So wirst du charismatischer

Martin Luther King, Barack Obama und Prinzessin Diana waren alle charismatisch. Was hat sie dazu gemacht? Und was können wir von ihnen lernen?

Was ist Charisma?
Charisma kommt ursprünglich aus dem Griechischen und bedeutet „Gnadengabe“. Schon die alten Griechen gingen davon aus, dass Charisma ein „Geschenk Gottes“ ist, das manche haben und andere nicht. Auch der Soziologe Max Weber definiert Charisma Anfang des 20. Jahrhunderts als eine „außeralltäglich geltende Qualität einer Persönlichkeit“, als eine „übernatürliche oder übermenschliche Kraft“.
Tatsächlich kommt man aber nicht einfach mit Charisma auf die Welt. Studien der letzten Jahre zeigen: Charisma hat mit sozialen Fähigkeiten wie emotionaler Sensibilität zu tun. Das heißt, charismatische Menschen sind in der Lage ihre eigenen Gefühle zu zeigen, aber auch die Gefühle anderer wahrzunehmen. Und das Beste: Wir können sogar lernen, charismatisch zu sein.

Wie erkennen wir charismatisches Verhalten?
Olivia Fox Cabane, Buchautorin und Charisma-Coach, lehrt an verschiedenen amerikanischen Universitäten zum Thema Charisma. Sie schreibt in ihrem Buch, dass sich charismatisches Verhalten in drei Säulen einteilen lässt.
Präsenz: Zeigt sich darin, dass charismatische Menschen im Moment verweilen, aktiv zuhören und auf Gesagtes reagieren. Sie machen ihren Gesprächspartner:inne zum Zentrum der Aufmerksamkeit und interessieren sich ehrlich für ihr Gegenüber.
Macht: Damit ist nicht unbedingt eine reelle Macht gemeint wie die des Bundeskanzlers oder des Chefs/ der Chefin. Das bedeutet so viel wie, dass jemand durch bestimmte Fachkenntnisse und Fähigkeiten oder auch seine Intelligenz eine hohe Kompetenz auf einem Gebiet besitzt und dadurch Charisma hat.
Wärme: Diese erfordert Empathie, Offenheit und eine positive Einstellung anderen gegenüber. Charismatische Menschen strahlen Freundlichkeit und Akzeptanz aus und geben den anderen ein Gefühl, das sie sonst von guten Freund:innen oder einem Familienmitglied kennen.
Um charismatisch zu sein, muss man aber nicht über alle drei Säulen verfügen. Schon eine Stärke in einer der drei Säulen macht einen Menschen charismatisch.

Nur wirklich wenige Menschen sind Meister in allen drei. Dazu zählt zum Beispiel der Bürgerrechtler Dr. Martin Luther King. Apple-Chef Steve Jobs hingegen war charismatisch, weil er ein hohes Level an Macht, aber auch Präsenz ausstrahlte – Wärme fehlte ihm dafür. Diese besaß dafür Prinzessin Diana, die als Prinzessin der Herzen galt.

Was begrenzt Charisma?
Geringes Selbstbewusstsein und Selbstzweifel sind nicht förderlich für Charisma. Auch wenn man es kaum glaubt: Gerade erfolgreiche Menschen sind oft vom sogenannten „Impostor-Syndrom“ (zu Deutsch: „Hochstapler-Syndrom“) betroffen. Obwohl wir unter einem Hochstapler oder einer Hochstaplerin eigentlich eine:n Blender:in verstehen, meint das Syndrom genau das Gegenteil.
Artikel Abschnitt: Was ist das Impostor-Syndrom?
Was ist das Impostor-Syndrom?
Trotz überragender Leistungen und Lob von Kolleg:innen plagen Betroffene des Impostor-Syndroms Selbstzweifel. Sie haben Angst, dass jemand ihre – subjektiv empfundene – Unfähigkeit aufdeckt, weil sie glauben, dass ihr Erfolg nicht auf ihre Fähigkeiten zurückzuführen ist, sondern auf Zufall oder Glück. Die Psychologinnen Dr. Pauline Rose Clance und Dr. Suzanne Imes prägten 1978 als Erste den Begriff.
Erziehung oder gesellschaftliches Frauenbild sind Faktoren
In einer Studie mit über 150 Frauen zwischen 20 und 45 Jahren analysierten Clance und Imes, dass das „Impostor-Syndrom“ zum einen durch die Art und Weise der Erziehung, zum anderen aber auch durch das damalige gesellschaftliche Frauenbild hervorgerufen wird. Anders als Männer führen Frauen ihren Erfolg nicht auf eigene Fähigkeiten zurück, schrieben die Psychologinnen 1978, sondern oft auf äußere Einflüsse wie Glück oder Zufall. Laut Clance und Imes sind die gesellschaftlichen Erwartungen an das weibliche Geschlecht der Hauptauslöser für das Syndrom.

Weitverbreitetes Phänomen
Anders als noch 1978 gehen Forschende heute davon aus, dass das Impostor-Syndrom ein weit verbreitetes Phänomen ist, das 70 Prozent der Bevölkerung schon mal erfahren haben. Das Syndrom soll Menschen aus allen Lebensbereichen wie Frauen, Männer, Medizinstudierende, Manager:innen, Angestellte und Schauspieler:innen betreffen.
Die Psychologin Pauline Rose Clance entwickelte 1985 einen Test, mit dem sich jeder auf das Impostor-Syndrom testen kann. (PDF)

Warum haben Menschen das Impostor-Syndrom?
Das ist bisher nicht abschließend erforscht. Einige Wissenschaftler:innen gehen davon aus, dass es mit der Persönlichkeit, mit Ängsten oder der emotionalen Stabilität zusammenhängt.
Andere Forschende führen es auf die Familie und die Erziehung zurück. Es könnten etwa Kindheitserinnerungen, wie das Gefühl, dass die Noten niemals gut genug waren oder dass die Geschwister immer besser waren, später zum Auftreten des Syndroms führen.

Auch äußere Faktoren, wie die Erfahrung von Diskriminierung aufgrund der Herkunft oder Hautfarbe, können das Impostor-Syndrom verstärken.

Eine Studie, 2017 im „Journal of Counseling Psychology“ veröffentlicht, zeigt, dass afroamerikanische Studierende noch häufiger unter Angstzuständen und Depressionen leiden, wenn sie ein ausgeprägtes Impostor-Syndrom haben.

Lässt sich Charisma erlernen?
Charisma lässt sich in Teilen erlernen, weil es im Wesentlichen damit zu tun hat, was wir sagen und wie wir es sagen.
John Antonakis, Professor für Verhaltensökonomie an der Universität von Lausanne in der Schweiz, beschreibt zwölf verbale und nonverbalen Taktiken, die uns im Gespräch mit anderen charismatisch machen. Er nennt sie „charismatische Führungstechniken“.

Sprichwörter und Körpersprache wichtig
Er untersuchte dafür die Nominierungsreden aller Anwärter für das Amt des Präsidenten/der Präsidentin in den USA zwischen 1916 und 2008. Das Ergebnis: Der Gebrauch von bildlicher Sprache, Anekdoten, Sprichwörtern und der richtige Einsatz von Körpersprache hatten einen signifikanten Einfluss auf den Ausgang der Wahl.

In einem Workshop brachten Antonakis und sein Team diese Taktiken 34 Manager:innen eines Schweizer Unternehmens bei sowie 41 Studierenden. Anhand der erlernten Taktiken konnte er in einer Untersuchung zeigen, dass die Teilnehmenden anschließend in ihren Reden und Vorträgen vor Publikum kompetenter und überzeugender wahrgenommen wurden.

Aber charismatische Menschen werden nicht nur gemocht, weil sie gute Geschichten erzählen oder Reden halten können, sondern auch dafür, weil sich andere in ihrer Gegenwart gut fühlen.

Achtsamkeitsübungen können helfen
Olivia Fox Cabane beschreibt, wie wir die drei Säulen des Charismas im Alltag trainieren können. Wenn wir zum Beispiel feststellen, dass unsere Aufmerksamkeit immer wieder nachlässt, während wir mit jemandem sprechen, leidet unsere Präsenz darunter. Präsenz lässt sich mit Achtsamkeitsübungen im Alltag trainieren – wie zum Beispiel, sich für einen Moment nur auf die Umgebungsgeräusche, Straßenlärm, auf den Songtext unseres Lieblingslieds oder auf den prasselnden Regen zu konzentrieren. Das hilft uns, unsere Konzentration zu fokussieren.

Der Schlüssel zur Macht liegt laut Cabane darin, Selbstzweifel zu beseitigen und sich selbst zu versichern, dass man dazugehört und dass die eigenen Fähigkeiten und Leidenschaften für andere wertvoll und interessant sind.

Die dritte Säule, Wärme, zu trainieren ist schon deutlich schwieriger. Dafür schlägt Olivia Fox Cabane vor, sich eine Person vorzustellen, für die man große Wärme und Zuneigung empfindet, und sich dann auf das zu konzentrieren, was man an der Interaktion mit ihr am meisten genießt. Jede Interaktion mit anderen bietet uns im Alltag die Möglichkeit, Charisma zu trainieren.

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