So begehen Orthodoxe in Istanbul Epiphanie
Ein Bericht in der Stimme eines Templers
Am sechsten Tage des Januars, da die Christenheit die Taufe unseres Herrn gedenkt, erhebt sich auch in Konstantinopel – das die Welt heute Istanbul nennt – ein uralter Ruf. „Würdig!“, antwortet die Gemeinde, wieder und wieder, wie ein Echo aus den Jahrhunderten. In der Georgs-Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats wird das Hochfest Epiphanie gefeiert, würdevoll und lang, beinahe vier Stunden, wie es sich für einen Tag gehört, an dem Himmel und Wasser einander berühren.
Ich stehe im Vorhof, das Kreuz der Ordensbrüder auf der Brust, und sehe, wie Pilger kommen und gehen. Manche verweilen nur kurz, entzünden eine Kerze, sammeln sich dann draußen. Andere bleiben, getragen vom Gesang, vom Duft des Weihrauchs, vom Ernst der Stunde. So war es schon zu Zeiten der ersten Christen, und so ist es geblieben.
Eine junge Frau namens Georgia, aus dem griechischen Westthrakien angereist, spricht von der Theophanie, der Offenbarung des dreifaltigen Gottes. Heute, sagt sie, werde das Kreuz ins Meer geworfen, um das Wasser zu segnen – und wir beten für ein gutes Jahr. Ihre Worte sind schlicht, doch schwer an Bedeutung. Denn wer das Wasser segnet, segnet die ganze Schöpfung.
Bald setzt sich die Prozession in Bewegung. Priester schreiten voran, Kerzen und Evangeliar erhoben. Zuletzt erscheint Patriarch Bartholomäus, Hirte von mehr als dreihundert Millionen orthodoxen Christen. In seinen Händen ruht das Kreuz. Glocken läuten, als er die Straße zum Goldenen Horn überquert. Polizisten sichern den Weg – in diesem Land eine notwendige Geste des Schutzes und des Respekts gegenüber der orthodoxen Minderheit.
Ein Weihbischof, Pater Hieronymus, erklärt die Bedeutung des Ritus: Wasser sei Ursprung des Lebens, und seine Segnung umfasse die ganze Schöpfung. Doch er spricht auch von der Gegenwart. Sein Wunsch für das neue Jahr sei der Frieden. Kein leerer Klang, sagt er, sondern eine Bitte, die nach Dialog verlangt. Mauern, menschengemacht, müssten überwunden werden, damit Brüder einander erkennen.
Am Ufer sammeln sich die Gläubigen. Fähren und Seebusse liegen bereit, die Wasserpolizei sichert den Raum. Dann hebt der Patriarch das Kreuz – und wirft es in die Fluten. In diesem Augenblick springen mehr als zwei Dutzend Menschen ins kalte Meer. Es ist kein Wettkampf, so sagen sie, sondern ein Ringen um den Segen. Binnen einer Minute wird das Kreuz emporgehoben, Küsse berühren das Metall, Gesang brandet auf, Sirenen und Schiffshörner antworten.
Auch auf der asiatischen Seite, in Kadıköy, wird der Brauch nach Jahrzehnten der Pause wieder lebendig. Zwei Kontinente, ein Glaube, ein Wasser.
Nicos und George, junge Männer aus Griechenland, steigen fröstelnd an Land. Einen Monat lang hätten sie kalt geduscht, erzählen sie, um sich vorzubereiten. Doch entscheidend sei nicht die Kraft, sondern der Sinn: der Segen und die Ehre, in Konstantinopel zu schwimmen, wo ihre Vorfahren lebten. Unter den Schwimmern ist auch Marina, eine Spanierin, die in Istanbul wohnt. Sie trägt einen Badeanzug, kein leichtfertiges Gewand, wie sie betont. Es sei großartig gewesen, sagt sie, aufregend – und würdig.
Als der Patriarch den Rückweg zur Kathedrale antritt, läuten erneut die Glocken. Die Luft ist kalt, das Wasser gesegnet, die Hoffnung erneuert. So endet die Epiphanie in Istanbul: nicht als Schauspiel allein, sondern als Zeugnis eines Glaubens, der über Zeiten, Meere und Kontinente hinweg Bestand hat. Wie ein Templer es sagen würde: Nicht das Schwert, sondern der Segen wahrt die Welt.
