Pakistan: Christen auf der Flucht

Nach der Gewalt aufgebrachter Muslime gegen Christen im Punjab haben viele Betroffene die Nächte unter freiem Himmel verbracht. Etwa tausend Menschen haben sich nach Angaben des Hilfswerks „Kirche in Not“ in die Felder geflüchtet.

In der Stadt Jaranwala seien bei den Ausschreitungen gegen Christen zu Beginn der Woche mehr als zwanzig Kirchen und die Häuser vieler Christen angegriffen worden. Die Polizei nahm über hundert Verdächtige fest, die Behörden verhängten ein Versammlungsverbot. Im Süden Pakistans gingen zahlreiche Menschen aus Solidarität mit den betroffenen Christen auf die Straße.

Wie es zu der Gewalt kam, darüber sprachen wir mit dem christlichen Menschenrechtsaktivisten Paul Bhatti, einem Arzt und früheren Minister. In einer Gemeinde dreißig Kilometer außerhalb von Faisalabad seien vor den Häusern von Muslimen Pamphlete aufgetaucht, erklärt er; darauf seien aus dem Koran herausgerissene Seiten abgebildet gewesen, dazu die Unterschriften einiger Christen. „Aber keiner hat die Leute gesehen, die dieses Pamphlet verteilt haben“, so Bhatti.

„Als dieses Pamphlet herumging, begannen nun einige Muslime, über Lautsprecher, in den Moscheen und in der Öffentlichkeit gegen die christliche Gemeinschaft zu protestieren. Einer sagte: ‚Kommt und protestiert, aber nehmt nicht das Gesetz in eure Hand‘. Dann widersprach er sich aber gleich und fuhr fort: ‚Ich will sehen, dass all diese Bäume hier rot gefärbt werden!‘ Das heißt, er wollte Blut auf den Straßen sehen. Das war also eine Provokation.“

So ist es aus Bhattis Sicht zu den verstörenden Szenen des Protests in Jaranwala gekommen: Brennende Kirchen, Angriffe auf die Häuser von Christen.

Zwei Christen festgenommen
„Glücklicherweise gibt es keine Toten oder Verletzten zu beklagen, da die Christen noch rechtzeitig ihre Häuser verlassen haben. Aber das ist sehr schmerzhaft. Ich meine, diese Menschen, die wirklich am Rande der Gesellschaft und in sehr ärmlichen Verhältnissen leben, müssen alles stehen und liegen lassen, um ihr Leben zu retten!“

Nur einige wenige Polizisten hätten Tausenden wütender Muslime gegenübergestanden , so Bhatti. „Diese Leute skandierten: Wir wollen die Täter! Ein Polizist entgegnete: So etwas dürft ihr nicht fordern, das ist Sache der Justiz.“ Zwei Christen sollen festgenommen worden sein, sie sollen wegen Blasphemie angeklagt werden.

„Es ist nicht akzeptabel, dass die ganze christliche Gemeinschaft leiden muss“
„Es ist inakzeptabel, dass Menschen das Gesetz in die Hand nehmen und versuchen, Christen anzugreifen! Meistens sind es in Pakistan Christen, die wegen Blasphemie angeklagt und ins Gefängnis gesteckt werden. Aber die Leute, die provoziert haben und das Gesetz in die Hand genommen haben, sind noch nie bestraft worden!“

Wenn sich wirklich ein Christ der Blasphemie schuldig mache, dann solle er eben vor Gericht gestellt werden. „Aber nur er. Es ist nicht akzeptabel, dass die ganze christliche Gemeinschaft leiden muss: unschuldige Menschen, Kinder, Frauen, die ihre Häuser verlassen müssen, unsere Bibeln werden verbrannt und all diese Dinge – das ist nicht hinnehmbar. Wir sind sehr wütend und sehr, sehr deprimiert über das, was da passiert ist.“

„Abschaffung des Blasphemiegesetzes keine Priorität“
Bhatti tritt – wie viele Christen – für eine Streichung des Blasphemiegesetzes ein. „Aber für mich hat das keine Priorität. Priorität hat für mich vor allem, dass die Menschen das Gesetz nicht selbst in die Hand nehmen. Das sollte öffentlich bestraft werden!“

Pakistan: Gespräch mit einem Menschenrechtler über die Ausschreitungen von Jaranwala – Radio Vatikan
Ebenso wichtig sei, dass das Gespräch zwischen Christen und Muslimen vorankomme. Da sei noch nicht genug geschehen. Die Zahl der Christen in Pakistan liegt bei etwa zwei Prozent; die überwältigende Mehrheit der Einwohner sind Muslime.

Gegen die Hassprediger
„Es liegt in der Verantwortung der muslimischen Gelehrten, die Kinder, die den Koran studieren, mit den allgemeinen Werten der Religion vertraut zu machen und dabei jede Art von Hassbotschaft zu vermeiden, die üblicherweise während des Unterrichts des Korans den Kindern beigebracht wird. Dies sollte also das Ergebnis des interreligiösen Dialogs sein. Wenn wir das erreichen, wird das nicht nur die christliche Gemeinschaft schützen, sondern auch Pakistan und den Islam selbst, denn ich glaube, dass der Islam eigentlich eine friedliche Religion ist.“

Christentum und Islam hätten doch viele gemeinsame Werte. „Aber diese Werte sollten in der Gemeinschaft und in der Öffentlichkeit stärker sichtbar gemacht werden. Und die muslimischen Gelehrten sollten sich gegen diese Leute stellen, die in Wirklichkeit den Islam diffamieren…“

Der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz Pakistans, Erzbischof Joseph Arshad, beschrieb die jüngsten Angriffe als „abscheuliche Tat, die dem Wesen des Friedens, der Respekt und der Toleranz widerspricht, die unsere Nation zu wahren versucht.“ Er forderte die Regierung der Provinz Punjab dazu auf, gegen die Verantwortlichen vorzugehen. „Die Täter müssen identifiziert, gefasst und vor Gericht gestellt werden.“

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