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So begehen Orthodoxe in Istanbul Epiphanie

Am 06. Januar haben Christen weltweit das Hochfest Epiphanie gefeiert. Auch für Orthodoxe ist das ein besonderer Feiertag: In vielen Gemeinden finden Wasserweihen statt. Dazu wird meistens ein Kreuz in ein Becken oder fließendes Gewässer geworfen und Gläubige – in der Regel junge Menschen – veranstalten ein Wettschwimmen zum Kreuz. Auch in anderen Teilen der Welt wurde gefeiert – besonders groß in Istanbul. Dort hat das Ökumenische Patriarchat seinen Sitz. Marion Sendker war für uns vor Ort.

„Würdig!“, ruft die Gemeinde mehrmals hintereinander. Istanbul, am Fest der Taufe Jesu: In der orthodoxen Georgs-Kathedrale des Ökumenischen Patriarchats von Konstantinopel wird einer der wichtigsten Feiertage im orthodoxen Kirchenjahr begangen. Die Zeremonie in der Kirche dauert heute fast vier Stunden. Zahlreiche Besucher schauen nur kurz zu, zünden eine Kerze an und versammeln sich dann im Vorhof der Kathedrale.

„Wir sind aus Griechenland gekommen. Den Tag der Taufe Jesu feiern wir als das Fest der Theophanie, der Manifestation des dreifaltigen Gottes. Und dann wird später ein Kreuz ins Meer geworfen, um das Wasser zu segnen und wir beten für ein gutes Jahr”, sagt Georgia, eine junge Frau, die mit ihren Freunden aus dem griechischen Westthrakien angereist ist. Sie warten auf den Beginn der Prozession zum Goldenen Horn. So heißt die westliche Spitze der Meerenge Bosporus in Istanbul, an deren Ufer das Ökumenische Patriarchat seit mehr als vier Jahrhunderten seinen Sitz hat. An diesem Tag bewachen Polizisten die Gassen, die zum Wasser führen. In der Türkei ist das eine Standardmaßnahme – zum Schutz und aus Respekt der orthodoxen Minderheit im Land

„Ich sehe hier keine Probleme. Es ist ein sehr schönes Ereignis: Viele Menschen sind mit Reisegruppen aus Griechenland hier und ich freue mich, sie zu sehen, denn sie alle scheinen aufrichtige und im Glauben gefestigte Menschen zu sein”, sagt Tahir Avci, ein Türke, der seine ukrainische Frau zum Gottesdienst begleitet

Jetzt machen Personenschützer den Weg vor der Kathedrale frei. Mit Kerzen und dem Evangeliar schreiten Priester voran, zum Schluss kommt das Oberhaupt von mehr als 300 Millionen orthodoxen Christen weltweit: Patriarch Bartholomäus I. Er hält das Kreuz, das gleich ins Meer geworfen wird. Als Bartholomäus die Straße überquert, die zum Wasser führt, läuten Kirchenglocken.

Das Ritual der Wasserweihe stammt aus der Zeit der Urkirche, erklärt Pater Hieronymus, einer der Weihbischöfe des Patriarchen:

„Die Idee, das Wasser zu segnen, ist tief in unserer Kultur verwurzelt – wie in vielen Kulturen. Wasser ist ein elementarer Teil der Schöpfung. Durch die Segnung des Wassers wird also die gesamte Schöpfung gesegnet.”

Verbunden mit der Segnung seien auch Wünsche für das neue Jahr. Für Pater Hieronymus ist das vor allem eins: Weltfrieden.

„Ich weiß, das hört man sehr oft, aber es ist ein wichtiger Wunsch, vor allem wenn er mit ehrlicher Absicht geäußert wird und nicht nur eine Worthülse ist, die immer und überall einfach nur wiederholt wird.”

Für Frieden brauche es Dialog, sagt Pater Hieronymus. Ein gutes Beispiel seien die Beziehungen der Orthodoxie zur römisch-katholischen Kirche. Durch Gespräche habe man Erstaunliches erreicht.

„Ich denke, früher haben wir uns ängstlich hinter menschengemachten Mauern versteckt. Aber wenn wir es wagen, diese zu überwinden, dann sehen wir, dass wir Geschwister sind. Es ist leichter, jemanden zu verstehen, wenn man mit ihm spricht.”

In dieser Hoffnung begeht die orthodoxe Kirche die Wasserweihe. Nicht nur hier, auf der europäischen Seite Istanbuls am Goldenen Horn, wird am 6. Januar ein Kreuz ins Wasser geworfen. Auch orthodoxe Christen im asiatischen Stadtteil Kadiköy haben sich versammelt: Nach einer 63-jährigen Pause beleben sie den Brauch wieder. In Asien wirft der Metropolit von Chalcedon, Emmanuel Adamakis, das Kreuz ins Wasser, in Europa Patriarch Bartholomäus.

Auf beiden Kontinenten springen in dem Moment Menschen ins Meer. Am Goldenen Horn, bei Patriarch Bartholomäus, sind es mehr als zwei Dutzend. Um das Ritual zu verfolgen, haben sich mehrere hundert Menschen versammelt: Manche stehen am Ufer, andere haben einen Platz auf einer der vielen Fähren und Seebusse des Öffentlichen Nahverkehrs bekommen, die für diesen Moment bereitgestellt wurden. Vor ihnen sichert die Istanbuler Wasserpolizei den Bereich mit Booten und Tauchern.

Es dauert nicht einmal eine Minute, bis der erste Schwimmer das Kreuz erreicht und es siegreich in die Höhe hält. Die Gläubigen beginnen zu singen, die Schwimmer küssen das Kreuz und als einer es dem Patriarchen übergibt, hupen die Polizeiboote und die städtischen Seebusse.

Sicherheitsleute und Gemeindemitglieder helfen den Schwimmern, ans Ufer zu klettern. Die beiden jungen Griechen Nicos und George gehören zu den letzten, die an Land gezogen werden.

„Um uns vorzubereiten, haben wir uns etwa einen Monat lang jeden Tag kalt geduscht. Und dann musst du natürlich schnell schwimmen, um das Kreuz zu erwischen. Aber es ist kein Wettkampf, wir sind für den Segen hier und es ist ein großer Segen, in Konstantinopel zu schwimmen. Unsere Vorfahren kommen hierher!”, sagt Nicos. Wie er sind die meisten Schwimmer junge Männer aus Griechenland. In diesem Jahr haben sich aber auch ein paar Frauen angemeldet. Eine von ihnen ist die in Istanbul lebende Spanierin Marina:

„Es war großartig und aufregend! Letztes Mal war auch schon eine Frau dabei, also habe ich das Patriachat gefragt, ob ich dieses Jahr mitmachen darf und sie haben Ja gesagt. Nur natürlich nicht im Bikini, für so etwas muss man sich schon besonders anziehen.”

Marina trägt einen Badeanzug. Während sie erzählt, reicht ihr jemand ein Handtuch. Die Luft ist kalt. In dem Moment läuten wieder Kirchenglocken: Der Patriarch ist bereits auf dem Rückweg in seine Kirche und dürfte wohl gerade die Uferstraße überqueren.

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