwanderung“ als Kategorie existierte nicht. Es gab weder Pässe noch Visa oder gar „Nationen“ im heutigen Sinne. Dennoch ist es möglich, dass Menschen, die Grenzen überschritten, um Unterdrückung zu entfliehen, formal gegen andere Gesetze oder Verordnungen der lokalen Behörden verstießen. Und sie wären mit ziemlicher Sicherheit in gewisser Weise als „undokumentiert“ eingestuft worden.

Haben Maria, Josef und Jesus also gegen das Gesetz verstoßen? Wahrscheinlich nicht – denn das damalige Gesetz war ganz anders als unseres. Das heißt aber nicht, dass bestimmte Herrscher (zum Beispiel König Herodes) sie nicht hätten bestrafen oder ihnen Leid zufügen wollen. 

Jesu Aktivitäten als Erwachsener

Jesu Reiseerzählungen enden nicht mit seiner Kindheit. Tatsächlich spielt ein Großteil der Evangelien auf seinen Reisen. Er durchstreift Galiläa, Judäa und Samaria und überschreitet dabei ethnische, politische und religiöse Grenzen.

Viele dieser Grenzübertritte waren kulturell heikel. Samariter galten in der judäischen Gesellschaft als Außenseiter, und umgekehrt. Als Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter erzählt, reagiert sein Publikum nicht wegen der Güte des Fremden, sondern weil dieser aus „den falschen Kreisen“ stammt.

Aber noch einmal: Dies war eine Zeit, bevor es so etwas wie „Einwanderungspolitik“ überhaupt gab – und es gibt keine historischen Quellen, die auf bestimmte Gesetze hinweisen, die Jesus durch seine Reisen in andere Länder gebrochen hätte. 

Was es bedeutet, ein Einwanderer zu sein

War Jesus also ein „illegaler Einwanderer“? Nun, nicht unbedingt im modernen juristischen Sinne, in dem manche diesen Begriff heute verwenden.

Doch Jesu Leben war von vielen Reisen geprägt – er begann als dunkelhäutiges Baby auf der Flucht vor politischer Gewalt und beendete es als armer Lehrer, der von Region zu Region reiste. Dabei überschritt er unweigerlich Grenzen – politische, kulturelle und religiöse – und landete an Orten, wo er gewiss nicht willkommen war.

Allgemeiner betrachtet war Jesus also ein Einwanderer. Ob er dabei gegen Regeln verstoßen hat? Wahrscheinlich schon! Seine Reisen stießen bei vielen Verantwortlichen jedenfalls auf wenig Gegenliebe. Nur mal so als Denkanstoß… Wir lassen Sie mit einigen Gedanken Jesu selbst zu diesem Thema zurück:

 „Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen.“ – Jesus Christus (Matthäus 25,35)

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